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Präsidenten, Schlagersänger, Kanzler

GZ Plus IconDas Goslarsche Pancket und seine lange Liste berühmter Gäste

Drei Männer in formeller Kleidung stehen vor einer Wand mit dekorativen Elementen und Pflanzen im Hintergrund

Bestens gelaunt in der Ehrengast-Rolle: Mit Herold und Oberbürgermeister Helmut Sander tritt Bundeskanzler Helmut Schmidt am 21. März 1978 beim Goslarschen Pancket auf – dem zweiten, das in der Kaiserpfalz über die Bühne geht. Foto: Repro Stadtarchiv

Helmut Schmidt, Hans-Dietrich Genscher, Roman Herzog und Frank-Walter Steinmeier waren schon da. Aber auch Schlagerstar Udo Jürgens – außer der Reihe übrigens.

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Von Frank Heine
Freitag, 20.03.2026, 10:00 Uhr

Goslar. Es war anno 1009, als Kaiser Heinrich II. vom 6. bis 13. März die Großen aus Kirche und Adel zur ersten Reichsversammlung auf Goslarer Boden geladen hatte. Ein gutes Jahrtausend später reisen die Mächtigen aus Stadt und Umland, wenn auch in kleinerem Kreis, aber immer noch und auch besondere Gäste aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft an, um in der Kaiserpfalz beim Goslarschen Pancket ins Gespräch zu kommen, Kontakte zu knüpfen und Zukunft zu planen.

Zweier Bankchef nach Tietmeyer 1998

Bei der 44. Auflage ist am Freitag, 20. März, der amtierende Bundesbank-Präsident Professor Dr. Joachim Nagel der Ehrengast. Was keine Premiere ist, weil mit Professor Dr. Hans Tietmeyer eine Hauptperson mit demselben Berufsbild schon 1998 bei der 30. Pancket-Auflage in Goslar aufschlug. Sehr wohl eine Premiere steht an, wenn mit Juliane Saupe, Goslarer Standortleiterin der H. C. Starck Tungsten Powders, eine Frau und Managerin die Bratenrede hält – anderthalb Jahre und eine Auflage, nachdem Bundesbauministerin Klara Geywitz im November 2024 der erste weibliche Ehrengast war.

Frau in dunklem Anzug mit weißen Hemd steht auf einer Straße vor einem Industriegebäude mit Rohrleitungen und einem Tankwagen

Starck-Standortchefin Juliane Saupe hält die Bratenrede. Foto: Tietze Heinichen (Archiv)

Die Bratenrednerin aus Hahndorf ist übrigens die Mutter von CvD-Abiturientin Amalia Saupe, die seit vorigem Sommer ein Auslandsjahr in Sambia verbringt, dort an Schulen hilft und ein Mädchen-Fußballteam trainiert. Sie berichtet via GZ regelmäßig in die Heimat. Gerade hat ihre alte Schule bei einem Spendenlauf 8500 Euro eingesammelt, von denen wohl eine Art Vereinsheim als Treff für Jugendliche gebaut werden soll – starke Frauen in der Familie.

Lattemann-Meyer wird 97 Jahre alt

Zurück zum Pancket: Viel eher dran waren die Frauen in der Gastgeberrolle. Für Oberbürgermeisterin Urte Schwerdtner ist es das dritte Pancket im Amt. Noch weit mehr hatte Marta Lattemann-Meyer leiten dürfen, die einen Tag nach dem Festessen 97 Jahre alt wird. Ansonsten waren nur 1989 einmal Ehefrauen zugelassen, als ZDF-Intendant Professor Dieter Stolte Ehrengast war. Dann war wieder Schluss, weil die Damen die Wirtschaftsgespräche nicht so intensiv gefördert hätten, wie die Männer meinten.
Wer ist am Freitag unter den rund 180 angemeldeten Gästen zu erwarten? Weitere Frauen in Spitzenpositionen, als da wären Dr. Thela Wernstedt als Präsidentin der Klosterkammer Hannover und die Clausthaler TU-Präsidentin Dr.-Ing. Sylvia Schattauer. Goslars Ehrenbürger Hans-Joachim Tessner, der genau zwei Wochen vorher seinen 82. Geburtstag gefeiert hat, kommt mit Ehefrau Helga. Der zweite Ehrenbürger Sigmar Gabriel hat dagegen abgesagt.
Mann in Anzug und Krawatte vor blauem Schild mit gelben Sternen und der Aufschrift 'DEUTSCHE BUNDESBANK EUROSYSTEM Zentrale'

Ehrengast bei der 44. Auflage: Professor Dr. Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank, kommt am Freitag in die Kaiserpfalz. In gleicher Rolle war Professor Dr. Hans Tietmeyer 1998 als einer seiner Vorgänger im Amt schon Hauptperson beim 30. Goslarschen Pancket. Foto: Arne Dedert/dpa

Neues vom aus dem Europa-Zinsraum

Pancket-Ehrengast Nagel dürfte wiederum taufrische Nachrichten aus Frankfurt mit nach Goslar bringen. Am Vortag stand eine turnusmäßige Sitzung des EZB-Rates an. Das höchste Beschlussorgan der Europäischen Zentralbank legt die Geldpolitik für den Euro-Raum fest – primär zur Sicherung der Preisstabilität. Er tagt alle zwei Wochen, trifft alle sechs Wochen Zinsentscheidungen und besteht aus dem sechsköpfigem Direktorium um Präsidentin Christine Lagarde sowie den derzeit 21 Präsidenten der nationalen Zentralbanken im Euro-Raum. Was er zur derzeitigen (finanz-)politischen Lage in Deutschland, Europa und der Welt zu sagen hat, ist in einem GZ-Interview nachzulesen, das im Laufe des Freitags online unter www.goslarsche.de und am Samstag in der Print-Ausgabe erscheint.

Geburtsstunde mit Todesnachricht

Was ist das Goslarsche Pancket? Es startete mit der Idee, Speisen nach alten Rezepten aus dem „New Kochbuch“ des „Churmeintzischen Mundtkochs Marxen Rumpolt“ aus dem Jahr 1581 zuzubereiten. Das Werk hatte sich in der Sammlung befunden, die der frühere Konsul und Goslarer Ehrenbürger Walther Adam der Stadt vermacht hatte. Seine Geburtsstunde schlug im Jahr 1967 – mit einer Absage. Die Premiere sollte am 19. April steigen. Just an jenem Tag starb aber im Bad Honnefer Stadtteil Rhöndorf Altbundeskanzler Konrad Adenauer im hohen Alter von 91 Jahren. Die Goslarer Verantwortlichen verschoben ihr Vorhaben deshalb um eine Woche. Die Absage erfolgte zeitig am Nachmittag. Weil jedoch der Club „Kochender Männer in der Bruderschaft Marmite“ schon frühzeitig gebraten und gebrutzelt hatte, heißt es in Erinnerungen der früheren GZ-Lokalchefin Dr. Ursula Müller, hätten sich „einem Gerücht zufolge hinter zugezogenen Gardinen Frauen und Männer der schreibenden Zunft heimlich und ungezügelt den Gaumenfreuden hingegeben“. Eine Woche später wurde es offiziell mit dem Pancket. Erster Ehrengast war Niedersachsens Innenminister Otto Bennemann.

Seltene Gewürze aus der Apotheke

Bei diesem ersten Pancket leisteten die Amateur-Köche laut Müller Herausragendes und holten sich die seltenen Gewürze aus der Apotheke. Was gab es zu essen? Die Gänge hatten vielsagende Namen: „Aus einer Forelle Karpfen machen“, „Torteletten von der Hennenbrust“ und „Ochsenrücken am Spieß auf weißem Gepfiff“. Letztes war übrigens ein köstlicher Kartoffelersatz, weil 1581 ganz Europa noch kartoffelfrei war: aus Nusskernen und Mandeln zubereitet, „mit einer Knoblauchzehe gewürzt und einem weißen Wecken eingeweicht und in einer guten heißen Hennenbrühe ohne Fett darauf gestreckt“. „Wir möchten aus dem Schmaus etwas Institutionelles werden lassen, auch wenn wir nicht gleich ein Gegenstück zur Schaffermahlzeit in Bremen anstreben“, verkündete Goslars damaliger Oberstadtdirektor Helmut Schneider und verriet im gleichen Atemzug das Vorbild. Das gelang – mit jeder Menge prominenter Ehrengäste. Aber nicht alle Traditionen hielten durch. Ebenfalls schon seit 1967 sponsert das Einbecker Brauhaus mit seinem Bier das Pancket. Speziell für die Veranstaltung wurden rund 300 Tonkrüge hergestellt. War es lange das süffig-schwere „Ainpöckisch Bier“, das den Gästen die Kehlen netzte, wird seit dem Pancket mit Geywitz der dunkle Sondersud mit etwa fünf Prozent Alkoholgehalt gereicht.
Gruppe von Personen in formeller Kleidung und Kochuniformen trägt einen großen Wildschweinkörper auf einem Tablett mit Tannenzweigen

Letztes Pancket 1976 in der „Kaiserworth“: Koch Hermann Heger (l.) präsentiert Hotelier Johannes Mühlenkamp, Udo Jürgens, Goslars Oberbürgermeister Helmut Sander und Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Schütz als Ehrengast das Wildschwein, das später auf der Tafel landen sollte. Foto: Ahrens-Archiv

Udo Jürgens als Stargast außer der Reihe

Die ersten neun Auflagen gingen bis 1976 übrigens noch im Hotel „Kaiserworth“ über die Bühne. Zu diesem letzten Worth-Pancket, bei dem Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Schütz der Ehrengast war, kam nämlich auch Schlagerstar Udo Jürgens als weiterer Promi-Gast und stahl allen die Schau. Aber was machte der Sänger da bloß? Des Rätsels Lösung: Goslar hatte in diesem Jahr die Patenschaft für die Fernsehlotterie „Ein Platz an der Sonne“ übernommen. Jürgens, der fünf Jahre später den Paul-Lincke-Ring in Hahnenklee erhalten sollte, war mit Lotterie-Erfinder Jürgen Richert angereist, dem die Idee zur Lotterie wenige Jahre zuvor auf dem Molkenhaus in Bad Harzburg gekommen war.

Ein Jahr später zog das Pancket um. In der Kaiserpfalz war 1977 Niedersachsens Ministerpräsident Dr. Ernst Albrecht (CDU) aus Hannover angereist, dessen Tochter später ebenfalls politische Karriere machen sollte. Ursula von der Leyen war in Kabinetten auf Landes- und Bundesebene eine vielfach gefragte Frau und hat als aktuelle Präsidentin der Europäischen Kommission inzwischen sogar die Landesgrenzen überwunden.
Person mit Schürze schlägt mit Holzhammer auf einen großen Holzfasshahn ein, weitere Personen im Hintergrund

Fassanstich beim Pancket 1973: Damals noch als Innenminister schwingt Hans-Dietrich Genscher den Hammer. Foto: Ahrens-Archiv

Genscher und die Nacht im „Dukatenkeller“

Hans-Dietrich Genscher (FDP) war wiederum der erste Bundesminister, der sich beim Pancket die Ehre gab. 1973 war der Mann, der als Außenminister bei der deutschen Wiedervereinigung Geschichte schrieb, noch fürs Innen-Ressort zuständig und Gast in der „Kaiserworth“. Damals wurde im legendären „Dukatenkeller“ die Nacht durchgezecht. Als erster und einziger Bundeskanzler im Amt war Helmut Schmidt (SPD) 1978 – als Zweiter nach Albrecht schon in der Kaiserpfalz – der Ehrengast. Schmidt bleibt, was das Amt angeht, deshalb ein Exot, weil die angefragte Angela Merkel (CDU) 2009 absagte und ihren Vize Frank-Walter Steinmeier schickte. Der versprach als SPD-Spitzenkandidat für die im Herbst anstehenden Bundestagswahlen mit einem Augenzwinkern, alles zu tun, dass in der Jahreschronik 2009 geschrieben stehen könne: „Der Kanzler war hier.“ War er nicht, aber das Pancket mit Steinmeier, der seine Grundwehrdienstzeit 1974/75 auf dem Goslarer Fliegerhorst abgeleistet hatte, erreichte mit mehr als 230 Gästen einen rekordverdächtigen Besuch.
Mehrere Personen sitzen an einem festlich gedeckten Tisch mit Kerzenleuchtern und Blumenarrangements in einem dunklen Raum

Bundespräsident Roman Herzog spricht beim Pancket im März 1995 zu 200 Zuhörern. Oberbürgermeisterin Marta Lattemann-Meyer, die am kommenden Samstag ihren 97. Geburtstag begeht, und Oberstadtdirektor Georg Michael Primus flankieren den Ehrengast. Foto: Schenk (Archiv)

Steinmeiers Goslar-Verbindungen

Tatsächlich steht der Tischlersohn aus Brakelsiek, der als Jugendlicher mit Spitznamen „Prickel“ gerufen wurde und am liebsten Sportreporter oder überhaupt Journalist geworden wäre, so Steinmeier in der GZ, als einer von vier Ehrengästen in der Pancket-Chronik, die nach ihrem Goslar-Besuch noch Bundespräsident wurden. Gerade ist er mit dem Vienenburger Kapitän Frank Günther wie berichtet durch den Panama-Kanal geschippert. Richard von Weizsäcker (CDU) ist 1982 Berliner Bürgermeister, Carl Carstens (CDU) gerade noch Bundestagspräsident und Christian Wulff (CDU) 2004 Ministerpräsident. Gerhard Schröder (SPD) schaffte es als Gast von 1993 später noch zum Kanzler. Nur Roman Herzog (CDU) war amtierender Bundespräsident, als er 1995 sprach.

Herzogs Gastgeberin und Hahnenkleer Hoteliersfrau Marta Lattemann-Meyer ließ übrigens zu ihrer Zeit als Oberbürgermeisterin einmal zur Probe essen, weil der Braten nach dem Rumpolt-Kochbuch von 1587 bisweilen zu zäh auf den Teller gelangt sein soll. Die Kosten übernahm sie persönlich.

Weg mit den Pfeifen

Was änderte sich in der Pfalz noch? Der Preis für einen Platz am Tisch stieg auch deshalb, weil das Pancket an sich ein Zuschussgeschäft bleibt und immer mal wieder mehr oder weniger heftig in der Kritik steht. Und in der Amtszeit von Oberbürgermeister Henning Binnewies wurde das ebenso traditionelle wie kultige Schmauchen von Tonpfeifen abgeschafft. Nicht, weil der Goslarer Spitzen-Genosse etwas gegen Raucher gehabt hätte: Aber das dampfige Ritual tat den historischen Wislicenus-Bildern an den Wänden gar nicht gut. Und die hatten Restauratoren vor nicht allzu langer Zeit gerade erst wieder in Form gebracht – konsequenter Schutz eines historischen Erbes.

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