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Protest gegen Nichtberücksichtigung

GZ Plus IconStartchancen für 2060 Schulen: Aber Oker ist nicht im Topf

Die Grundschule Oker wird zur ersten Unicef-Schule in der Region: Schülerinnen und Schüler berichten Mitte Mai bei einer Festveranstaltung über ihre Projekte zum Thema Kinderrechte.

Die Grundschule Oker wird zur ersten Unicef-Schule in der Region: Schülerinnen und Schüler berichten Mitte Mai bei einer Festveranstaltung über ihre Projekte zum Thema Kinderrechte. Foto: Roß

Vor Ort versteht es niemand, zumal auch niemand die Auswahlkriterien kennt. Ausgerechnet die Grundschule Oker bleibt beim Startchancenprogramm von Bund und Land außen vor. Drei andere Goslarer Grundschulen sind dabei. Der Protest formiert sich.

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Von Frank Heine
Freitag, 07.06.2024, 14:00 Uhr

Goslar. Die Laune bei Claudia Kohl war schon mal viel besser. Etwa, als ihre Okeraner Grundschule Mitte Mai als erste Schule in der Region vom Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) zertifiziert wurde. Ein langer und mühsamer Weg mit viel Engagement von Schülern und Lehrkräften, der am Ende zum Ziel führte und belohnt wurde. Die Rektorin war zweifellos auch ziemlich stolz, als sich im April Schüler-Delegierte aus zehn Grundschulen aus dem Landkreis zwei Tage lang um Kinderrechte kümmerten. Schulen aus Goslar, Langelsheim, Lutter, Clausthal-Zellerfeld und Othfresen hatten Dritt- und Viertklässler in den Sitzungssaal des Kreistages entsandt, um mit Politikern und Jugendpflegern über ihre Wünsche, ihre Rechte und ihre Beschwerden zu diskutieren. Im Vergleich zur Premiere hatte sich die Teilnahme mehr als verdreifacht, als mit dem Kernpunkt Oker die Goslarer Schillerschule und Langelsheim/Astfeld den ersten Schritt gemacht hatten.

Zahlen zum Programm

Und jetzt das: Ende vergangener Woche gab das Kultusministerium mit Ministerin Julia Hamburg (Grüne) an der Spitze bekannt, dass es mit dem Startchancen-Programm, das Bund und Länder auf die Schiene gesetzt haben, Lernbedingungen gezielt und langfristig verbessern will. 390 Schulen in niedersächsischen Brennpunkten sollten profitieren, titelten die Zeitungen. Bundesweit gehen insgesamt 2.060 Schulen zum 1. August an den Start für die Startchancen, heißt es auf der Internetseite des Bundesbildungsministeriums. Das seien mehr als doppelt so viele wie ursprünglich angedacht. Bis zum Schuljahr 2026/27 werde es in Deutschland etwa 4.000 Startchancen-Schulen geben.

Organisationsduo bei der Kinderkonferenz im Landkreis: Gaby Drost von der Koordinierungsstelle „Demokratie Leben“ im Awo-Kreisverband und Oker-Rektorin Claudia Kohl haben das Heft in der Hand.

Organisationsduo bei der Kinderkonferenz im Landkreis: Gaby Drost von der Koordinierungsstelle „Demokratie Leben“ im Awo-Kreisverband und Oker-Rektorin Claudia Kohl haben das Heft in der Hand. Foto: Heine

Zurück nach Hannover: Laut Ministerin Hamburg wurden die Schulen nach einem eigens entwickelten Sozialindex ausgewählt. Darunter auch Schiller-, Goethe- und Jürgenohlschule in Goslar. Aber eben nicht Oker.

„Ich verstehe es nicht“, sagt Kohl. Sie habe bereits Anfragen gestartet in der Schulbehörde, beim Schulträger, in der Politik. Überzeugende Antworten fehlen bis jetzt. Kohl will nicht falsch verstanden werden: „Ich gönne allen alles.“ Aber warum ausgerechnet der Stadtteil Oker mit seiner traditionell hohen Quote an Bewohnern und Schülern mit Migrationshintergrund nicht in den Genuss besserer Startchancen kommen soll, kann sie nicht nachvollziehen. Zumal bislang offenbar niemand außerhalb des Ministeriums von Kriterien und möglichen aktiven Meldungen für das Programm weiß. Womit sich nicht nur für Kohl die Frage nach der Transparenz stellt.

Nur aus Zeitung und Radion erfahren

Ute Kesten, zum Ende des Schuljahrs scheidende Chefin der Goetheschule, erklärt freimütig zur Aufnahme ihrer Schule ins Programm: „Ich habe davon auch nur aus der Zeitung und aus dem Radio erfahren.“ Beworben habe sich die Schule jedenfalls nicht. Und was das Programm konkret bedeutet, sei ihr auch noch unklar. Melanie Gehrmann von der Schillerschule wollte sich auf Anfrage nicht äußern. Rektorin Christine Bulban ließ eine telefonische Anfrage am Mittwoch unbeantwortet. Das Kultusministerium war am Mittwoch ebenfalls nicht willens oder in der Lage, auf Kontaktaufnahmen per Telefon und E-Mail zu reagieren. Von der Stadt Goslar kam auch nicht mehr als ein Schulterzucken. Dort waren die Verantwortlichen um Schulen-Fachdienstleiterin Mara-Lena Macke selbst noch auf der Spurensuche nach den Auswahlkriterien.

Sie befand sich in prominenter Begleitung. Landtagsabgeordneter Christoph Willeke (SPD) ist ebenfalls schon eingeschaltet, um aus dem grün-geführten Kultusministerium mehr Informationen zu erlangen. Er sagte zu, sich die Datenlage so rasch wie möglich sehr genau anzuschauen, bestätigte aber auch, dass „aus seinem Gefühl heraus Oker Potenzial für das Programm hat“. Den Bedarf dürfte es zweifellos geben. Willeke lobte aber auch noch einmal das Programm an sich: Bundesweit würden Milliarden Euro aufgewendet, um bessere Bedingungen zu schaffen.

Der Protest in Oker und Goslar formiert sich

Und das bezweifelt auch in Oker niemand. Und trotzdem ist dort nicht nur Rektorin Kohl mindestens not amused. Für die SPD-Abteilung Oker kündigte der frühere Goslarer Parteichef und Ratsherr Jens Kloppenburg eine Protest-Busfahrt nach Hannover an, sollte sich nichts mehr an der Auswahl ändern. „Seit mehr als einem Jahr sind wir dabei, für Oker ein Stadtsanierungsprogramm hinzubekommen“, sagt er und nennt das Stichwort „Oker 2025“. Die Entscheidung aus Hannover konterkariere diese angeschobenen Bemühungen um die Stabilisierung und Förderung des Stadtteils.

Der Linke Rüdiger Wohltmann, kongenialer Kloppenburg-Kompagnon beim Jahresantrunk, hat in dieser Hinsicht schon geliefert. Einer von ihm entworfenen Resolution hätten neben seiner eigenen Fraktion schon SPD, CDU, Grüne Partei 42, Henning Wehrmann und Niklas Prause zugestimmt. Eine Rückmeldung der FDP stehe noch aus. Danach fordert der Goslarer Rat das Ministerium auf, die Okeraner Schule noch ins Programm aufzunehmen. Sie habe ein „sozial-ökonomisch problematisches Einzugsgebiet“ und arbeite engagiert daran, für Oker eine soziale Anlaufstelle einzurichten, damit Familien niederschwellig Hilfe geboten werden könne. Von den 228 Schülern erhielten 59 Kinder Leistungen aus dem Teilhabegesetz. Nicht alle, die Anspruch hätten, nehmen diese Hilfe wahr. 93 Kinder weisen einen Migrationshintergrund auf. In vielen Familien werde kein Deutsch gesprochen. Und nicht zu vergessen. Die räumliche Situation sei unzureichend und erschwere die Arbeit. Wofür nun aber wieder die Stadt Goslar und ihr Gebäudemanagement verantwortlich zeichnen.

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