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Karl Reinecke-Altenau

Harzer Heimatschützer gerät in die Abhängigkeit des NS-Regimes

Privat und bei öffentlichen Auftritten ist Karl Reinecke-Altenau im Oberharz meist in der selbst entworfenen „neuen oberharzischen Volkstracht“ zu sehen.

Privat und bei öffentlichen Auftritten ist Karl Reinecke-Altenau im Oberharz meist in der selbst entworfenen „neuen oberharzischen Volkstracht“ zu sehen. Foto: Privat

Karl Reinecke-Altenau engagierte sich stark für Brauchtum und Volkskunst im Harz. Doch sein Schaffen geriet unter den Einfluss von NS-Organisationen. Eine Einordnung.

Von Redaktion Samstag, 28.03.2026, 04:00 Uhr

Altenau. Zum 140. Geburtstag von Karl Reinecke-Altenau setzte sich der Historiker Dr. Kai Gurski in der Heimatzeitschrift „Unser Harz“ intensiv mit dem umstrittenen Harzer Multitalent auseinander. In loser Folge veröffentlicht die GZ gekürzte Auszüge aus Gurskis Untersuchung. Dieser Teil der Reihe beleuchtet das späte Leben des Künstlers, dessen Maßnahmen im Heimatbund Oberharz und wie sein Schaffen zunehmend in Abhängigkeit von NS-Organisationen geriet.

Zur Jahreswende 1932/33 schied Karl Reinecke-Altenau mit erst 47 Jahren aus eigenem Antrieb aus dem Lehramt am Gymnasium in Hannover-Linden aus. Seine Haupterwerbsquelle war damit weg. Fortan bestritt er seinen Lebensunterhalt als freiberuflicher Maler, Illustrator, Werbe- und Gebrauchsgrafiker sowie als Schriftsteller. Seine wirtschaftliche Situation blieb in den folgenden beziehungsweise letzten zehn Jahren seines Lebens schwankend, zeitweise schwierig. Zugleich gewann er dadurch die Zeit, seine bisher nur mündlich formulierten Bestrebungen in der Volkstumspflege und im Heimatschutz umzusetzen.

Gründung des Heimatbundes Oberharz

Am 23. Mai 1933 kam es auf seine Initiative hin zur Gründung des Heimatbundes Oberharz. Gleichzeitig entstand mit dem Barkamt Altenau die erste Ortsgruppe. In den Folgejahren bildeten sich weitere Ortsverbände in Clausthal-Zellerfeld, Lautenthal, Wildemann, St. Andreasberg, Bad Grund und Hahnenklee-Bockswiese. Die Aufgabengebiete des neuen Verbandes wurden in einer sogenannten „Barkordnung“ festgehalten. Dazu gehörten unter anderem die Pflege der Oberharzer Mundart, die Weitergabe von Sitten und Bräuchen, Vorträge zur Heimatgeschichte, Natur- und Landschaftsschutz sowie der Schutz der Ortsbilder, die Pflege von Musik und Liedgut sowie das Sammeln von Sprichwörtern, Erzählungen und Flurnamen.

Bereits zu Pfingsten 1933 veranstaltete der junge Verein ein großes Treffen am Polsterberg. Reden, Lieder und Volkstänze lockten zahlreiche Besucher an. Das Pfingsttreffen entwickelte sich über die Jahre zu einer zentralen Veranstaltung des Heimatbundes und zu einem wichtigen Bezugspunkt für das volkskulturelle Selbstverständnis der Region.

Instrumentalisierung durch das NS-Regime

Die Vereinsgründung fiel in eine Zeit tiefgreifender politischer Umbrüche. Anfang 1933 hatten die Nationalsozialisten die Regierung in Deutschland übernommen und begannen zügig, Staat und Gesellschaft zur Stützung ihrer Macht umzustrukturieren. Der Heimatbund Oberharz selbst war zu Beginn noch nicht unmittelbar dem NS-Apparat unterstellt, entsprach in seiner Vereinsordnung noch nicht der hierarchischen Struktur des Führerprinzips und zeigte in seiner inhaltlichen Programmatik keine genuinen Züge von NS-Ideologie.

Aber Reinecke-Altenau pflegte bereits Kontakte zu regionalen NS-Organisationen, die sich ebenfalls der Volkstumspflege verschrieben hatten. Dadurch erhielt er zunächst gewisse Freiräume für seine kulturpflegerischen Aktivitäten, blieb jedoch stets unter Beobachtung der neuen Machthaber. Schrittweise setzten sie ihre totalitäre Herrschaft auch gegenüber Harzer Heimatvereinen durch.

Karl Reinecke-Altenau lässt sich in den 1930er Jahren inmitten der Spielschar des Heimatbundes Oberharz ablichten.

Karl Reinecke-Altenau lässt sich in den 1930er Jahren inmitten der Spielschar des Heimatbundes Oberharz ablichten. Foto: Heimatbund Oberharz

Der Heimatbund zeigte sich gegenüber dem NS-Regime linientreu und kooperationsbereit, schließlich war er von deren Förderung und Duldung abhängig. So wirkten Barkämter, Sing- und Spielgruppen des Vereins mehrfach bei nationalsozialistischen Propaganda-Veranstaltungen mit, etwa bei der Einweihung der Goslar-Halle durch Reichsbauernführer Richard Walter Darré 1935, beim Weltkongress für Freizeit und Erholung 1936 in Hamburg, bei den Olympischen Sommerspielen in Berlin, auf dem Gauparteitag der NSDAP in Hildesheim, auf der Großen Deutschen Rundfunkausstellung in Berlin und bei der „Reichs-Hubertus-Feier“ im Hainberg zwischen Sehlde und Bockenem in Anwesenheit von Reichsjägermeister Hermann Göring.

Auch bei den Reichserntedankfesten am Bückeberg bei Hameln waren Delegationen des Heimatbundes geladen. Solche Großveranstaltungen dienten in erster Linie der geistigen Mobilmachung für einen kommenden Krieg und dem Führerkult. Brauchtumsgruppen sollten der Veranstaltung durch Trachten, Lieder und Tänze eine volkstümliche Prägung geben und so den Zusammenhalt der sogenannten „Volksgemeinschaft“ verdeutlichen sowie die NS-Rassenideologie legitimieren und verbreiten. Regionales Brauchtum wurde dabei gezielt für die Propaganda, Ideologie und politischen Absichten der Nationalsozialisten instrumentalisiert.

Arbeitsgemeinschaft produziert Reiseandenken

Parallel zu seiner Arbeit im Heimatbund gründete Reinecke-Altenau 1934 ehrenamtlich die Arbeitsgemeinschaft Oberharzer Volkskunst. Ziel dieses Projekts war es, ein volkstümlich geprägtes Kunsthandwerk zu etablieren und zugleich Kitsch zu bekämpfen. Hinter diesem Ansatz stand seine kulturpessimistische, kapitalismus- und zivilisationskritische Grundhaltung, mit der er das pädagogische Ziel einer an kulturkonservativen und völkischen Werten orientierten Geschmackserziehung der breiten Bevölkerung verfolgte.

Mit der Produktion und dem Verkauf von kunsthandwerklichen Erzeugnissen als Reiseandenken reagierte er auf die prekäre soziale Situation im Oberharz infolge der Weltwirtschaftskrise. Mit dem Wegbrechen der Montanindustrie seit 1930 war die Arbeitslosigkeit in der Region stark gestiegen. Die Verdienstmöglichkeiten in der Arbeitsgemeinschaft waren zwar gering, aber für die Mitarbeiter besser als nichts. In dieser Notlage war die Hoffnung auf den Fremdenverkehr als Gewerbezweig hoch.
Erzgebirgische Volkskunst ist das Vorbild: Ein Produktfoto zeigt hölzerne Tischleuchter der Arbeitsgemeinschaft Oberharzer Volkskunst.

Erzgebirgische Volkskunst ist das Vorbild: Ein Produktfoto zeigt hölzerne Tischleuchter der Arbeitsgemeinschaft Oberharzer Volkskunst. Foto: Heimatstube Altenau-Schulenberg

Allerdings waren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Oberharz nur sehr wenige als Vorbild dienende Zeugnisse und kaum traditionelles dekoratives Handwerk vorhanden. Nach seiner Intention könnten allerdings die von ihm entworfenen Gestaltungsformen zukünftig selbst „volkstümlich werden“. Die Produktpalette der Arbeitsgemeinschaft umfasste eine Vielzahl von Artikeln, darunter Holzspielzeug, Heimdekoration, Haushaltsgegenstände, Textilien und Kunstschmiedearbeiten für den Außenbereich. Ein Teil der Produkte wurde von ortsansässigen Fachleuten hergestellt, anderes wurde von spezialisierten Betrieben außerhalb der Region zugeliefert. Viele Entwürfe stammten direkt vom „künstlerischen Leiter“ Reinecke-Altenau.

Widerspruch zu eigenen Leitlinien

Stilistisch orientierten sich viele Arbeiten an der bereits etablierten erzgebirgischen Volkskunst, deren Produkte seit dem 19. Jahrhundert weit verbreitet waren. Auch organisatorisch diente dieses Modell als Vorbild: Produktentwicklung durch Fachleute, Produktion durch Laien und Fachhandwerker, Verkauf an Touristen.

Ein Bruch mit den lang gehegten Feindbildern: War der Kraftverkehr in Reinecke-Altenaus Wahrnehmung ansonsten ein Störfaktor, wurde daraus Mitte der 1930er Jahre das Motiv für ein touristisch verwertbares Reiseandenken.

Ein Bruch mit den lang gehegten Feindbildern: War der Kraftverkehr in Reinecke-Altenaus Wahrnehmung ansonsten ein Störfaktor, wurde daraus Mitte der 1930er Jahre das Motiv für ein touristisch verwertbares Reiseandenken. Foto: Heimatstube Altenau-Schulenberg

Zeitgenossen kritisierten allerdings, dass die Produkte der Arbeitsgemeinschaft kaum der den Leitlinien der Heimatschutzbewegung folgenden Maßgabe nach Ursprünglichkeit, Volkstümlichkeit, Bodenständigkeit und Unverfälschtheit gerecht wurden. Es handelte sich weniger um den Erhalt traditioneller Volkskunst als vielmehr um Neuschöpfungen und gewissermaßen um Reinecke-Altenaus persönliche Interpretation von Oberharzer Volkskunst, die er durch Serienproduktion verbreitete.

Wirtschaftlich abhängig vom NS-Apparat

Auch wirtschaftlich erwies sich das Projekt als schwierig. Trotz fester Verkaufsbude am Altenauer Markt, Ausstellungen und Vorträgen befand sich die Arbeitsgemeinschaft von Beginn an in finanzieller Schieflage. Gegenüber dem Harzklub war das Projekt zu Rechenschaft verpflichtet. Gegenüber weiteren staatlichen und NS-Parteiorganen befand sich die Gruppe in einem finanziellen und politischen Abhängigkeitsverhältnis. Sie war auf die Zuschüsse aus öffentlichen Mitteln und Parteikassen angewiesen.

Besonders deutlich zeigte sich die Abhängigkeit von der nationalsozialistischen Kulturpolitik, als die Arbeitsgemeinschaft 1935 große Mengen von Abzeichen für Reisen der NS-Organisation „Kraft durch Freude“ produzierte. Dennoch geriet die Arbeitsgemeinschaft Oberharzer Volkskunst wegen fehlender Wirtschaftlichkeit zunehmend unter behördlichen Druck. Nach 1937 verschwand das Projekt zunehmend aus der Öffentlichkeit. 1939 wurde der Verkaufspavillon aufgegeben und die Arbeitsgemeinschaft löste sich auf.

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