Exlibris in Bad Harzburg: Das ist der rätselhafte Künstler Nernst
Der Verlag von Rudolf Stolle verfügt über zahlreiche Exlibris-Kunstwerke. Foto: Meiß
Der Bad Harzburger Verleger Rudolf Stolle (1858–1933) veröffentlichte jahrzehntelang Werke eines gewissen Exlibris-Künstlers namens Nernst. Wer steckt dahinter?
Bad Harzburg. Der herzogliche Hofbuchhändler Rudolf Stolle (1858–1933) war ein Bad Harzburger mit großem Geschäftssinn. In seinem Verlag in der Villa Ilse, Papenbergstraße 5, wurden unter anderem das „Amtliche Fremdenblatt“ der Kurstadt und zahlreiche Bücher über den Harz gedruckt. Darüber hinaus verfügte der Verlag über ein Kunstatelier, in dem Zeichnungen, Kunstblätter, Künstlerkarten und Exlibris entstanden. Viele dieser Werke trugen die Signatur eines Künstlers namens Nernst. Doch wer steckt dahinter? Eine Spurensuche.
Ab den 1890er Jahren kamen Exlibris wieder in Mode, also Bücherzeichen, die auf der Innenseite von Büchern eingeklebt werden und den Eigentümer nennen. Das brachte den grafischen Zeichnern und Druckern eine neue Erwerbsquelle. Auch Stolle nahm die Gestaltung und den Druck von Exlibris-Blättern in sein Verlagssortiment auf. Er ließ nicht nur private Blätter gestalten, sondern bot auch Geschäfts-Exlibris sowohl für allgemeine wie für Spezial-Sortimente an. Im „Amtlichen Fremdenblatt“ warb Stolle mit „Exlibris – große Sammlung zur Durchsicht zu Diensten“ und so ließen sich auch zahlreiche Kurgäste ihre Exlibris bei ihm anfertigen und drucken.
1907 wird die Hofbuchhandlung Rudolf Stolle mit ihren Exlibris-Kunstwerken in einem Kalender der deutschen Universitäten und technischen Hochschulen genannt. Foto: Meiß
Jahrzehntelange Zusammenarbeit
„Die Perle seiner Bäder und Sommerfrischen – Harzburg – ist es, welche inmitten ihrer balsamduftenden Waldberge eine ständige Exlibris-Ausstellung im Kurhause beherbergt“, hieß es einst zu Stolles Atelier. Der Verleger, der seit 1904 selbst Mitglied im Exlibris-Verein zu Berlin (seit 1949 unter dem Namen „Deutsche Exlibris Gesellschaft“) war, arbeitete über Jahrzehnte hinweg mit einem Weimarer Künstler sowohl für die Buchillustrationen als auch für die Künstlerkarten und Exlibris zusammen. Wer im Internet nach dem „Atelier Stolle und Exlibris“ sucht, findet Exlibris-Blätter eines gewissen Heinrich Nernst, die mit „H. Nernst“, „Weimar“ oder nur mit „HN“ signiert sind.
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Nernst ist einer jener Künstler, die in keinem bekannten Nachschlagewerk zu finden sind. Ihre Biografien und ihr Gesamtwerk haben sich im Laufe der Zeit verflüchtigt, was die heutige Recherche erschwert. Selbst in Weimar, wo dieser Heinrich Nernst gelebt und gewirkt haben soll, gibt es keine Informationen. Im Adressbuch der großherzoglichen Haupt- und Residenzstadt sind zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter dem Nachnamen nur zwei Männer verzeichnet. Ein in den USA approbierter Zahnarzt namens Dr. Bruno Nernst und der Kunstmaler Hermann Nernst. Aufgrund der Seltenheit des Nachnamens in Deutschland war davon auszugehen, dass es sich bei letzterem um den gesuchten Künstler handelt und sich der falsche Vorname immer weiter übermittelt hat. Bis zum heutigen Tag, der für Klarheit sorgt.
Heinrich oder Hermann Nernst?

Ein Werk des Exlibris-Künstlers Nernst erwähnt die Stolle-Tochter Leni. Foto: Meiß
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Nernst wuchs ab den 1870er Jahren in Berlin, der Heimatstadt seiner Eltern, auf und besuchte dort das Gymnasium. Als sein Vater im Jahr 1881 verstarb, lebte die Familie in der Paulstraße nahe der Spree und Schloss Bellevue, dem heutigen Amtssitz des Bundespräsidenten. Berlin blieb für die Witwe und ihre minderjährigen Kinder Hermann und Klara noch einige Jahre lang der Lebensmittelpunkt.
Die Kunst liegt in der Familie
Nach dem Schulabschluss entschied sich Nernst gegen eine akademische und für eine künstlerische Laufbahn. Damit folgte er der Familientradition seiner hugenottischen Vorfahren, die als Goldschmiede und Emailleure berühmt waren. In den 1880er Jahren besuchte Nernst mehrere Jahre lang den Unterricht an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin, der in Tages- und Abendklassen angeboten wurde. Er wechselte nach seinem Abschluss an die Königliche Porzellan-Manufaktur (KPM), die 1763 von Friedrich dem Großen (1712–1786) gegründet wurde und ihren Standort am Großen Tiergarten hatte.

Friedrich der Große gründet 1763 die Königliche Porzellan-Manufaktur in Berlin, zu der viele Jahre später auch Künstler Nernst nach seinem Abschluss wechselt. Aus 1763 stammt ebenfalls dieses Ölbild des Preußenkönigs vom Maler Johann Georg Ziesenis. Foto: dpa/Wagner
Anschließend, wobei sich abermals kein Hinweis auf die Jahreszahl fand, verließ er Berlin und übernahm die Leitung der Malklasse an der Königlich Keramischen Fachschule in Höhr-Grenzhausen. Nachdem sich sein älterer Bruder Dr. Bruno Nernst 1886 verheiratet und in Weimar eine Zahnarztpraxis eröffnet hatte, folgten ihm seine Mutter und Hermann um 1890. Sie bezogen eine Wohnung südlich des Stadtzentrums, gegenüber dem von Goethe mitangelegten Park an der Ilm.
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In Weimar angekommen, schrieb sich Nernst als Kunstschüler an der Großherzoglich-Sächsischen Kunstschule ein, an der auch Max Liebermann Jahrzehnte zuvor studiert hatte. Er besuchte die Malklasse von Professor Max Thedy, der nur sechs Jahre älter war als er selbst.
Lebensabend in Weimar
Über das Leben des Künstlers ab der Jahrhundertwende konnte nur sehr wenig in Erfahrung gebracht werden. Zu seinem 70. Geburtstag veröffentlichte die Thüringer Allgemeine Zeitung einen Artikel über ihn, in dem sie ihn als einen „Zeichner und Maler voll Spitzwegischer Lebensauffassung“ beschrieb, der „dem Hang zu genügsamen Einsiedlergepflogenheiten und – last not least – der Gabe, sich selbst zum besten zu haben.“ Im Jahr 1907 heiratete der 43-Jährige, und eine Tochter wurde geboren. Doch die Ehe hielt nicht, und das Paar ließ sich 1914 scheiden. Bis zu seinem Tod im Jahr 1950 als Folge einer Lungenentzündung blieb Weimar Nernsts Lebensmittelpunkt.
Und wie kam nun die Verbindung zu Rudolf Stolle zustande? Fortsetzung folgt.
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