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Landkreis Goslar macht Rückzieher

GZ Plus Icon108 Fünftklässler sind die falsche Obergrenze fürs CvD-Gymnasium

Im August 2024 erobern die CvD-Schüler das neue Schulzentrum Goldene Aue

Im August 2024 erobern die CvD-Schüler das neue Schulzentrum Goldene Aue Foto: Schlimme (Archiv)

Das CvD-Gymnasium hat wie berichtet acht weitere Plätze in seinen neuen fünften Klassen vergeben. Wie sich jetzt herausstellt, hat der Landkreis für seine Obergrenze von 108 Schülern eine falsche Verordnung zugrunde gelegt und muss zurückrudern.

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Von Frank Heine
Donnerstag, 22.05.2025, 16:00 Uhr

Goslar. Aus 108 werden immerhin doch noch 116 neue Fünftklässler: Das CvD-Gymnasium hat wie berichtet nachträglich acht weitere Schüler aufgenommen, die ab August ihre Wunschschule besuchen können. Hintergrund ist, dass die vom Landkreis aufgerufene Zahl rechtlich auf tönernen Füßen steht. Erster Kreisrat Frank Dreßler hatte den Kurswechsel der Kreispolitik im Schulausschuss am Mittwochnachmittag in der Bad Harzburger Oberschule an der Deilich zwar noch anders als reines Entgegenkommen und vorbildlichen Pragmatismus verkauft. Die Schulbehörde hat allerdings eine völlig andere Sichtweise.

Offenkundig blieb den Schulverantwortlichen in der Kreisverwaltung keine andere Option. Auf GZ-Anfrage bestätigte Sprecherin Bianca Trogisch von der Pressestelle der Regionalen Landesämter für Schule und Bildung, dass die Kreisverwaltung die falsche rechtliche Grundlage ausgewählt hat. Wie von der GZ mehrfach berichtet, berief sich die Behörde an der Klubgartenstraße für den Dezember-Beschluss im Kreistag auf die Verordnung für die Organisation der allgemeinbildenden Schulen.

Zahlen ohne Bedeutung

Nach Auskunft von Trogisch sind die dort genannten Zahlen aber „reine Planungsgrößen, wie sie für die Schulentwicklungsplanung durch den Schulträger zu berücksichtigen sind, etwa, wenn geplant ist, eine weitere Schule einer bestimmten Schulform zu errichten“. Und weiter: „Diese Zahlen haben jedoch keine Bedeutung im Zusammenhang mit der Aufnahme von Schülerinnen und Schülern zum neuen fünften Schuljahrgang.“ Dort gelte der Erlass zur Klassenbildung und Lehrkräftestundenzuweisung. Was auch schon in der GZ zu lesen war. Beim Aufnahmeverfahren sei aber auch zu berücksichtigen, dass die Höchstzügigkeit nicht durch Wiederholer überschritten werde.

Heißt umgemünzt auf das CvD-Gymnasium: Jede fünfte Klasse darf bis zu 30 Schüler haben. Macht bei vier Klassen 120 Schüler insgesamt. Weil aber vier potenzielle Wiederholer aus dem aktuellen fünften Jahrgang prognostiziert sind, gibt es nur 116 Plätze. So bestätigt es CvD-Direktor Martin Ehrenberg, der seine Rechtsauffassung zur Obergrenze bestätigt sah: „Ich bin superzufrieden – es hat sich gelohnt, um jeden einzelnen weiteren Platz zu kämpfen.“ Im Umkehrschluss hätte es nämlich bedeutet, ohne Not Wunschplätze zu verschenken.

Als es grünes Licht von den Behörden gegeben hatte, telefonierte das CvD-Sekretariat am Mittwoch nach der Reihenfolge auf der vorhandenen Warteliste die Eltern der ersten acht Nachzügler an. Dort herrschte quasi Wohlgefallen. Was wiederum die dort verbliebenen 14 Kinder und ihre Eltern überhaupt nicht tröstet.

Enttäuschte Eltern fragen nach

Ein Vater machte seiner Enttäuschung am Mittwochnachmittag in der Einwohnerfragestunde des Schulausschusses Luft. Seine Tochter sei inzwischen das einzige Kind aus Astfeld, das nicht mehr auf seine Wunschschule dürfe und in Seesen am Jacobson-Gymnasium angemeldet werden müsse. „Wissen Sie, wie bitter es ist, einer Zehnjährigen gleich zweimal erklären zu müssen, dass sie nicht auf ihre Wunschschule darf?“, fragte er. Und er meldete Zweifel an Losverfahren und Warteliste an: Sei es nicht sinnvoll, es etwa nach Orten zu staffeln? Und niemand sage ihm, wie gelost und die Warteliste entstanden sei.

„Das ist nicht unsere Expertise“, antwortete Dreßler, der zwar mit Ehrenberg gesprochen, ihm aber nur den „gut gemeinten kollegialen Rat“ gegeben habe, „alles gut zu dokumentieren“. Für die Aufnahmekriterien sei der Landesgesetzgeber über das Schulrecht zuständig. Da wären Landtagsabgeordnete die Ansprechpartner. Beim Losverfahren habe allein die Schule den Hut auf.

Das stimmt in der Tat, auch wenn nach nicht offiziell bestätigten GZ-Informationen seit dem Anmeldeschluss am 9. Mai ein behördliches Dauerdrängeln aufs zügige Losen eingesetzt haben soll.

Zum Verfahren per Los geben Trogisch und Ehrenberg Auskunft. Mit Kann-Bestimmung sind zum einen die Geschwisterkinder-Regelung und andererseits das Wohnort-Prinzip angeführt. Heißt: Wenn schon ein Kind die Schule besucht, haben dessen Geschwister einen vorrangigen Anspruch. Von 130 Anmeldungen waren wie berichtet deshalb 21 gesetzt. Wer nicht im Einzugsgebiet des Schulträgers – also im Landkreis Goslar – wohnt, hat einen nachrangigen Anspruch. Was am CvD nicht vorgekommen ist. Wie wurde gelost?

Wie das Losverfahren lief

Ehrenberg macht daraus kein Geheimnis: „Das ist nach rechtlichen Vorgaben gelaufen und gut protokolliert.“ Demnach hätten alle Anmeldungen eine Nummerierung erhalten. Nach Aussortieren der Geschwisterkinder habe er zusammen mit seinem Sekretariat händisch die übrigen 109 Nummern abgeschnitten und alle in einen Topf geworfen. Anschließend wurde gezogen. Die erste gezogene Nummer kam auf Platz 22 der Warteliste, die letzte herausgefischte Nummer auf Platz eins. Im Übrigen habe der Landkreis ein Protokoll dazu angefordert. Er hätte auch Elternvertreter zum Losen hinzuziehen können, bestätigt Ehrenberg, was aber nicht zwingend vorgeschrieben sei. Wer jetzt noch auf der Warteliste steht, muss auf noch weniger Wiederholer hoffen oder auf Rückzieher etwa von Doppelanmeldern setzen – was nur noch vage Aussichten sind.

Im Schulausschuss hatte Kreisrat Dreßler noch einmal einen weiten Bogen in die Planungsvergangenheit für das neue Schulzentrum Goldene Aue geschlagen, das sich das CvD-Gymnasium mit der einzigen reinen Realschule im Landkreis teilt. Für das CvD sei eine 3,5-Zügigkeit vorgesehen – was bedeutet, dass die Schule im Wechsel drei und vier fünfte Klassen aufnehmen soll. Im Sommer 2024 sei der fünfte Jahrgang ohne Obergrenze mit sechs Klassen und 162 Schülern gestartet. Deshalb habe der Landkreis über einen Deckel nachgedacht.

Vier Klassen mit 108 Schülern sollten es sein. Der Kreistag hob geschlossen die Hand, auch wenn damals schon kritische Stimmen nicht an den vier Klassen, wohl aber an der Zahl aufkamen. Der Gedanke sei gewesen, angesichts der hohen Schülerzahl ausreichend Platz für erwartete Wiederholer zu lassen, führte Dreßler aus. Im Jahr zuvor hatte die Adolf-Grimme-Gesamtschule (AGG) in Oker auf eigenen Wunsch ebenfalls einen Deckel erhalten. Vier Klassen, 120 Schüler – warum funktionierte das dort? „Eine Gesamtschule sieht das Sitzenbleiben nicht vor“, antwortet Dreßler auf diese Frage.

Falscher Ansprechpartner

Als das CvD-Gymnasium jetzt die Obergrenze deutlich überschritten hatte, habe es entsprechend enttäuschte Erziehungsberechtigte gegeben, die Beschwerden vorbrachten und Widersprüche einlegten. Wobei der Landkreis für diese Verfahren der falsche Ansprechpartner sei, erklärte Dreßler. Er sei aber mit der Schulbehörde ins Gespräch gekommen. Man sei sich einig gewesen, dass die Vierzügigkeit als Deckel gut und richtig sei. Bei der Zahl der Schüler pro Klasse sei der Landkreis entgegengekommen und habe beschlossen: „Wir tolerieren die 30.“ Letztlich sei dies die Angelegenheit von Schulen selbst.

Für Dreßler heißt dies aber auch: „Im Herbst werden wir wieder über einen Deckel diskutieren.“ Diese Debatte müsse sich darum drehen, ob das CvD-Gymnasium im nächsten Jahr vier- oder sogar nur dreizügig laufen könne. Der Deckel soll aber nicht mehr mit einer festen Zahl versehen werden – immerhin ein Lerneffekt. Schulorganisator Christian Friedrich wies darauf hin, dass für das Frühjahr 2026 wie berichtet an einer neuen digitalen Form der Anmeldung gearbeitet werde, die unter anderem Doppelanmeldungen verhindern helfe und Zweit- und Drittwünsche ermögliche.

Im Übrigen habe es in diesem Durchlauf an vier Schulen Losverfahren gegeben. „Drei davon sind geräuschlos verlaufen“, erklärte Friedrich. Gebäudemanager Thomas Kruckow hatte am Ende noch eine versöhnliche Botschaft für Schüler, die schon in der neuen Goldenen Aue zur Schule gehen. Der Totalunternehmer Depenbrock sei mittlerweile mit dem Abriss des alten Gebäudes fertig, am Montag begännen die Abnahmen. Voraussichtlich am 16. Juni wird die parkähnliche Fläche übergeben und ist dann auch wieder von allen begehbar – wichtig vor allem für Fahrschüler auf dem Weg zur Bushaltestelle.

Meine Meinung: Deckel drauf – und nichts ist gut

Schön, dass sich jetzt acht Kinder mehr mit ihren Eltern über ihren Wunschplatz am CvD-Gymnasium freuen können. Schade, dass trotzdem nach wie vor 14 Kinder bei der Lotterie hinten runtergefallen sind. Fakt ist: Der CvD-Deckel ist vom Kreistag beschlossen. Vier Klassen als Grenze sind begründet und nachvollziehbar. Die harte Obergrenze von 108 Schülern ist und bleibt es nicht.

Frank Heine.

Frank Heine. Foto: Sowa

Diesen Fehler sieht der Landkreis zwar ein, gibt ihn aber nicht zu. Die von der Kreisverwaltung im Zufallsverfahren gewählte Verordnung ist kompletter Mumpitz und eine Lachnummer für Praktiker. Von der Nullkonsequenz ganz zu schweigen, wie unterschiedlich derselbe Schulträger das CvD-Gymnasium und die Adolf-Grimme-Gesamtschule mit ihrer 120er Obergrenze behandelt. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Der mächtig im Aufwind befindlichen AGG seien alle ihre Schüler und noch viel mehr von Herzen gegönnt.

Fast schon lustig, wenn es nicht so traurig wäre, ist das Vorspielen behördlichen Desinteresses beim Losverfahren, aber Eltern vor Gesprächen mit der GZ gewarnt und Schulsekretariate mit Anrufen dazu aus der Klubgartenstraße bombardiert werden. Wer sich nicht an den Chef herantraut, kann ja anderswo kleingeistig die Daumenschrauben ansetzen, auch wenn er vorher fleißig falsche Verordnungen aus der Schublade zieht. Wer tatsächlich nicht zuständig ist, sollte sich noch tatsächlicher auch vollständig raushalten.

Wie geht es weiter? Kein Zweifel: Echte Freunde werden Direktor Martin Ehrenberg und die Landkreis-Schulverwaltung nicht mehr. Spätestens seit dem unglücklichen Party-Verbot fürs neue Schulzentrum ist das Verhältnis belastet. Zur Erinnerung: Der Landkreis hatte sich mit Landrat Saipa an der Spitze, der im Sonntagsvideo Schreckensszenarien entwarf, komplett vergaloppiert, weil er auf bis heute nicht benannte Petzen vertraut und auf dicke Hausherren-Tasche gemacht hatte. Das Einknicken war programmiert. Ratschlag zur Güte: Besser frühzeitig mit- und nicht mehr ständig übereinander reden. Auch Ehrenberg, der seine berufliche Zukunft an seiner Herzensschule in Salzgitter-Bad sieht, wäre gut beraten, manchmal weniger den Robin Hood zu spielen und ein wenig mehr den Fürst von Metternich zu geben, weil Martin sonst irgendwann allein im Sherwood Forest steht und der Goslarer Kongress ohne ihn tanzt. Auf der anderen Seite sticht die Karte: Wer Recht hat, sollte auch Recht bekommen. Das gilt für Politik, Verwaltung, Schule und Eltern, die immer gern bei der GZ anrufen dürfen - auch wenn der Amtsschimmel was anderes in die Welt hinauswiehert.

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