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Zusammenhalt und Improvisation

GZ Plus Icon„Haben früher auch überlebt“: Erinnerung an harte Winter im Harz

Drei Menschen schieben ein Auto aus dem Schnee heraus.

Kein seltener Anblick in der Windmühlenstraße: Es braucht mehrere Leute, um ein Auto aus den Schneemassen zu befreien. Foto: GZ-Archiv

In der Region sorgen Schnee- und Frostwarnungen für Aufruhr. Wie haben die Oberharzer frühere Winter erlebt? Was hat sich verändert?

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Von Friederike Julia Müller
Sonntag, 11.01.2026, 04:00 Uhr

Clausthal-Zellerfeld. Der Harz ist berühmt-berüchtigt für seine Winter. Während sich heute Schnee- und Frostwarnungen häufen, erinnern sich vier Oberharzer Urgesteine vor allem positiv.

Inge Schubert kommt aus Clausthal-Zellerfeld und lebt seit fast 60 Jahren in Wildemann. „Ich kenne den Winter von einer anderen Seite“, erinnert sie sich. Das Leben spielte sich trotz oder gerade wegen der Schneemassen vor allem draußen ab. Wenn die Straßen geräumt wurden, entstanden hohe Schneehügel am Rand. Mit ihrer Schwester kletterte sie oft darauf und rutschte wieder herunter. „War natürlich verboten“, sagt die 77-Jährige. Doch mit Fensterbänken voller Eisblumen hielt es sie nicht lange drinnen. Nachts bekamen sie Backsteine mit ins Bett, die im Ofen erhitzt und in Zeitungspapier gewickelt wurden. Moderne Heizungen schätzt sie umso mehr.

Wintereinbruch 1952 auf Harzer Höhen: Ein Auto im Schnee

Wintereinbruch 1952 auf Harzer Höhen bei Clausthal-Zellerfeld. Foto: Ahrens-Archiv

Thomas Gundermann wurde 1953 in Münster geboren. In den Harz kam er als Zwölfjähriger. Sein Vater war Rektor an einer Universität und erhielt drei Rufe, nach Clausthal-Zellerfeld, Berlin und Frankfurt. Seine Entscheidung fiel auf Clausthal-Zellerfeld, denn die Mutter litt an einer Lungenerkrankung und die Luftqualität galt als besonders gut. Auch Gundermann selbst hat den Harz „immer mehr schätzen gelernt“. Obwohl er den Schnee nicht gewohnt war und seine Mutter die Stadt scherzhaft als „Claus-Sibirien“ bezeichnete.

Lawinen, Panzer und Schnapsideen

Ein prägendes Erlebnis aus seiner Jugend ist kein positives. Ein Schulfreund wurde bei starkem Schneefall von einer Lawine verschüttet. Die anderen Kinder und er fanden ihn schließlich, weil sie leise Rufe unter dem Schnee hörten. Vieles hätte für den heute 72-Jährigen schlechter ausgehen können. Etwa der Winter 1969/70. Abends saß der damals Jugendliche mit einem Freund in der Kneipe und vergaß die Zeit. „Es sind keine Busse mehr gefahren, und meine Eltern haben sich ein bisschen Sorgen gemacht.“

Begrenzter Parkraum an den Wintersporttagen in den 1960ern im Oberharz.

Parkraum ist an Wintersporttagen auch schon in den 1960ern im Oberharz ein knappes Gut. Foto: Ahrens-Archiv


Zwei Angetrunkene, ein Gedanke: „Wir laufen einfach mit Skiern nach Hause.“ Es war mittlerweile so verschneit, dass große Muldenkipper den rund um die Uhr arbeitenden Winterdienst unterstützen mussten. Auch Panzer der Bundeswehr waren im Einsatz. Beide kamen unversehrt an.

Schlimme Erlebnisse hatte Gundermann im Winter nie. Einmal war sein Auto allerdings so stark zugeschneit, dass ihm der Scheibenwischer „um die Ohren“ flog. Er fuhr „im Blindflug“, hielt etwa alle 20 Meter an, aber kam auch glücklicherweise dieses Mal durch.

Zusammenhalt und Improvisation im Oberharz

Ute Taube stammt gebürtig aus Zellerfeld, lebte kurz in Hannover und kehrte später zurück. Als Autofahrerin im Oberharz kommt es für die 62-Jährige vor allem auf Solidarität an. „Es war immer eine ungeschriebene Regel. Die, die bergab fahren, halten an, sobald jemand hochkommt.“ Auch wenn sie Vorfahrt haben. Es sei so viel einfacher. „Aber heute beharrt jeder auf seinem Recht.“

Die verschneite Silberstraße in Clausthal-Zellerfeld

Für Auto- und besonders für Lkw-Fahrer ein Kampf: die verschneite Silberstraße. Foto: GZ-Archiv

Abgesehen davon hat sie viel Zusammenhalt erlebt. Anfang der 2000er-Jahre organisierte sie vonseiten der Stadt das Volksrodeln mit. Mit den Ehrenamtlichen habe sie gut harmoniert, „wie in einer großen Familie“. THW und Feuerwehr bereiteten nachts die Strecke für den Folgetag vor, auch an den Glühweinständen arbeiteten Ehrenamtliche.

Auch Gisela Reese schätzt den Zusammenhalt im Oberharz. Vor 71 Jahren wurde sie in Buntenbock geboren, ist viel gereist, aber „nie weg gewesen“. Ihre Kinder wuchsen hier auf. 1987 kamen die beiden nicht aus der Grundschule nach Hause. „Es gab noch keine Handys, nur die Telefonkette“, erinnert sie sich. Auf den Straßen lag zu viel Schnee, sodass es erst einmal Mittagessen in der Schule gab. Ein Bauer aus der Nachbarschaft rettete ihr und anderen Eltern den Tag. „Der hat die Kinder mit seinem Trecker abgeholt. Und ein Schneepflug ist vorgefahren.“

Eine Frau bei einem Baum mit dicken Raureifschichten, 1960.

Im März 1960 kehrt der Winter in den Oberharz zurück und überzieht die Bäume mit dicken Raureifschichten. Foto: Ahrens-Archiv

Der Zusammenhalt in Buntenbock sei damals wie heute „grandios“. Als Jugendliche lief sie mit Schlittschuhen über den Sumpfteich. „Eine Mitschülerin hatte ihr Grammophon und Schallplatten dabei.“ So improvisierten sie sich eine Eisdisco.

Gisela Reese auf dem Eis mit Freunden, im Jahr 1966

Im Jahr 1966 trug Gisela Reese (3.v.l.) noch Schlittschuhe zum Anschrauben an Skischuhe. Foto: Privat

Mit ihren Kindern ging sie ebenfalls oft Skifahren oder Schlittschuhlaufen. Auch wenn die Teiche immer seltener zufrieren. „Die Kinder sind längst aus dem Haus, aber mein Mann und ich leben immer noch gerne hier“, sagt sie.

Es lebe der Sport...

Für Inge Schubert spielte der Wintersport ebenfalls eine große Rolle. In den 1980er-Jahren nahm sie an Meisterschaften im Skilanglauf teil. Ihr Mann hatte ihre Skier nicht richtig gewachst, die Stopper gingen nicht ab, und sie kam kaum voran. „Ich hatte so eine Wut“, sagt sie. „Alle haben mich überholt. Irgendwann habe ich die Skier den Hang runtergeschmissen.“ Die musste sie natürlich wieder hochholen und kam entsprechend spät ins Ziel.

Eine Aufnahme von 1959 bei den Deutschen Meisterschaften in Altenau, mit Siegfried Weiß.

Siegfried Weiß war ein deutscher Skilangläufer. Die Aufnahme entstand 1959 bei den Deutschen Meisterschaften in Altenau. Foto: Ahrens-Archiv

Auch ihren Kindern und Enkeln brachte sie den Langlauf näher. Fühlten ihre Tochter und ihr Sohn sich dabei unbeobachtet, wurden sie langsamer. „Mein Mann hat ihnen dann in irgendeiner Hecke aufgelauert und sie erschreckt“, lacht sie. „Dann liefen sie schneller.“

Ein Werbefoto aus dem Jahr 1950, für Wintersport-Urlaub im Oberharz

So sehen 1950 die Werbefotos für Wintersport-Urlaub im Oberharz aus. Foto: Ahrens-Archiv

Früher gab es, so die 77-Jährige, mehr Sport in der Region. „Aber die, die das organisiert haben, sind verstorben. Und heute fehlt der Nachwuchs.“ Thomas Gundermann sieht ebenfalls „immer weniger Kinder, die draußen rodeln“.

Doch in diesem Jahr kehrt das Volksrodeln auf der Ping zurück. Ute Taube freut sich darüber, dass die Tradition weiterlebt.

Zum Namen des Rodelhangs lüftet Inge Schubert ein Geheimnis. „Der Begriff kommt aus dem Bergbau. In der Oberharzer Mundart bedeutet es ‚eingestürzter Schacht‘, weil da eine Senke drin ist.“ In einer Sache sind sich alle einig: Der Winter im Harz war immer schneereich, aber kein Grund zur Panik. „Man spürt die Unruhe. Die Menschen haben heute mehr Angst vor dem Winter“, so Gisela Reese. „Aber wir haben früher auch überlebt.“

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