Was tun, wenn die Psyche das Studium erschwert?
Julia Pluta hilft Studierenden an der TU Clausthal bei psychischen Problemen. Foto: dpa | Swen Pförtner/Müller
Julia Pluta leitet die psychotherapeutische Beratungsstelle des Studierendenwerkes Niedersachsen. Sie erklärt Unterstützungsmöglichkeiten und Lücken im System.
Clausthal-Zellerfeld. Die Nachfrage nach psychosozialer Unterstützung für Studierende wird immer größer. Zahlen des Deutschen Studierendenwerks zeigen, dass die Beratungskontakte zwischen 2006 und 2017 um rund 60 Prozent zunahmen. Bis 2023 blieb die Nachfrage ungebrochen hoch.
Die TU Clausthal gehört zum Zuständigkeitsbereich des Studierendenwerks Ostniedersachsen. In der psychotherapeutischen Beratungsstelle (PBS) arbeitet seit anderthalb Jahren Julia Pluta. Sie ist Diplom-Psychologin und nimmt ebenfalls einen Anstieg der Hilfesuchenden wahr. Denn trotz weniger Studierendenzahlen an der TU „bleibt die Nachfrage gleich“.
Möglichkeiten und Grenzen für Studierende
Studierende können sich in Präsenz, per Telefon oder E-Mail an ihre Beratungsstelle wenden. Die Gespräche können dann auch per Videoanruf stattfinden. Sie sind kostenfrei, eine Überweisung oder andere formale Unterlagen braucht es nicht. Wer dringend Unterstützung sucht, kann notfalls spontan vorbeikommen und Wartezeit in Kauf nehmen. In der Regel vereinbaren Studierende ihre Termine jedoch per E-Mail. „Für viele ist es wichtig, zeitnah mit jemandem sprechen zu können“, sagt Pluta. Denn, und das weiß sie aus Erfahrung: „Die Wartelisten für reguläre Therapieplätze sind lang.“ Während es dort monatelange, teilweise jahrelange Wartezeiten gibt, kann sie in Clausthal-Zellerfeld „innerhalb von zwei bis drei Wochen Termine anbieten.“
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Fachärztliche Atteste darf sie nicht ausstellen und auch keine Medikamente verordnen. „Und natürlich kann ich keine längere psychotherapeutische Begleitung anbieten“, sagt sie. Zu Anfang gibt es ein Orientierungsgespräch, um das Hauptproblem zu finden. „Dann sind weitere Gespräche möglich, normalerweise sechs bis acht.“ Chronische Erkrankungen und Beeinträchtigungen, zu denen auch psychische zählen, können die Grundlage für einen Nachteilsausgleich bei Bafög, Zulassung oder Prüfungsleistungen bilden. Bafög ist die staatliche Förderung für Studierende, Schüler und Auszubildende. Studierende bekommen nach Ende ihrer Regelstudienzeit nur noch Bafög, wenn sie einen Leistungsnachweis vorlegen. Psychische Probleme können das Studium verlängern.
Für einen Nachteilsausgleich ist aber nicht Pluta, sondern die zentrale Studienberatung, kurz ZSB, zuständig. Als Nachweis brauche es oft genau die Atteste, die sie nicht ausstellen darf.
Die Rolle der ZSB
Nachteilsausgleiche hängen an Einzelfallprüfungen, formalen Anträgen und komplexen Nachweispflichten. Studierende wissen nicht unbedingt, was ihnen zusteht, weil die Rechtsgrundlagen sich ständig ändern und teilweise je nach Hochschule unterschiedlich sind. Deswegen berät die ZSB zu Nachteilsausgleichen, zur Studienorganisation und zur Kommunikation mit Prüfungsorganen. Aber was, wenn Studierende ihre Rechte von vornherein überblicken könnten? Eine Empfehlung der Hochschulrektorenkonferenz kritisiert genau diese bürokratische Zersplitterung zwischen Hochschulgesetzen, Prüfungsordnungen und Bafög-Regelungen. Sie fordert „verbindliche, transparente, rechtssichere und schlanke Verfahren“, damit sie handhabbar werden.
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Für Nachteilsausgleiche, Verlängerung der Regelstudienzeit oder eine kassenfinanzierte Langzeittherapie zählt rechtlich erst ein ärztliches Attest. Die PBS-Einschätzung unterstützt, aber entscheidet nicht. Wer also zum Facharzt wie einem Psychiater oder zu einem Psychotherapeuten will, muss sich auf dem regulären Weg darum kümmern. Das bedeutet oft: zum Hausarzt, Überweisung geben lassen, Notdienst über die 116117 nutzen oder Praxen abtelefonieren, warten. Erstgespräche führen und wieder warten.
Umgang mit Lücken im System
„Ich darf ein Schriftstück mit meiner Einschätzung aufsetzen“, sagt Julia Pluta. „Das kann helfen, den Fall zu sortieren, ist aber keine Überweisung.“ Um Studierende bei der Therapieplatzsuche zu unterstützen, liegen Informationsbroschüren in ihrer Beratungsstelle. „Und ich gebe Tipps für die Vorgehensweise“, sagt die Psychologin. Die Zusammenarbeit zwischen PBS und ZSB funktioniert laut Julia Pluta allerdings gut. „Wir treffen uns einmal im Monat, um Zuständigkeiten oder offene Fragen zu klären.“ Bei akutem Bedarf sei auch ein kurzfristiger Kontakt möglich. Für viele Studierende sei es eine „unheimlich herausfordernde Zeit“, die Nachwehen der Corona-Pandemie spüren sowohl Mitarbeitende als auch die Hilfesuchenden bis heute.
Für die Zukunft wünscht sich die Psychologin „besseren Zugang zu Diagnostikstellen und zu fachärztlicher Betreuung“. In der Gesellschaft solle es weniger Stigmatisierung und mehr Verständnis für psychische Störungen geben. Ihrer Erfahrung nach scheuen sich Studierende bis heute davor, sich Hilfe zu suchen oder Anträge auszufüllen. Nicht nur wegen bürokratischer Hürden, sondern auch aus Angst vor Verurteilung. „Es ist schon viel passiert, aber es gibt noch viel Luft nach oben.“
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