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Ortstermin nach Bürgerprotest

GZ Plus IconSchnelle Hilfe gefragt: Goslars Stadtarchiv hat ein Klima-Problem

Wie ist die Lage im Archiv? Die neue Leiterin Dr. Sandra Funck (v.r.) informiert im Beisein von GGM-Chef Oliver Heinrich und Erstem Stadtrat Dirk Becker unter anderem Ratsfrau Elke Brummer (SPD) Eckhard Weiss von der Altstadt-Gruppe und Ratsherrn Norbert Schecke (CDU).

Wie ist die Lage im Archiv? Die neue Leiterin Dr. Sandra Funck (v.r.) informiert im Beisein von GGM-Chef Oliver Heinrich und Erstem Stadtrat Dirk Becker unter anderem Ratsfrau Elke Brummer (SPD) Eckhard Weiss von der Altstadt-Gruppe und Ratsherrn Norbert Schecke (CDU). Foto: Heine

Ja, es läuft nicht rund im Stadtarchiv: Weil die Initiativgruppe Altstadt den Finger in die Wunde gelegt hat, kam es am Freitagmittag zum Ortstermin. Zu warm, zu feucht: Was muss passieren, damit Goslars Historienschätze keinen Schaden nehmen?

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Von Frank Heine
Samstag, 09.08.2025, 10:00 Uhr

Goslar. Kein Zweifel mehr: Im Goslarer Stadtgedächtnis stimmt das Klima nicht. Nach anfänglichen Ausreißern bei den Temperaturen ist mittlerweile die Luftfeuchtigkeit deutlich höher, als es die Richtwerte empfehlen. Abhilfe soll so rasch wie möglich kommen, damit die wertvollen Archivbestände keinen Schaden nehmen. Aktuell sind laut Archivchefin Dr. Sandra Funck weder dauerhafte Beeinträchtigungen aufgetaucht noch ist Schimmel aufgetreten. Kontrolliert wird demnach in Stichproben und bei der täglichen Arbeit. Aber der Handlungsbedarf ist unbestritten. Schon nächsten Dienstag sollen erste Pflöcke eingeschlagen werden.

Die Protestnote der Initiativgruppe Altstadt zur „Gefährdung unseres kulturellen Lebens durch unsachgemäße Lagerung historischer Unterlagen“ hat einen Wirkungstreffer gesetzt. Sie wird von der Stadt sogar so ernst genommen, dass auf einen Vorstoß von Sprecher Henning Frase hin noch am Freitagmorgen kurz nach der Veröffentlichung Erster Stadtrat Dirk Becker zusammen mit Funck und Oliver Heinrich als Leiter des Goslarer Gebäudemanagements (GGM) eine Runde aus Altstadt-Gruppe und Ratspolitik zu einer Führung im Archiv empfing. Wo liegen die Gründe für die Lage, wie sie ist? Verwaltungsvize Becker war dort fast schon entwaffnend ehrlich: „Wenn wir nach Schulnoten gehen, liegen wir zwischen ausreichend und mangelhaft.“ Und das dürfe natürlich nicht sein.
Rauf bis unters Dach: GGM-Leiter Oliver Heinrich zeigt, wo im Archiv das Klima geregelt wird.

Rauf bis unters Dach: GGM-Leiter Oliver Heinrich zeigt, wo im Archiv das Klima geregelt wird. Foto: Heine

Wärmepumpe kann es nicht

GGM-Chef Heinrich, frisch aus dem Urlaub gekommen, schaltete in den Modus eines Dauererklärers. Die Probleme reichen demnach schon bis zum Anfang zurück. In aller Kürze zusammengefasst: Als das Stadtarchiv 2022 in sein neues Domizil im Kulturmarktplatz gezogen war, stellte sich bald heraus, dass die in der Klimaanlage eingesetzte Wärmepumpe für ihre Aufgabe nicht ausreichend dimensioniert war. Sie wurde ausgetauscht. Aber auch das Nachfolge-Modell kam nicht auf die erwünschte Leistung. Die Altstadt-Gruppe hatte in ihrem Protest unwidersprochene „bis zu 26 Grad“ für das Vorjahr angeführt. Vorgegeben sind 16 bis 18 Grad Celsius – und vor allem sollte die Temperatur möglichst wenig schwanken.

Weil dies immer wieder der Fall war, mietete sich die Stadt ein mobiles Gerät, das seit Mai auf dem Innenhof seinen Dienst tut und den Ansprüchen auch tatsächlich genügt. Neues Problem: Jetzt stieg die relative Luftfeuchtigkeit an.

Sie sollte in Archivräumen zwischen 30 und 50 Prozent liegen. Inzwischen sei das GGM in der Lage, bei den Messungen zwischen 58 und 60 Prozent zu halten. Auf Frases Nachfrage, ob nicht sogar Werte über 70 Prozent gemessen worden seien, räumte Funck ein, dass bei vereinzelten Proben „die Sieben vorne stand“. Wie soll sich der Zustand ändern? Für das Temperaturproblem ist bereits eine Ausschreibung erfolgt. Am kommenden Dienstag, so der Plan, will Heinrich ein Unternehmen beauftragen, das sogar gleich zwei Wärmepumpen einbauen soll. Eine ist beim möglichen Ausfall der anderen als Backup gedacht. Sie sollen das mobile Gerät ersetzen – möglichst noch im dritten Quartal, also bis Ende September. Das ist das Ziel, versicherte Heinrich.
Externer Anschub: Ein im Innenhof aufgestelltes mobiles Gerät sorgt seit Mai dafür, dass zumindest die Temperatur wieder stimmt.

Externer Anschub: Ein im Innenhof aufgestelltes mobiles Gerät sorgt seit Mai dafür, dass zumindest die Temperatur wieder stimmt. Foto: Heine

Treppenhaus aus Glas

Außerdem ist als Juckepunkt erkannt, dass ein über vier Stockwerke verglastes Treppenhaus mit einer Tür nach außen und Beschattungsvorrichtungen ausgestattet werden soll. Es muss aber weiterhin analysiert werden, wie im Register die Luftfeuchtigkeit herunterzubekommen ist. Dort zeichnet sich noch keine Lösung ab. Bisher seien bei den hohen Temperaturen Einbände von Zeitungen zusammengeklebt und mit Kraftaufwand wieder gelöst worden. Schäden an Wachssiegeln historischer Urkunden seien ihr nicht bekannt. Sie sprach von einer „engmaschigen Beobachtung“ durch die Mitarbeiter des Archivs.

Was noch auffiel: Lediglich ein mobiles Mini-Entlüftungsgerät aus dem Rathaus tat seinen Einsatz in der unteren Etage. Den von der Stadt mitgeteilten Plural verneinte Becker, sprach von einem Missverständnis und machte den Fehler in der Binnenkommunikation der Stadt fest. „Wichtig ist doch zuallererst, dass es zu einer dauerhaften Verbesserung kommt“, sagte er und lenkte den Blick nach vorne. Verhältnisse wie einst an der Zehntstraße mit Schimmelbefall in den Beständen wolle schließlich niemand.

Wer zahlt die Zeche?

Aber wer steht für den Schaden finanziell gerade? Darüber, wie es sein sollte, gab es keine zwei Meinungen: Wer für den Schaden verantwortlich ist, muss zahlen. Aber es gab doch Befürchtungen, wie sich solche Streitigkeiten am Ende hinziehen und juristisch ausgehen könnten. Es soll auf jeden Fall gelten: Der Schutz des historischen Archivguts steht an erster Stelle. Wie hoch die finanzielle (Vor-)Leistung der Stadt ausfällt, wollte Becker nicht verraten. Er rede höchst ungern, am liebsten gar nicht über Zahlen, die nicht belastbar seien. Henning Wehrmann (Bürgerliste) mahnte am Ende des einstündigen Ortstermins, solche Treffen doch insofern unnötig werden zu lassen, dass die politischen Gremien ausreichend früh und ausreichend deutlich ins Bild zu setzen seien.

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