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Frauen, die Geschichte schreiben

GZ Plus IconDie Kiepenfrauen im Harz: Viel zu tragen, wenig Anerkennung

Ein historisches Bild von schwer bepackten Kiepenfrauen.

Die Kiepenfrauen schrieben Geschichte und manche Parallelen führen in die heutige Zeit. Foto: Landesforsten/Archiv

Sie ernährten den Oberharz und zahlten mit ihrer Gesundheit. Wer waren die Kiepenfrauen und was zeigt ihre Geschichte über Gleichberechtigung heutzutage?

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Von Friederike Julia Müller
Sonntag, 08.03.2026, 12:00 Uhr

Oberharz. Frauen, die Geschichte schrieben, lebten schon lange vor der Besiedlung des Oberharzes. Ihre Arbeit wurde, oft dem Zeitalter geschuldet, weder gesehen noch offiziell anerkannt. Ein Beispiel sind die sogenannten Kiepenfrauen im Harz. Inge Schubert unterstützte diesen Artikel mit einer schriftlichen Ausarbeitung. Sie setzt sich ehrenamtlich mit der Oberharzer Geschichte auseinander und tritt bei Volksfesten symbolisch als Kiepenfrau in Erscheinung.

Inge Schubert, mit traditioneller Kiepe und Kopftuch.

Inge Schubert in ihrem Element: Die Wildemannerin erzählt aus dem Arbeitsleben der Kiepenfrauen. Foto: Fischer/Archiv

Die Entstehung der Kiepenfrauen

Um 1524 kamen, angelockt durch Erzfunde, Bergleute mit ihren Ehefrauen in die Region. Da die einfachen Bergleute und ihre Familien in den früheren Jahrhunderten kaum lesen und schreiben konnten, war ihnen ein Zugriff auf höhere Bildung verwehrt. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts entstanden die sogenannten Kiepenfrauen: Landgängerinnen, die Waren über längere Strecken trugen und zugleich als Botinnen fungierten. Die Kiepe war eine Tragevorrichtung, meistens ein Korb.

In den Walddörfern ohne Bergbau waren es vor allem die Frauen, Witwen und Töchter der Holzfäller und Köhler. Oft kamen sie aus ärmlichen Verhältnissen. Da der Lohn der meisten Männer oft für den Unterhalt ihrer Familie nicht ausreichte, verdienten Frauen und Kinder Geld dazu.

Wie Kiepenfrauen Menschen im Harz ernährten

Als es weder Lastwagen noch Eisenbahnen gab, erfüllten diese Landgängerinnen eine wichtige Funktion. Sie kauften ihre Waren auf eigene Rechnung und verkauften sie andernorts mit einem kleinen Gewinn weiter. In das Harzumland transportierten die Frauen alles, was im Oberharz produziert oder gesammelt wurde. Laut Inge Schubert war alles dabei: von Lebensmitteln, Wolle und Strickwaren bis zum Holzlöffel. Mit in die Berge brachten die „Grüne-Waren-Weiber“ Gemüse, Kurzwaren, Stoffe, Porzellan oder auch kleine Haushaltsgeräte. Sie versorgten Harzbewohner vom Frühjahr bis zum Herbst fast täglich mit frischen Lebensmitteln.

Manche Frauen übernahmen Botendienste, liefen mit Briefen und Paketen durch den Harz. Für diese Frauen waren Distanzen von zehn bis achtzehn Kilometern kurze Strecken. Je nach Richtung und Gepäck brauchten sie dafür zweieinhalb bis vier Stunden, oft zweimal täglich. Um leichter gesehen zu werden, trugen die Frauen rote Kopftücher und gingen in Gruppen hintereinander.

Weitergehen bei Wind und Wetter

Reiseschriftsteller des 18. und 19. Jahrhunderts charakterisierten die Kiepenfrauen als „von Natur aus robust“. Doch die Frauen waren das gesamte Jahr, bei jedem Wetter unterwegs und erlitten schwere Gesundheitsschäden. Nach heutigen medizinischen und arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen bringt langfristiges Tragen von schweren Lasten viele Probleme mit sich. Beispiele sind der Rundrücken, Verschleiß von Bandscheiben, Gelenken sowie chronische Schmerzen. Es liegt nahe, dass Kiepenfrauen genau unter diesen Beschwerden litten.

Die Statue einer Kiepenfrau im Altenauer Kurpark.

Die Kiepenfrau im Altenauer Kurpark hat bildlich und wortwörtlich schwer zu tragen. Foto: Neuendorf/Archiv

Ihre Zuverlässigkeit führte laut Inge Schubert dazu, dass sie oft schon mit Ende 30 „verblüht“ waren. Mit bis zu 40 Kilogramm in der Kiepe gingen sie durch die Landschaft, egal, ob es regnete oder schneite. Besonders im Winter habe es häufig Unfälle gegeben. Frauen verloren ihre Tragfähigkeit früh und konnten wegen gesundheitlicher Probleme nicht mehr weitermachen. Auch Schwangere setzten sich diesen Strapazen aus. Ein Aussetzen hätte zu große finanzielle Verluste bedeutet. Die Kiepenfrauen nahmen Babys in einem Tragetuch und ließen weitere Kinder bei der Oma oder bei Nachbarn.

Um das Jahr 1680 transportierten Kiepenfrauen nach regionalen Überlieferungen sogar Schwarzpulver von Lautenthaler Pulvermühlen. Frauen brachten sich selbst in Gefahr und „machten auf kürzeren Strecken den Eseltreibern Konkurrenz“, so Inge Schubert.

Gesellschaftlicher Wandel, fehlende Anerkennung

1793 vertrat Berghauptmann von Trebra die Meinung, es sei nicht schicklich, dass die Frauen der Bergleute als „Lasttiere“ umherziehen. Er schlug vor, sie sollten ihr Geld mit Handarbeiten verdienen. Das Ergebnis war, dass die Frauen auf ihren Wegen zusätzlich noch Strümpfe strickten. Frauen wurden so nicht entlastet, sondern hatten weitere Arbeit.

Aufgrund der körperlichen Belastung und kaum sozialer Absicherung ist anzunehmen, dass Kiepenfrauen eine ebenso harte oder sogar härtere Arbeit verrichteten als die Bergmänner. Bergmänner arbeiteten im 18. und frühen 19. Jahrhundert im Schichtsystem. Sie hatten dort eine feste Lohnstruktur und Arbeitsschutzregeln. Kiepenfrauen hatten keine formalen Lohn- oder Versicherungsstrukturen, keinen Urlaub oder Arbeitsschutz, was auch aus historischen Befunden zur Landgängerinnen- und Frauenarbeit im 18. und 19. Jahrhundert hervorgeht. Bei Verletzung oder Krankheit verloren sie ihre Existenzgrundlage, ohne dass staatliche oder betriebliche Leistungen sie auffangen konnten.

Erna und Robert Klingebiel im Jahr 1946. Sie mit einer vollgeladenen Kiepe, er mit einer Axt und Wanderstock.

„Gleichberechtigung im Wolfshäger Wald“ – so lautet die Bildunterschrift zu diesem Foto, das Erna und Robert Klingebiel im Jahr 1946 zeigt. Foto: Privat/Archiv

Inge Schubert verdeutlichte die Härte des damaligen Systems mit der Geschichte einer Frau Lindner aus Wildemann. Sie ließ um 1846 ihre Kiepe nach einem dreistündigen Umweg beim Steueramt in Lamspringe versiegeln. Der Inhalt: 36 Pfund Butter, 4 Pfund Speck und 50 Pfund Trockenobst. Nachdem sie den lebensgefährlichen „Decheweg“ mehr durchkrochen als durchschritten war, stellte ein Beamter in Wildemann fest, dass auf dem Passierschein durch einen Schreibfehler nur 15 Pfund Obst vermerkt waren. Trotz der offensichtlichen Strapazen wurde die Frau mit einer Strafe von 4 Reichstalern, 10 guten Groschen und 8 Pfennigen belegt.

Die Strafe der Lindner-Frau entsprach circa 8,5 Tageslöhnen eines einfachen Arbeiters. Die Kiepenfrauen leisteten ohne Zweifel wichtige Arbeit für den Oberharz. Gesellschaftlich war sie kaum anerkannt, wie die Strafe der Wildemannerin und die fehlende soziale Absicherung zeigen.

In Deutschland verdienen Frauen noch heute im Durchschnitt vier bis sechs Prozent weniger als Männer, für die gleiche Arbeit, bei gleicher Qualifikation und Erfahrung. Das geht aus einer aktuellen Untersuchung des Statistischen Bundesamtes hervor. Die Hans-Böckler-Stiftung erklärt solche Lücken maßgeblich mit gesellschaftlichen Rollenbildern: Arbeit, die traditionell „Frauenarbeit“ ist, wird systematisch wertgeschmälert und damit auch unterbezahlt. Dementsprechend bleibt die gesellschaftliche Anerkennung von der Zeit der Kiepenfrauen bis heute eine Herausforderung.

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