Wie beeinflusst KI den Unterricht an Bad Harzburger Schulen?
Schulleitungen aus Bad Harzburg sprechen über KI. Foto: picture alliance/dpa | Philipp von Ditfurth, GZ-Archiv
KI gehört für viele, besonders junge, Menschen zum Alltag. Welche Rolle spielt sie an weiterführenden Schulen in Bad Harzburg und was müssen Eltern wissen?
Bad Harzburg. Nutzung künstlicher Intelligenzen ist in Deutschland weitverbreitet. Eine aktuelle Studie des TÜV-Verbands zeigt: Besonders häufig nutzen sie die 16- bis 35-Jährigen. Wie sieht es in Bad Harzburg aus, an den weiterführenden Schulen?
Die Ausgangslage
Stephan Homberg ist Schulleiter am Niedersächsischen Internatsgymnasium (NIG). Christian Stutz ist sein Stellvertreter, außerdem Informatiklehrer und Administrator an der Schule. Schüler der Sekundarstufe eins dürfen während der Unterrichtsphasen kein privates Handy, Tablet oder Ähnliches bei sich tragen.
Christian Stutz (l.) und Stephan Homberg vom NIG befürworten ein aktives Mitdenken, wenn es um KI geht Foto: Müller
Nutzen und Kritik von KI
Jan Steuernagel ist Koordinator des Werner-von-Siemens-Gymnasium, und Stellvertreter von Schulleiterin Inga Rau. Katharina Franz leitet die Fachgruppe für Informatik und Medien, was an dieser Schule ein eigenes Schulfach ist. Die Schüler verwenden KI, wie Steuernagel erklärt, unabhängig von Jahrgangsstufe und Fach. „Wir selber nutzen sie auch, um differenziertes Lernmaterial zu erstellen.“ KI habe ihm aber auch gezeigt, wie „das Wissen“ auf Schülerseite sei. Dazu gehören für ihn nicht nur auswendig gelernte Informationen, sondern auch die Fähigkeit, sie mit Kontext im Hinterkopf einzuordnen. „Und das fehlt oft.“ Im Medienunterricht gehe es auch regelmäßig um Nutzen und Grenzen von KI. Auch Katharina Franz möchte diese Erfindung nicht pauschal verurteilen, „so wie wir früher Wikipedia verurteilt haben“. Die Plattformen seien nützlich für Erstinformation, aber nicht für Verständnis in der Tiefe. „Auch im Matheunterricht verrechnet sich die KI manchmal.“

Liane Wilkening (l.) und Peter Rausche stoßen an der Bad Harzburger Oberschule regelmäßig an die Grenzen von KI. Foto: Müller
Ähnlich sieht das Peter Rausche. Er leitet die Oberschule an der Deilich und beobachtet KI-Nutzung meistens bei den Älteren Schülern, ebenfalls oft in den Hausaufgaben. Während das WvS nach dem „bring your own device“, also „bringe dein eigenes Gerät mit“- Konzept arbeitet, herrscht hier absolutes Handyverbot. Am häufigsten komme KI hier bei sprachlichen Fächern zum Einsatz, sagt er. Liane Wilkening, Deutsch- und Mathematiklehrerin, stimmt ihm zu. Die meisten KI-Tools können schon mit einem Foto Gleichungen lösen, weswegen sie ihre sechste Klasse bereits ermahnen musste. Selbst wenn die KI-Lösung mathematisch fehlerfrei ist, sagte sie in der Situation: „Das kannst du schon machen, aber dann weißt du trotzdem nicht, wie es geht.“ Peter Rausche leitet eine Klasse mit iPads. Er erkläre den Schülern die KI-Nutzung, beispielsweise für Referate. „Aber sie müssen auch verstanden haben, was sie da schreiben.“
Klausuren mit KI?
In einer Klausur der neunten Klasse wurden mehrere KI-Lösungen entdeckt. „Die mussten wir wiederholen“, sagt die Lehrerin. Kein Einzelfall, wie sich auch an einer Anekdote aus dem NIG zeigt. Christian Stutz beaufsichtigte eine Mathematikklausur in einem Oberstufen-Grundkurs. Mit einem Zweithandy holte sich der Schüler KI-Unterstützung. Doch „seine“ Lösungen waren viel komplexer als alles, was im Kurs behandelt wurde.
„Und der Schüler war sonst eher im Unterkurs-Bereich“, erinnert sich Stutz. Er hatte mit dem Handy „ganz offensichtlich betrogen“, bei der Lösung wurde der Informatiklehrer besonders skeptisch. Er musste die Klausur wiederholen, doch es flogen immer wieder KI-Täuschungsversuche auf. Für Stephan Homberg ist hier, so nützlich wie KI teilweise sein kann, eine Grenze überschritten. Er wünscht sich eine Anpassung von Prüfungsformen. „Zum Beispiel mündliche anstatt schriftliche Prüfungen.“ Das Land Niedersachsen plant ab dem Schuljahr 2027/2028 Anpassungen gegen KI-Betrug, mit Fokus auf mehr mündliche und kombinierte Formate statt rein schriftlicher Klausuren.
Rahmenbedingungen fehlen
Der aktuellste Leitfaden zur Oberstufenreform vom niedersächsischen Kultusministerium enthält keine Pläne, um KI-Betrug bei schriftlichen Klausuren vorzubeugen. Die Lehrkräfte sind auf sich gestellt, um KI-Nutzung zu erkennen. Bei Texten springen Katharina Franz vom WvS-Gymnasium vor allem „zu komplizierte Formulierungen“ ins Auge. Ähnlich wie bei der Mathematiklösung aus dem NIG gibt es auch hier Abgaben, die „nicht zum Schüler passen.“ Die meisten ihrer Schüler geben allerdings zu, wenn sie digitale Unterstützung hatten. „Manche können sich sprachlich auch nicht so gut ausdrücken“, erklärt die Informatiklehrerin. „Ich habe nichts dagegen, wenn sie eine KI-Formulierungshilfe nutzen.“ Allerdings sollen die Jugendlichen eine „eigene Denkleistung“ zeigen und KI-Unterstützungen klar kennzeichen.
Was Eltern wissen sollten
Laut Christian Stutz vom NIG sind gerade die jüngeren Schüler etwas naiver bei der KI-Nutzung . „Aber am Ende hängt es vom Charakter ab“, meint er, auch auf die Ehrlichkeit bezogen. Doch für Schulen und Eltern sei es schwer, eine einheitliche Lösung zu finden. Stephan Homberg verweist auf den Präventionsrat. „Die haben Kontakte und Angebote für Eltern, da spielt Digitalität auch eine Rolle.“
Weiterhin dringend Helfer gesucht
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Nicht nur im Umgang mit KI, aber mit Smartphones generell sollten Eltern ihren Kindern keinen uneingeschränkten Zugriff lassen, findet Katharina Franz vom WvS. Je nach Alter sollten Eltern auch feste Bildschirmzeiten etablieren und ein Auge darauf haben, welche Apps auf dem Gerät sind. Jan Steuernagel bezieht sich auf einen medienpädagogischen Vortrag von Helden eV. „Der Referent hat gesagt, ‚Bleiben sie mit ihren Kindern im Gespräch‘, und das finde ich nach wie vor passend.“
Wie sieht die Zukunft aus?
Peter Rausche und Liane Wilkening von der Oberschule raten Eltern, sich selbst mit den Fähigkeiten und Grenzen von KI auseinanderzusetzen. Um KI zu verstehen und selbst, beispielsweise in der Unterrichtsvorbereitung, einsetzen zu können, besuchen die Lehrkräfte aller drei Schulen Fortbildungen. „Die Büchse der Pandora ist offen“, sagt Peter Rausche. „Man kann diese Entwicklung nicht mehr zurücknehmen. Deshalb müssen wir schauen, wie man mit ihr umgeht.“
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