Wie das Rehazentrum Oberharz schlechtem Schlaf auf den Grund geht
Für die Polygrafie werden die Patienten vor dem Schlafengehen mit einem Nasenschlauch, zwei Gurten und einem Fingersensor ausgestattet. Foto: Rehazentrum
Das Rehazentrum Oberharz führt aktuell eine eigene Studie zu Schlafstörungen durch. Mit mobilen Messgeräten sammelt die Klinik Daten, um Ursachen besser einzuordnen.
Clausthal-Zellerfeld. Rund jeder dritte Deutsche leidet unter Schlafstörungen. Bei Menschen mit onkologischen oder psychosomatischen Erkrankungen ist der Anteil noch einmal höher. Im Rehazentrum Oberharz geben mehr als 85 Prozent der Patienten an, schlecht zu schlafen. Doch wie oft steckt tatsächlich eine organische Ursache dahinter? Genau das will Dr. Bernhard Koch, ärztlicher Direktor der Klinik, mit einer eigenen Studie herausfinden. Bis zum Sommer sollen dort mehr als 500 Patienten mithilfe einer sogenannten Polygrafie, also einem kleinen Schlaflabor, untersucht werden.
Der ärztliche Direktor Dr. Bernhard Koch (l.) und Verwaltungsdirektor Patrick Wolloscheck sprechen über die Schlafstudie im Rehazentrum Oberharz. Foto: Knoke
Was auf den ersten Blick eindeutig klingt, ist medizinisch jedoch weniger klar, erklärt der Mediziner Koch. Denn ein subjektiv schlechter Schlaf bedeute nicht automatisch, dass auch eine behandlungsbedürftige Schlafstörung vorliege. Eine verlässliche Datenlage dazu habe ihm bislang gefehlt. Um diese Lücke zu schließen, sammelt das Rehazentrum in Clausthal-Zellerfeld nun systematisch solche Zahlen. Ziel sei es, herauszufinden, wie häufig organische Schlafstörungen bei psychosomatisch erkrankten Menschen tatsächlich auftreten und welche Risikofaktoren dabei eine Rolle spielen.
Was ist eine Schlafstörung?
Medizinisch wird erst dann von einer Schlafstörung gesprochen, wenn die Beschwerden mindestens dreimal pro Woche über einen Zeitraum von vier Wochen auftreten, sagt Koch. Ein wichtiges Warnsignal sei zudem die ausgeprägte Tagesmüdigkeit, etwa wenn Betroffene ständig ungewollt einnicken. Grundsätzlich werde zwischen organischen und nicht organischen Schlafstörungen unterschieden. Zu den organischen Ursachen zählen laut dem ärztlichen Direktor unter anderem Diabetes mellitus, chronische Schmerzkrankheiten und Schlafapnoe. Dabei kommt es im Schlaf immer wieder zu kurzen Atemaussetzern, wodurch der Sauerstoffgehalt im Blut sinkt und der Schlaf ständig unterbrochen wird, erklärt Koch. Eine Patientin im Rehazentrum habe allein 80 solcher Aufwachreaktionen in einer Stunde gehabt. Gemerkt habe sie jedoch nichts davon, sich morgens aber immer gefragt, warum sie so gerädert sei.
Tagespflege der Diakonie
Wo Clausthals Senioren auch gern mal eine zünftige Party feiern
Nicht organische Schlafstörungen hingegen lassen sich nicht auf eine körperliche Ursache zurückführen. Häufig seien es Lebensgewohnheiten, die den Schlaf beeinträchtigen, erläutert Koch. Spätes Zubettgehen, aufregendes Fernsehen, das Smartphone im Bett oder eine ungünstige Auswahl von Speisen und Getränken spielten dabei eine Rolle. In der Rehaklinik lernen die Patienten deshalb in speziellen Seminaren, wie Schlafhygiene funktioniert und wie sie ihren Alltag besser an den natürlichen Biorhythmus anpassen können.
Ein Gerät kostet rund 3000 Euro
Ein vollwertiges Schlaflabor ist laut Koch deutlich aufwendiger und teurer als eine Polygrafie. Zwar sei zeitweise sogar überlegt worden, am Rehazentrum ein eigenes Schlaflabor zu bauen, doch schon die mobilen Messgeräte lieferten aussagekräftige Ergebnisse. Bei der Polygrafie schlafen die Patienten nicht in einem speziellen Raum, sondern werden lediglich mit Gurten an Brust und Bauch, einem dünnen Plastikschlauch in der Nase und einem Fingersensor ausgestattet. Gemessen werden unter anderem Atemfluss, Puls, Sauerstoffsättigung, Bewegungen des Brustkorbs und Bauches, die Körperlage sowie das Schnarchen, erklärt Koch. Im klassischen Schlaflabor kämen zusätzlich Messungen der Gehirnströme, der Muskelaktivität und Videoaufzeichnungen hinzu.
Anbau und Aufbau im Social Club
Cannabis im Oberharz: Wie ein neuer Verein durchstarten will
Ob ein Patient an der Studie im Rehazentrum teilnehmen kann, wird bei der Aufnahme ausgelost. Die Messung erfolgt meist in der zweiten Woche des rund fünfwöchigen Aufenthalts. Für das Personal sei das eine logistische Herausforderung, sagt Koch, da nur zwei Geräte zur Verfügung stehen. Eins koste mit Zubehör schon circa 3000 Euro. Inzwischen liegen bereits 225 auswertungsrelevante Messungen vor. In rund zehn Prozent der Fälle kam es zu Fehlmessungen, etwa wenn die Sensoren nachts verrutscht waren. Das Durchschnittsalter der Teilnehmer liegt bei 53 Jahren, der Frauenanteil bei 65 Prozent. Laut Verwaltungsdirektor Patrick Wolloscheck entspricht das dem üblichen Patientenstamm des Rehazentrums.
Studie soll bis Sommer laufen
Der ärztliche Direktor kann bereits ein kleines Zwischenfazit nach einem halben Jahr ziehen: Die bisherigen Ergebnisse zeigen ein deutliches Missverhältnis zwischen subjektivem Empfinden und medizinischem Befund. Während mehr als 85 Prozent der Patienten im Fragebogen Schlafprobleme angaben, hatten tatsächlich nur rund 15 Prozent eine therapiebedürftige organische Schlafstörung, fasst Koch zusammen. 24 Prozent wiesen leichte schlafbezogene Atmungsstörungen auf, neun Prozent mittelschwere und sechs Prozent schwerere. Einen Zusammenhang mit Alter oder Geschlecht habe er bislang nicht festgestellt – wohl aber mit dem Body-Mass-Index. Bei starkem Übergewicht steige das Risiko deutlich.
Bilanz nach dem ersten Jahr
Ein Oberharzer Campingplatz erfindet sich neu
Für viele Patienten sei ein auffälliger Befund dennoch kein Grund zur Sorge, sondern eher eine Erleichterung, sagt Koch. Eine organische Ursache lasse sich oft gezielt behandeln. Bei Schlafapnoe kämen beispielsweise moderne Atemmasken zum Einsatz, die deutlich leiser und komfortabler seien als früher und von den Krankenkassen bezahlt würden. Alternativ gebe es Unterkieferschienen oder in schweren Fällen operative Eingriffe. Durch die Studie hätten sie nun aber einen Befund, mit dem sie sich an ihren Haus- oder Hals-Nasen-Ohren-Arzt wenden können. Unbehandelte Schlafstörungen hingegen erhöhten langfristig das Risiko für Depressionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Unfälle durch Tagesschläfrigkeit.
Umso wichtiger findet es Koch, genau hinzuschauen. Er selbst findet diese Forschung sehr spannend und meint, dass das ein gutes Thema für eine Doktorarbeit sei. Bisher habe sich aber noch keiner mit einem Promotionsinteresse gefunden. Laut Wolloscheck hat die Klinik der Deutschen Rentenversicherung überdies den Auftrag, regelmäßig Forschung zu betreiben.
Copyright © 2026 Goslarsche Zeitung | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.