Verdi fordert Lohnplus im Handel - HDE warnt vor Jobabbau
Etwa 3,2 Millionen Menschen in Deutschland arbeiten im Einzelhandel, zum Beispiel in Lebensmittelgeschäften. (Symbolbild) Foto: Sven Hoppe/dpa
Die Tarifverträge im Handel laufen aus. Vor dem Start der Verhandlungen melden sich die Gewerkschaft Verdi und der Handelsverband zu Wort. Die letzte Runde zog sich über einen langen Zeitraum.
Berlin/Düsseldorf. Vor Beginn der neuen Tarifverhandlungen im Handel verlangt die Gewerkschaft Verdi für Beschäftigte Einkommenszuwächse deutlich über der Inflation. „Die Arbeitgeber müssen nachbessern“, sagte Bundesvorstandsmitglied Silke Zimmer. „Ein Einkommen, von dem die Beschäftigten leben können, ist dringend geboten.“ Dies sei momentan nicht der Fall. Der Durchschnittsverdienst im Einzelhandel liege deutlich niedriger als in der Gesamtwirtschaft.
Vertreter der regionalen Tarifkommissionen stimmten sich in dieser Woche in Kassel zur neuen Tarifrunde für den Groß- und Außenhandel sowie den Einzel- und Versandhandel ab. Im April starten die Verhandlungen in den ersten Tarifgebieten. In Hamburg und Nordrhein-Westfalen beginnen die Gespräche am 24. April, in Rheinland-Pfalz am 28. April.
Zimmer nannte auf Nachfrage keine konkreten Zahlen. Man orientiere sich an Abschlüssen anderer Branchen, hieß es lediglich. Die Befragung der Beschäftigten läuft noch. Die konkreten Forderungen sollen im März von den Bezirken öffentlich gemacht werden.
Verdi: Vielen Beschäftigten droht Altersarmut
Die Arbeitgeberseite warnt schon vor Verhandlungsbeginn vor unrealistischen Forderungen und ruft die Gewerkschaft zu Augenmaß auf. Der Handelsverband Deutschland (HDE) sieht angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen „dieses Mal kaum Spielraum“ für Lohnerhöhungen.
Hauptgeschäftsführer Stefan Genth sagte: „Die Umsätze im Einzelhandel steigen nicht in dem Maße wie die Kosten wachsen.“ Der Druck sei so hoch wie lange nicht mehr. Seit 2022 sind dem HDE zufolge in der Branche bereits mehr als 60.000 sozialversicherungspflichtige Jobs verloren gegangen. Genth warnte vor einem weiteren Stellenabbau. Ein zu hoher Tarifabschluss würde das deutlich befeuern.
Verdi-Bundesvorstand Zimmer widersprach den Äußerungen. Die wirtschaftliche Lage sei stabil, zahlreiche Betriebe schrieben Gewinne. 2025 seien die Umsätze im Einzelhandel preisbereinigt um 2,7 Prozent gestiegen. Beschäftigte hätten nach Abzug der Fixkosten allerdings „so gut wie kein frei verfügbares Geld“. Viele seien von Altersarmut bedroht. Löhne seien zudem nicht nur ein Kostenfaktor, sondern kurbelten auch die Konsumstimmung an, sagte Zimmer.
Plus von 14 Prozent in letzter Tarifrunde
Im Handel arbeiten laut Verdi hierzulande rund 5,2 Millionen Menschen, davon 3,4 Millionen im Einzelhandel. Die vorigen Tarifverhandlungen zogen sich über mehr als ein Jahr hin. Am Ende konnten sich die Beschäftigten im Einzelhandel für 2023 bis 2025 über ein Einkommensplus von insgesamt etwa 14 Prozent freuen.
Die Tarifbindung in der Branche ist seit Jahren rückläufig und vergleichsweise gering. 2024 waren nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 23 Prozent der Beschäftigten im Einzelhandel bei einem tarifgebundenen Arbeitgeber beschäftigt. In der Gesamtwirtschaft lag der Anteil bei 49 Prozent.