Fischfang verboten? Streit um Schutzgebiete in der Nordsee
Die Fanggebiete der Küstenfischer werden weiter schrumpfen. (Archivfoto) Foto: Sina Schuldt/dpa
Für mehr Meeresschutz wird in der Nordsee um fischereifreie Zonen gerungen. Neue Pläne der Landesregierung stoßen auf wenig Gegenliebe bei Fischern und Umweltschützern. Kann ein Kompromiss gelingen?
Hannover. Um die Nordsee stärker zu schützen, soll die Küstenfischerei in Niedersachsen eingeschränkt werden. Denn neue EU-Vorgaben sehen einen strengeren Meeresschutz vor – das bedeutet, die Fanggebiete der Küstenfischer werden weiter schrumpfen. Um einen Kompromiss zu finden, wo fischereifreie Gebiete eingerichtet werden sollen, läuft seit mehr als einem Jahr der Niedersächsische Fischereidialog mit Fischern, Umweltschützern, Kommunen und Landesregierung.
Jetzt hat die Landesregierung einen Plan mit ausgewählten Gebieten vorgelegt, der am Dienstag (21. Juli) im Fischereidialog erörtert werden soll. Auch Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte und Umweltminister Christian Meyer (beide Grüne) werden an dem Treffen teilnehmen. Der Vorschlag soll – so die Regierung – auch die Grundlage für den Abschluss des Fischereidialogs bieten.
Eine förmliche Abstimmung über die Gebiete soll es nicht geben, aber es sei „ein möglichst konsensual ausgerichtetes Ergebnis beabsichtigt“, heißt es aus den beteiligten Ministerien. Doch unter den Fischereidialog-Teilnehmern gehen die Meinungen weit auseinander – ein Überblick:
Warum soll es überhaupt fischereifreie Gebiete geben?
Das geht aus einer Vorgabe der EU an die Mitgliedsstaaten hervor. Die EU-Biodiversitätsstrategie gibt vor, dass bis 2030 mindestens 30 Prozent der EU-Gewässer unter Schutz gestellt werden. 10 Prozent dieser Meeresfläche sollen zudem streng geschützt werden – Fischerei ist dort nicht erlaubt. Als Anrainer muss Niedersachsen diese Vorgaben umsetzen. Ziel des Fischereidialogs ist es, ein Flächenkonzept zu erarbeiten, mit dem die strengeren Schutzziele mit den wirtschaftlichen Interessen der Fischerei in Einklang gebracht werden sollen.
Wer ist an dem Fischereidialog beteiligt?
Beteiligt sind neben Landwirtschaft- und Umweltministerium, Fischerei- und Umweltverbände, der Heimatbund, die Landwirtschaftskammer und Küstenkommunen.
Wo soll es fischereifreie Gebiete geben?
Landwirtschaftsministerin Staudte (Grüne) hatte beim Auftakt des Dialogs im April 2025 gesagt, es sollten insbesondere im Nationalpark Wattenmeer fischereifreie Flächen gefunden werden. Da der Nationalpark große Teile des niedersächsischen Küstenmeeres umfasst, wird das 30-Prozent-Ziel laut Landwirtschaftsministerium bereits erfüllt. Ein Defizit besteht noch bei der Ausweisung von streng geschützten Gebieten – also dem 10-Prozent-Ziel.
Welche Vorschläge liegen nun auf dem Tisch?
Umwelt- und Landwirtschaftsministerium haben eine Karte vorgelegt, in der die geplanten fischereifreien Gebiete ausgewiesen sind. Zuvor konnten den Ministerien zufolge Fischereibetriebe, Umweltverbände und lokale Akteure Stellungnahmen abgeben und Bedenken etwa bei Regionalkonferenzen äußern. Der Kartenentwurf sieht vor: Nicht mehr gefischt werden soll demnach unter anderem in Gebieten nördlich von Borkum, südöstlich von Wangerooge, im östlichen Jadebusen und vor Teilen der Wurster Nordseeküste.
Was sagt die Landesregierung zu den Vorschlägen?
Landwirtschaftsministerin Staudte sagte in einer Mitteilung ihres Ministeriums: „Das nun vorliegende Flächenkonzept ist ein ausgewogener Vorschlag, der auch die Interessen der Küstenfischerei und Küstenkommunen maßgeblich berücksichtigt.“ Umweltminister Meyer erklärte, die Gebietsauswahl sei so getroffen worden, „dass eine Umsetzung der fischereifreien strengen Schutzgebiete weder die Existenz einzelner Betriebe noch der Hafenstandorte in Frage stellt“.
Wie reagieren die Fischer auf die Vorschläge?
Bei den Fischern stoßen die ausgewählten Gebiete auf Widerstand. Denn dabei handele es sich oft gerade um die „Hotspots“, um die Reviere, in denen viele Küstenfischer hauptsächlich fischten und ihr Geld verdienten, sagt Gerold Conradi, zweiter Vorsitzender des Landesfischereiverbandes Weser-Ems. „Wir sehen andere Gebiete, die wir abgeben könnten.“
Die Fischer erwarten, dass die Vorschläge beim Fischereidialog mit ihnen besprochen werden. Dort wollen sie auch eigene Gebietsvorschläge vorstellen. „Es ist ja ein Dialog und kein Monolog“, sagt Conradi. In jedem Fall könne es nicht die Abschluss-Sitzung des Fischereidialogs sein. „Da besteht noch sehr viel Gesprächsbedarf.“

Mit den Vorschlägen sind weder die Fischer noch die Umweltverbände zufrieden. (Archivfoto) Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa
Dirk Sander, erster Vorsitzender des Landesfischereiverbandes Weser-Ems, hatte bereits im März beim Fischereiverbandstag mitgeteilt, ein Dialog könne nur erfolgreich sein, „wenn am Ende für alle Seiten greifbare Ergebnisse vorhanden sind“. Aus Sicht der Fischer müsse dies eine Garantie für ausreichende Fanggebiete und eine langfristige Perspektive beinhalten.
Was kritisieren die Umweltverbände?
Die Festlegung fischereifreier Flächen wäre schon viel früher notwendig gewesen, betont der Nabu Niedersachsen. „Allerdings sind die nun vorgelegten Flächen aus naturschutzfachlicher Sicht unzureichend.“ Die Gebiete befänden sich alle in der Nähe von Mündungen und Fahrwassern von Ems, Jade, Weser und Elbe. Sie seien somit stärker durch Schadstoffe gefährdet als etwa die Region zwischen Borkum und der Westspitze von Wangerooge.
„Ausgerechnet in diesen naturnäheren Teilen des Wattenmeeres ist keine einzige fischereifreie Zone vorgesehen“, kritisiert der Nabu. Wichtige Flächen für Muschelbänke, Seegraswiesen und Seemoosbestände fehlen. Die schutzbedürftigen Steinriffe bei Borkum würden kaum berücksichtigt.
Auch dem WWF gehen die Vorschläge nicht weit genug. „Die vom Land Niedersachsen vorgesehenen fischereifreien Gebiete sind zu klein und zersplittert“, meint Meeresschutzexpertin Catherine Zucco. Bei der Auswahl der Gebiete werde nur ein Tidebecken vollständig geschützt, weitere wie etwa die Otzumer Balje zwischen Spiekeroog und Langeoog würden nicht beachtet.
„In den Nationalparken des Wattenmeers muss gut die Hälfte des jetzt befischten Bereichs der Natur vorbehalten sein“, sagt Zucco unter Verweis auf das Bundesnaturschutzgesetz. „Das Land Niedersachsen schlägt nur gut ein Viertel der gesetzlich notwendigen Flächen vor.“ Ein Teil dieser Gebiete werde jetzt schon nicht befischt, mit den Vorschlägen werde sich also kaum etwas ändern.
Was sagen die Küstenkommunen?
Jürgen Peters, parteiloser Bürgermeister von Neuharlingersiel (Kreis Wittmund), kann dem Vorschlag für die fischereifreien Gebiete grundsätzlich zustimmen. Er mahnt aber an, der Küstenfischerei grundlegend eine Zukunftsperspektive zu schaffen. „Grundsätzlich bedarf es meines Erachtens einer Erklärung des Landes, dass auf den verbleibenden Flächen die Fischerei und welche Art der Fischerei weiterhin möglich ist.“
Peters betont, die Fischerei sei ein wichtiger wirtschaftlicher Bestandteil der Küstenregion. Küstenfischer gebe es noch in vielen kleineren Häfen wie Ditzum, Greetsiel, Dornumersiel, Neuharlingersiel, Fedderwardersiel, Wremen und Dornum. „Diese Betriebe sind auf küstennahe Fanggebiete angewiesen. Die genannten Häfen haben kaum eine Nutzungsalternative“, sagte Peters. „Wir sollten uns alle bemühen, diese Häfen mit all ihrem Mehrwert, insbesondere für den Tourismus, zu erhalten.“ Das sollte auch im Interesse des Landes liegen.
Wer bestimmt, wo es am Ende fischereifreie Gebiete geben soll?
In Niedersachsen werden darüber final die Landesregierung und der Landtag entscheiden. Denn Regelungen zu fischereifreien Gebieten sollen in das Nationalparkgesetz einfließen. Vorher sollen die Ergebnisse des Fischereidialogs abgewartet werden.