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30.000 Euro für Brandmeldeanlage

GZ Plus IconMuslim bezahlt der Altenauer Kirchengemeinde ihren Herzenswunsch

Ali Arabi steht vor der Altenauer Kirche.

Nach dem Weihnachtsgottesdienst verkündet Ali Arabi, dass er 30.000 Euro für die Brandmeldeanlage in der Altenauer Kirche spenden möchte. Foto: Knoke

Ali Arabi hat sein Herz an Altenau verloren. Er spendet 30.000 Euro für die geplanten Brandmelder in der Kirche. Der Kirchenvorstand spricht von einem Weihnachtswunder.

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Von Corinna Knoke
Freitag, 13.02.2026, 19:45 Uhr

Altenau. Ali Arabi wartete an Heiligabend, bis in der Altenauer St.-Nikolai-Kirche der letzte Segen gesprochen wurde und sich die Gottesdienstbesucher von ihren Plätzen erhoben. Dann trat der Zahnarzt aus Hannover auf Alexander Pinnow zu und fragte, wie viel Geld noch für die geplante Brandmeldeanlage fehle. „30.000 Euro“, antwortete der Vorsitzende des Kirchenvorstands. Der Muslim Arabi sicherte zu, diese Summe zu übernehmen. Für einen Moment blieb Pinnow die Luft weg. Jetzt spricht er vom „Weihnachtswunder in Altenau“.

Monate zuvor hatte das Vorstandsmitglied ein anderes Gefühl begleitet: Unruhe. Der Brand in der Marktkirche Clausthal im Juli hatte ihm deutlich gemacht, wie schnell ein Gotteshaus in Flammen stehen kann. In Deutschlands größter Holzkirche ist eine Brandmeldeanlage installiert, in Altenau nicht. Immer wieder hörte Pinnow den Satz, in 355 Jahren sei hier in der Bergstadt nie etwas passiert. Für ihn ist das kein beruhigender Gedanke, sondern ein trügerischer. In Deutschland brenne statistisch etwa einmal pro Woche eine Kirche, hatte er recherchiert. „Man denkt immer, das passiert woanders“, sagt er. „Aber wenn es in der Nähe ist, bekommt man ein ziemlich mulmiges Gefühl.“ Als Feuerwehrmann sei sein Albtraum, die eigene Kirche löschen zu müssen.

Nur die Marktkirche hat Brandmelder

Wegen einer finanziellen Unterstützung wandte sich Pinnow an den Landesbischof und an den Kirchenkreis Harzer Land. Zweimal erhielt er eine Absage. Brandmeldeanlagen in Gotteshäusern seien eine Ausnahme. In der Berg- und Universitätsstadt ist lediglich die Clausthaler Kirche damit ausgerüstet. „Die Marktkirche stellt einen Sonderfall dar“, erklärte Rebekka Neander, stellvertretende Pressesprecherin der Landeskirche Hannovers, kurz nach dem Brand. Die Kirche sei von hoher kulturhistorischer Bedeutung und biete Platz für bis zu 2000 Menschen. Da die Landeskirche in der Regel nicht Eigentümerin der Gebäude ist, entscheiden die Gemeinden selbst über eine Anschaffung.

Alexander Pinnow und Gaby Mahnke aus dem Altenauer Kirchenvorstand studieren den Grundriss der St.-Nikolai-Kirche für die Planung der Brandmeldeanlage.

Alexander Pinnow und Gaby Mahnke aus dem Altenauer Kirchenvorstand studieren den Grundriss der St.-Nikolai-Kirche für die Planung der Brandmeldeanlage. Sie sind sehr dankbar für die großzügige Spende. Foto: Knoke

Der Altenauer Kirchenvorstand sprach sich einstimmig für die Anlage aus. Doch rund 32.000 Euro kann eine kleine Gemeinde nicht einfach aufbringen. Weder das freiwillige Kirchgeld noch der neu gegründete Förderverein reichten aus. Pinnow holte Angebote ein und führte Gespräche mit dem Kirchenkreis, der Landeskirche und dem Denkmalschutz. Geplant ist ein System, das über ein Rohrnetz funktioniert und ohne sichtbare Kabel auskommt – denkmalverträglich und direkt mit der Feuerwehr verbunden. Für Pinnow zählt im Ernstfall jede Minute. Ein Rauchmelder, der erst auf einem Handy Alarm schlägt, sei für ihn keine Lösung.

Flitterwochen in Altenau

Dann kam der Weihnachtsgottesdienst, der alles veränderte. In seinem Jahresrückblick erwähnte Pinnow die geplante Brandmeldeanlage und die fehlenden Mittel – ohne Erwartung, dass sich eine Lösung ergeben könnte. Doch dann gab Arabi sein Versprechen, das Geld zu bezahlen, und er hielt Wort. Die ersten 15.000 Euro sind bereits überwiesen. Der zweite Teil soll im Frühjahr folgen. Kaum schien das Ziel erreicht, tauchte die nächste Hürde auf: In einer Bauausschusssitzung der Gesamtkirchengemeinde Oberharz wurde laut Pinnow ein zusätzliches Ingenieurgutachten gefordert. Auch die jährlichen Betriebs- und Wartungskosten von rund 5000 Euro wollte niemand übernehmen. Pinnow griff erneut zum Telefon. Arabi zögerte nicht lange und erklärte sich bereit, auch diese Summe jährlich zu tragen.

Was treibt einen Menschen zu einer solchen Großzügigkeit? „Ich habe mein Herz an Altenau verloren“, erzählt Ali Arabi. Der 40-Jährige betreibt eine Zahnarztpraxis in Hannover. Seine Eltern kamen 1979 aus Afghanistan nach Deutschland, er selbst ist in Hannover geboren und aufgewachsen. Vor dreieinhalb Jahren kaufte er eine kleine Wohnung am Kunstberg in Altenau. Seitdem verbringt er jede freie Minute im Oberharz – sogar seine Flitterwochen.

Zeichen für interkulturelle Verständigung

Besonders schwärmt er von der Natur. Einen seiner ersten intensiven Momente erlebte er am Okerteich. Er saß am Ufer, blickte auf das Wasser, auf die bewaldeten Berge und hörte die Vögel. Dort sei er vollkommen zur Ruhe gekommen. Altenau empfindet er als „umwerfend schön“, für ihn ist es ein Gegenentwurf zum urbanen, oft unpersönlichen Hannover.

Obwohl Weihnachten ein christliches Fest ist, besucht der Muslim jedes Jahr einen Gottesdienst. Jeder bete zu einem Gott, sagt Arabi. Und das könne er überall tun, also auch in einer evangelischen Kirche. Mit seiner Spende wolle er ein Zeichen für interkulturelle Verständigung setzen. Es gehe ihm nicht um öffentliche Aufmerksamkeit. Am liebsten würde er gar nicht im Mittelpunkt stehen. „Ein Mensch ist gut, wenn er Gutes im Herzen hat“, meint er. „Nicht, wenn er viel darüber spricht.“

Der 40-Jährige kann sich gut vorstellen, eines Tages ganz nach Altenau zu ziehen. Auch seiner Frau, die gerade ein Baby erwartet, gefällt es im Oberharz. Nur das tägliche Pendeln nach Hannover kommt für ihn nicht infrage. Diese Strecke kennt er noch aus der Zeit, als er in Goslar arbeitete. Reizvoller erscheint ihm der Gedanke, selbst im Oberharz als Zahnarzt tätig zu sein. Doch eine Praxisgründung sei mit hohen Investitionen und bürokratischen Hürden verbunden. Ein einzelner Zahnarztstuhl koste in etwa so viel wie die Brandmeldeanlage in der Altenauer Kirche.

Pinnow hofft, dass die Anlage bis Mitte des Jahres installiert werden kann. Auch wenn bereits ein Angebot vorliege, müsse der Auftrag ausgeschrieben werden. Formale Schritte stehen noch an, der Zeitplan ist offen. Sicher ist bislang nur: Dank Arabis Engagement wird es an der Finanzierung nicht mehr scheitern.

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