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Keine fünf Monate mehr bis zum Start

GZ Plus IconWas Stadt und Landkreis Goslar ab Sommer für den Ganztag planen

Mehrere Kinder sitzen in einem Klassenraum und heben die Hand, eine Frau steht vorne am Whiteboard und spricht

Was passiert in Stadt und Landkreis Goslar? Ab 1. August beginnt die schrittweise Einführung der Ganztagsbetreuung an deutschen Grundschulen. Foto: Roland Weihrauch/dpa (Symbol)

Der Gesetzgeber gibt vor, der Landkreis ist verantwortlich, alle suchen noch nach finalen Lösungen: So steht es um den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in Goslar.

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Von Frank Heine
Dienstag, 10.03.2026, 14:00 Uhr
Rund 1080 Erstklässler nehmen am 15. August, dem ersten Samstag nach den Sommerferien, ihre Schultüten in Empfang und starten ihre Schullaufbahn an einem der 29 Standorte der 25 Grundschulen im Landkreis Goslar. Die Mädchen und Jungen haben all ihren Vorgängern etwas voraus: Denn sie sind die ersten, denen der Gesetzgeber einen Anspruch auf Ganztagsbetreuung mit auf den Weg gibt. Aber was bedeutet das konkret für sie? Wo werden sie betreut? Von wem werden sie betreut? Wie werden sie betreut? Knapp fünf Monate vor dem Start gibt es überall Grundstrukturen, aber noch keine (ganz) klare Linie. Eine Bestandsaufnahme.

Die Grundlage

Das 2021 beschlossene Ganztagsförderungsgesetz, das den Rechtsanspruch regelt, tritt zum August 2026 in Kraft. Die Einführung erfolgt ab Schuljahresbeginn schrittweise. Zunächst gilt der Anspruch für die neu eingeschulten Erstklässler und soll bis 2029 auf die Klassenstufen eins bis vier ausgeweitet werden. Laut Gesetz umfasst die Betreuung acht Stunden an Schultagen, einschließlich des bisher nachmittags oft unbetreuten Freitags. Acht Wochen müssen künftig auch in den Ferien abgedeckt sein. Die Initiative ging einst vom Bund aus und kommt jetzt unten an. Wobei die Städte und Gemeinden insoweit raus sind, als der Landkreis Goslar Anspruchsgegner in der Sache ist. Heißt: Er ist für Umsetzung und Organisation zuständig – und im Zweifel vor Gericht Adressat einer Klage, wenn umzufriedene Eltern ihren Anspruch umzusetzen versuchen.

Die Vorgeschichte

Schon im Vorjahr hatte die GZ fast zur gleichen Zeit auf die Ganztagsbetreuung geschaut. In einer Artikelserie wurde klar, dass ganz viel guter pädagogischer Wille auf ganz viele ungeklärte Detail- und Sachfragen traf. Im Kern kreiste alles um die Frage, welche Standards bei Betreuungen einzuhalten sind und was deshalb als Betreuung im Sinne des Gesetzes anerkannt werden kann.

Heute scheinen in der Sache alle ein paar Schritte weiter, aber auch noch lange nicht am Ziel zu sein. Ein erstes Ergebnis ist, dass viele Vorschriften gelockert wurden, um überhaupt annähernd realisch eine Betreuung vorzuhalten, die in und von den Städten und Gemeinden strukturell hinterlegt und finanziell geschultert werden kann. Es bedeutet aber auch, dass die Horte als die qualitativ höchstwertigen, aber teuersten Einrichtungen wohl in absehbarer Zeit auf den Prüfstand kommen werden, weil Doppelstrukturen drohen. Aktuell werden sie (noch) dringend gebraucht, um Plätze zu hinterlegen.

Die Verantwortlichen

Wenn der Landkreis auf eine GZ-Anfrage mit einer Gesprächseinladung reagiert und neben Landrat Dr. Alexander Saipa (SPD) auch sein Vize Erster Kreisrat Frank Dreßler, Pressesprecher Maximilian Strache und mit Michael Weihrich (Steuerung) und Claudia Thiele (Jugendhilfe) zwei Fachdienst-Spitzen am Tisch sitzen, ist klar: Es geht ins hohe Gras – das Gelände ist ein Minenfeld. „Das Thema ist extrem wichtig, wir nehmen es sehr ernst“, schickt der Landrat voraus. Es ist aber eben auch komplex. Der Landkreis bekommt am Ende alle Verantwortung, aber als einziger kein Geld, bringt es Dreßler auf den Punkt. Im Prinzip geht es aber darum, dass sich aus ganz unterschiedlichen Startpositionen verschiedene Player – Kommunen, Grundschulen, freie Träger und andere Programmanbieter neben Bund und Land – auf ein gemeinsames Ergebnis einigen und es gegen Eltern vertreten müssen.

Stichwort Horte: In keinem Gespräch bezweifelt irgendjemand, dass sie von allen Betreuungsformen im Topf die qualitativ beste darstellen. Aber eben auch für die Kommunen die teuerste, weil sie an dieser Stelle für die Personalkosten aufkommen müssen. In den Schulen ist das wiederum Ländersache. Und während einsam an der Spitze Bad Harzburg quasi in Vorbildfunktion ab August alle Rechtsansprüche über seine Horte abdecken kann, gibt es nach Landkreis-Darstellung in Langelsheim und Liebenburg gar keine dieser Einrichtungen. Wo es sie gibt, wie in Goslar, werden sie zunächst weiterlaufen, aber unter Kostendruck geraten. Wobei die Eltern sich ohnehin vom Gedanken verabschieden müssen, dass eine Ferienbetreuung komplett gratis passieren wird. Das Angebot wird kosten, wenn auch nur anteilig. Und deshalb wird es sicher auch verbindliche Anmeldungen geben müssen.

Vorhandene Plätze

Neben den Schulen selbst sind es die Horte. 451 Plätze verteilen sich auf Seesen, Bad Harzburg, Clausthal-Zellerfeld und Goslar. Diese Plätze gibt es auch in den Ferien, in denen die Schulen ausfallen. Dazu kommen laut Weihrich und Thiele 216 Plätze bei freien Trägern, die schon unter Dach und Fach sind, sowie 91 Plätze, die noch zu vermitteln sind. Und sonst? Gibt es Pläne und Vorhaben, die laut Thiele auf einem guten Weg sind. Im Idealfall sollten Angebote an den kreiseigenen Schulen platziert werden – einfach auch deshalb, weil man Zugriff auf die Gebäude hat. Es tut sich aber noch ein neues Feld auf, weil dazu Schüler befördert werden müssten. Wie ohnehin laut Weihrich im Einzelfall mit den Kommunen zu klären ist, wo die Schülerbeförderung anfängt und der einfache Ortswechel aufhört – ein behördlicher Nebenkriegsschauplatz.

Wie es genau weitergeht? Schon am Mittwoch steht das Thema Ganztagsbetreuung ganz oben auf der Tagesordnung, wenn sich der Landrat mit den anderen Hauptverwaltungsbeamten trifft.

Das Beispiel Goslar

„Wir müssen letztlich die Räume vorhalten“, sagt Geschäftsbereichsleiter Sven Busse. Aber nicht mehr unbedingt (viele) Mensen bauen, wonach es zuerst aussah. In Jürgenohl, das dürfte politisch unbestritten sein, müsste auch unter gegenwärtigen Bedingungen etwas passieren. Aber an Betreuungsmodellen, die viel zusätzliches Geld kosten, hat die Stadt offenkundig kein Interesse. Dagegen schon an einem „vernünftigen Ganztag“, wie es Busse formuliert. Deshalb bleiben die Horte weiterhin wichtig. Und sind bislang auch die politisch präferierte Betreuungsform in Goslar. Die bisherig regelmäßig geübte Praxis, von Eltern gewünschte Angebote zu ermitteln, zu überprüfen und bei nachgewiesenen Bedarf einzurichten, aber auch bei ausbleibender Nachfrage wieder zu streichen, könnte in Zeiten knapper Kassen trotzdem auf den Prüfstand rücken. Auf 900.000 Euro pro Jahr beziffert Busse die Summe, die die Stadt aktuell als freiwillige Leistungen zahlt.
Zwei Männer stehen neben einem Schild mit der Aufschrift 'EV.-LUTH. PROPSTEIVERBAND BRAUNSCHWEIGER LAND Standort Goslar' an einer Steinwand

Der Evangelische Propsteiverband Braunschweiger Land hat seinen Goslarer Standort auf dem Gemeindehof. Dort werben die für die Kitas verantwortlichen Geschäftsführer Andreas Dlugos (Finanzen, l.) und Florian Bergmann (Pädagogik) für ein in der Löwenstadt erprobtes Modell. Foto: Heine

Das Beispiel Propsteiverband

Eine Kooperation mit dem Evangelischen Propsteiverband Braunschweiger Land kommt für Busse ebenfalls aus Kostengründen nicht in Frage. Der Betreiber von acht kirchlichen Kitas im Stadtgebiet hatte quasi ein Rundum-Sorglos-Paket als Pilotprojekt für Oker offeriert. Dort startet die Ganztagsbetreuung in diesem Sommer neu. Dann gibt es mit Immenrode und Sudmerberg nur noch zwei Grundschulen ohne eigenorganisierte Ganztagsbetreuung. Für Oker durchgerechnet und in Zahlen: 180.000 Euro sind angesetzt, davon 150.000 Euro nur fürs Personal. Es bliebe für die Stadt pro (volles) Jahr ein Defizit von 80.000 Euro zu schultern. Für Busse zu viel Geld – bei aller Wertschätzung für den Anbieter.

Dort werben die Geschäftsführer Andreas Dlugos (Betriebswirtschaft) und Florian Bergmann (GF Pädagogik) mit guten Argumenten für ein durchdachtes und in sich schlüssiges Modell, das es beinahe flächendeckend an mittlerweile 26 sogenannten Kooperativen Ganztagsgrundschulen (KoGS) in der Stadt Braunschweig gibt und 2007 gestartet wurde. Aber, so heißt es wiederum mit Blick auf Goslar: Braunschweig hat keinen einzigen Hort. Und ist als große Stadt der einzige Ansprechpartner.

Beispiel Worthschule

Sandra Keiber leitet die mit 94 Kindern vergleichsweise kleine Worthschule in der Altstadt. Wie alle anderen Rektorinnen muss sie mit tatsächlichen und kapitalisierten – sprich in Geld hinterlegten – Lehrerstunden planen und das eingespielte Programm wie fast überall noch auf den Freitag ausweiten. Mit dem Geld sind andere Akteure zu entlohnen. An der Worthschule übernehmen der MTV Goslar und die Kreismusikschule eine Stunde pro Woche. Vieles bleibt in Eigenregie zu realisieren. Gibt es Kooperationsmöglichkeiten? In welche Richtung marschieren Stadt und Landkreis? Nicht einmal mehr zwei Wochen ist es bis zu den Osterferien. Ende Juni beginnen die Sommerferien. Planunugssicherheit, so bald wie möglich, wäre wünschenswert. Für die Schulen. Für die Eltern. Und auch und vor allem für die Erstklässler.

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