Hitlers General: Magda Goebbels und ihre Goslar-Vergangenheit
Nach dem Selbstmord: Die Sowjets lassen in der Leichenhalle des chirurgischen Feldlazaretts in den Kliniken von Berlin-Buch die Leiche von Hans Krebs obduzieren. Foto: GZ-Archiv/Repro: Sowa
Ob sich der frühere Goslarer Jäger Hans Krebs und Magda Goebbels kurz vor ihren Tod im Berliner Bunker auch über Goslar unterhalten haben? Reine Spekulation. Auch die Frau von Hitlers Propaganda-Minister hat eine Vergangenheit in der Stadt.
Goslar. Magda Goebbels ist mit ihrem Nachwuchs seit dem 22. April im Bunker. Ob sie mit General Hans Krebs noch über Goslar und die frühere Zeit gesprochen hat, die beide in der Stadt verbracht haben? Reine Spekulation. Immerhin verbringt sie dort 1919/20 ein paar Monate im Mädchenpensionat Holzhausen im Haus 10 am Claustorwall beziehungsweise an der Klaustorpromenade. Sie zieht dort nach ihrem Abitur im Herbst 1919 ein und hat in dieser Zeit eine schicksalhafte Begegnung.
Auf der Rückreise von Berlin nach Goslar lernt sie im Februar 1920 in einem überfüllten Zug den in einem Abteil der Ersten Klasse sitzenden Großindustriellen Dr. Günther Quandt kennen. Er ist doppelt so alt wie sie und seit anderthalb Jahren verwitwet. Dr. Otmar Hesse schreibt in seinem Krebs-Beitrag in einer Fußnote: „Er hilft ihr beim Aussteigen in Goslar, erhält ihre Adresse und unterbricht seine Rückreise von Kassel, quartiert sich im Achtermann ein, besorgt einen Strauß Rosen, den er der Hausmutter überreicht, und bestellt als angeblicher Freund ihres Vaters Magda dessen Grüße. Bei einem weiteren Besuch bittet er sie auf einer Harzfahrt, seine Frau zu werden. Magda Friedländer verlässt bald Goslar und heiratet Günther Quandt nach einer längeren Bedenkzeit.“
Quandt verlangt anderen Namen
Sie verloben sich schon am 28. Juli 1920 und heiraten am 4. Januar 1921. Vorher muss Magda den Nachnamen ihres leiblichen Vaters Oskar Ritschel annehmen. Quandt weigert sich, sie mit ihrem jüdisch klingenden Namen in seine protestantische Familie aufzunehmen. Magda war die unehelich geborene Tochter des Dienstmädchens Auguste Behrend. Die Mutter lässt sich 1905 von Ritschel scheiden und heiratet 1908 den in Brüssel tätigen wohlhabenden jüdischen Kaufmann Richard Friedländer.
Auch Magdas Glück hält nicht allzu lange: Quandt trennt sich im Sommer 1929 von seiner Frau endgültig, nachdem Magda sich in aller Öffentlichkeit mit einem jugendlichen Liebhaber zeigt. Zu Goebbels kommt sie, die um 1918 noch mit dem glühenden Zionisten Viktor Arlossoroff liiert war, ihn heiraten und zum jüdischen Glauben übertreten wollte, über einen Sportpalast-Auftritt im Reichstagswahlkampf 1930. Am 19. Dezember 1931 findet die Hochzeit bei Parchim in Mecklenburg statt. Der Veranstaltungsort, das Gut Severin, gehört Magdas Ex-Mann Quandt, der von der Hochzeit aber nichts weiß.

Familien-Idylle unter „Führer“-Aufsicht: Nazi-Reichspropagandaminister Joseph Goebbels (r.), seine Frau Magda und drei ihrer sechs Kinder, deren Vornamen alle mit einem „H“ begannen, posieren zusammen mit Adolf Hitler für ein Foto (undatiertes Archivbild). Foto: picture alliance / dpa
Und Krebs? Kershaw notiert nur kurz: „Krebs, Burgdorf und Franz Schädle, der Leiter von Hitlers Begleitkommando, entschieden sich ebenfalls dafür, im Bunker ihrem Leben ein Ende zu setzen, bevor die Russen eintrafen. Die übrigen unternahmen spät an jenem Abend gruppenweise einen Massenausbruch.“ Wie Hitlers Sekretär Bormann, der sich mit Stumpfegger auf die Flucht begibt, aber nur bis zur Invalidenstraße kommt. Das Duo schluckt früh am Morgen des 2. Mai tödliches Gift.
„Führer“-Gehorsam bis zum Ende
Beim frühen Hitler-Biographen Joachim Fest findet sich diese Beschreibung: „Als die Russen die Reichskanzlei besetzten, stießen sie im Tiefbunker auf die Generale Burgdorf und Krebs, die, eine Vielzahl halbgeleerter Flaschen vor sich, tot am Kartentisch saßen.“ Auch diese beiden nehmen Gift. Nach 47 Jahren ist das Leben für Krebs vorbei, der sich Mut antrinkt und in aussichtsloser Lage den Freitod wählt. Wie ist seine Rolle zu bewerten? Fest nennt Krebs an einer Stelle „führergläubig“. Das will Otmar Hesse heute nicht mehr stehen lassen. Anders als Burgdorf sei Krebs eben nicht führergläubig und auch kein Nationalsozialist gewesen: „Aber dem ‚Führer‘ gehorchten die beiden Offiziere bis zum Schluss.“ Hesse sieht ein Rest Charisma beim Demagogen und Volksverführer, dem sich bis zuletzt viele Menschen nicht hätten entziehen können. Krebs sieht er in der Rolle einer „tragischen Figur“, wie ihn auch Schauspieler Rolf Kanies versteht, der ihn im Film „Der Untergang“ spielt. Hesse steigert ihn sogar zum „tragischen Helden“, weil sein Ziel, die militärische Zusammenarbeit mit der Sowjetunion, scheitert. Was aber wohl doch um einiges zu weit führt.
Frühe Aussagen zu Hans Krebs
Hesse zitiert noch aus dem Buch „Das Ende“ von Antony Beevor. Dort beschreibt ein ungenannter Stabsoffizier Krebs mit den Worten: „Dieser kleine, etwas o-beinige Mann hatte etwas von einem Faun an sich.“ Mario Frank beruft sich in seinem Werk „Der Tod im Führerbunker“ auf die Aussage eines Kameraden von Krebs, der allerdings kein gutes Verhältnis zu ihm hatte, wenn er schreibt: „Er war ein intelligenter Kopf mit sarkastischem Humor und hatte für jede Situation stets einen richtigen Witz parat. Krebs, der immer als Stabsoffizier und nie als Feldkommandeur gedient hatte, war der typische zweite Mann – genau das, was Hitler brauchte.“ Frank skizziert ihn weiterhin als „jovialen Stabsoffizier“, der „gern einen über den Durst“ trinkt und Witze erzählt.
Zu welchem Urteil kommt Katrin Teschner im April und Mai 2005, die sich in der Serie „Hitlers treuester General“ intensiv und gezielt mit der Vita von Hans Krebs beschäftigt hat? Zunächst einmal berichtet sie, dass seine Familie erst zehn Jahre nach dessen Tod erfährt, was wirklich im Bunker geschehen ist. Als Hitlers Koch aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrt, erzählt er, dass er es gewesen sei, der die Leiche identifiziert habe. Sie sei mit der toten Goebbels-Familie nach Plötzensee gebracht worden. Krebs habe seine Uniform angehabt und sei mit allen Orden dekoriert gewesen. Am Kopf sei ein Schläfendurchschuss zu sehen gewesen. Was wiederum mit dem Gift nicht ganz in Einklang zu bringen ist.
Ein Brief an die Witwe
Bis dahin jedenfalls können sich weder Frau und Töchter noch Adjutant Loringhoven einen Selbstmord vorstellen. Er habe nichts von solchen Plänen gesagt und wohl gehofft, dass er seine Russisch-Kenntnisse und seine Erfahrungen bei den Kapitulationsverhandlungen ausnutzen könnte, meint Loringhoven. Nicht nur er habe mit Hochachtung von seinem (früheren) Chef gesprochen, erklärt Hesse. Auch Fabian von Schlabrendorf, der Adjutant des anderen RG-Abiturienten Henning von Tresckow, habe 1955 an die Witwe Ilse Krebs geschrieben, „dass ihr Mann sich auch für seine Untergebenen eingesetzt habe, wenn er ‚ihre Ansichten auch nicht gutheißen konnte‘ ... Gerade in meinem Fall hat er das in einem Umfang getan, der für ihn nicht ungefährlich war.“
Wer also war Hans Krebs? Schwierig, eine Wertung zu finden, meint Teschner. Über das Leben jenes Mannes, der prägende Jahre in Goslar mit seinem Kriegsabitur am Ratsgymnasium und der frühen Zeit bei den Goslarer Jägern verbringt, ist nicht viel bekannt. In Geschichtsbüchern tauche er allenfalls am Rande auf. Nur die letzten acht Tage seines Lebens im Bunker an Hitlers Seite lassen sich fast lückenlos zurückverfolgen. Über seine Militärlaufbahn gibt eine 74 Seiten starke Akte im Militärarchiv Freiburg Auskunft. Das letzte Blatt stammt vom 18. Februar 1945. Teschner spricht mit Loringhoven und den beiden Töchtern. Nur die ältere ist bereit zu Auskünften.
Ein „widersprüchlicher Charakter“
„Am Ende entsteht das Bild eines widersprüchlichen Charakters. Auf der einen Seite ist da der treue General, der Nazi. So wird er auch in Dokumentationen dargestellt – pflichtversessen, ergeben und gehorsam bis zum Schluss. Auf der anderen Seite sehen wir einen Vertreter des Bildungsbürgertums: Krebs liest viel, geht ins Theater, beschäftigt sich mit Politik und Geschichte, hält Vorlesungen, erzieht seine Töchter zu emanzipierten Frauen. Dann wieder sympathisiert er mit der Sowjetunion, einem Krieg mit Russland steht er kritisch gegenüber. Zeitzeugen beschreiben den gebürtigen Helmstedter als intelligent, wortgewandt. Er beschreibt die militärische Lage realistisch und scharfsinnig. Er sah den Untergang kommen.“