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Mehr als 4000 Unterschriften

GZ Plus IconOberharzer Bergwerksmuseum: Die Stimmen zum möglichen Aus

Viele Menschen zeigen sich betroffen von einer möglichen Schließung des Oberharzer Bergwerksmuseums.

Viele Menschen zeigen sich betroffen von einer möglichen Schließung des Oberharzer Bergwerksmuseums. Foto: Neuendorf/Archiv

Dass das Oberharzer Bergwerksmuseum zum Jahresende dichtmachen könnte, löste weit über den Harz hinaus Empörung aus. Mehr als 4000 Unterschriften hat eine Petition zur Rettung erreicht. Was treibt die Menschen an?

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Von Sören Skuza
Montag, 13.10.2025, 18:00 Uhr

Clausthal-Zellerfeld. Etwas mehr als eine Woche ist die Petition „Rettet das Oberharzer Bergwerksmuseum“ nun schon online. Unter dem Motto „Das Licht des Wissens darf nicht erlöschen“ haben bis Montagabend bereits fast 4400 Menschen auf der Plattform „Open Petition“ unterzeichnet, und in mehr als 2000 Kommentaren appelliert, eine Lösung für den Fortbestand des Museums zu finden. Eine Übersicht.

Viele der Kommentatoren zeigen sich persönlich betroffen von der Möglichkeit, im Bergwerksmuseum könnten zum Jahreswechsel die Lichter ausgehen. Einige der Unterschriften kommen aus dem Oberharz, die Übersicht zeigt aber, dass das Thema mittlerweile deutschlandweit seine Wellen schlägt. Weitgehender Konsens herrscht darin, in der Einrichtung in Zellerfeld werde die bergbauliche Geschichte der Stadt am Leben erhalten, die noch immer identitätsstiftend sei.

„Das Museum und dessen Kultur ist essenziell wichtig für unseren Ort. Wir müssen unseren Kindern auch zukünftig unsere Entstehung und den bergbaulichen Hintergrund näher bringen“, schreibt Lena Stöckemann, die im Besucherservice des Museums tätig ist. Auch weitere Akteure aus dem Umfeld des Museums und des Oberharzer Geschichts- und Museumsvereins melden sich zu Wort. Museumsleiter Ulrich Reiff etwa beklagt wie berichtet, das Museum sei „über Jahre schlechtgeredet“ worden, und trotzdem habe die „inhaltliche Neukonzeption einen beachtlichen Stand erreicht.“ Und Axel Funke warnt: „Es droht der unwiederbringliche Verlust von Wissensvermittlung, Authentizität und der spannenden Führungen durch das historische Schaubergwerk“.

„Kritisches Bewusstsein“

Einer, der über Jahre in der direkten Nachbarschaft am Amtsgericht und bis zur Pensionierung zugleich als dessen Direktor gearbeitet hat, ist Hans-Joachim Gleichmann. „Wenn eine Jugend gezwungen wird, ohne nachvollziehbaren Bezug zur geschichtlichen Entwicklung der Gesellschaft, der sie angehört, aufzuwachsen, fehlt ihr ein maßgeblicher Baustein zum Erwerb eines kritischen Bewusstseins. Dieses ist aber gerade in den heutigen Zeiten, wie eigentlich jeder demokratisch orientierte Politiker wissen müsste, von enormer Wichtigkeit“, mahnt er. Und weiter: „Wer für die Schließung pädagogisch wichtiger Museen politisch verantwortlich ist, scheint diese Zusammenhänge ignorieren zu wollen. Hier, also bei der Bildung unserer Kinder sparen zu wollen, zahlt sich gewiss nicht aus! Vielleicht wissen aber die Verantwortlichen gar nicht, wie viele Busse mit Schulkindern auch aus dem Umland das Museum – zum Lernen über die eigene Vergangenheit – in den letzten Jahrzehnten angesteuert haben?“

WAS IST DER AKTUELLE STAND?

Ende vorigen Jahres hat der Stadtrat einstimmig beschlossen, den Betriebsführungsvertrag mit der Stiftung Welterbe im Harz nicht zu verlängern. Sie scheidet also mit Ablauf des 31. Dezembers aus. In der Zwischenzeit gab es Gespräche mit verschiedenen Akteuren, am Ende lief alles auf die Kurbetriebsgesellschaft hinaus. Doch auch sie steht nicht für die Betriebsführung zur Verfügung. Im September dieses Jahres einigten sich die Ratsmitglieder darauf, das Museum ab dem 1. Januar zu schließen – sofern sich bis zum 4. Dezember kein geeigneter Betreiber findet. In der Zwischenzeit hatte der Oberharzer Geschichts- und Museumsverein (OGMV) angekündigt, dass die Gründung einer gemeinnützigen Gesellschaft mit beschränkter Haftung (gGmbH) mithilfe von Stammkapital aus dem OGMV im Raum steht – dafür müsse aber noch einiges geklärt werden. 27 Vertreter verschiedener Organisationen haben sich in der vergangenen Woche diesbezüglich bei einem ersten Runden Tisch ausgetauscht, in zwei Wochen kommen sie wieder – nicht-öffentlich – zusammen. Wenn rechtzeitig eine Lösung gefunden werden sollte, kann der Stadtrat am 4. Dezember darüber entscheiden und somit das Aus des Oberharzer Bergwerksmuseums noch abwenden.

Für den Erhalt des Oberharzer Bergwerksmuseums sprechen sich auf „Open Petition“ auch viele ehemalige Studenten der TU Clausthal und Absolventen der Fachschule für Wirtschaft und Technik aus, ebenso wie ehemalige Oberharzer, die mittlerweile andernorts leben. Anonym bekundet ein Goslarer: „Aufgewachsen in Zellerfeld und mit dem Bergwerksmuseum groß geworden. Wir waren als Kinder oft drin, und Führung immer mitgemacht, obwohl wir schon alles mitsprechen konnten.“

Zum Museumsfest strömen vor allem Einheimische in das Oberharzer Bergwerksmuseum.

Zum Museumsfest strömen vor allem Einheimische in das Oberharzer Bergwerksmuseum. Foto: Skuza/Archiv

Zuspruch für die Petition kommt aber auch aus der ganzen Bundesrepublik. „Unser Pfadfinderstamm aus der Nordheide fährt regelmäßig nach Clausthal-Zellerfeld und wir zelten am Ottiliae-Schacht, das Museum in Clausthal-Zellerfeld bringt unseren Kindern die Geschichte nahe“, schreibt ein anonymer Teilnehmer. Ein weiterer kommentiert: „Der Bergbau im Harz und seine Geschichte ist für mich der Grund, seit Jahren den Harz zu besuchen. Wenn das wegfiele, gäbe es kaum einen Grund, nach Clausthal und Umgebung zu fahren. Touristisch überfrachtete Orte wie Braunlage kommen für mich nicht in Frage.“

„Starkes Signal“

Aus der Branche erhält die Petition ebenfalls starke Unterstützung. Der Museumsverband Niedersachsen und Bremen hatte schon in der vergangenen Woche die vielen Unterschriften als „starkes Signal an die Ratsversammlung am 4. Dezember, das Oberharzer Bergwerksmuseum zu erhalten.“ Und auch auf der Plattform „Open Petition“ machen sich Menschen aus Museumskreisen für die Sache stark.

Anfang März demonstrieren Mitarbeiter der Stiftung Welterbe im Harz in der Goslarer Innenstadt.

Anfang März demonstrieren Mitarbeiter der Stiftung Welterbe im Harz in der Goslarer Innenstadt. Foto: Kaspert/Archiv

Oliver Freise, Leiter des Heimatmuseums Leer, mahnt etwa: „Museen, als Orte des materiellen Gedächtnisses einer Gesellschaft, sind in vielerlei Hinsicht wertvoll und zu unterstützen. Dies nicht nur im Sinne der klassischen Museumsaufgaben, sondern Museen sind auch Orte des Staunens, der Unterhaltung, der Freude, der Kommunikation etc. Und gerade in ländlichen Regionen sollten Museen, wie überhaupt kulturelle Angebote, von den auch klammen Kommunen unterstützt werden. Wenn eine Gesellschaft/eine Kommune anfängt, seine/ihre etablierten und bekannten Museen zu schließen, wird nicht nur der Bevölkerung vor Ort, sondern auch den Touristen, ein Stück Zukunftsentwicklung genommen. Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Zukunft gestalten.“

„Stiefmütterlich behandelt“

Und Adrian Mauser, wissenschaftlicher Volontär an der Kunsthalle Emden, befindet: „Industrie- und Technikmuseen werden heute zunehmend stiefmütterlich behandelt, spiegeln aber den enormen historischen, sozialen und wirtschaftlichen Wandel Deutschlands wider wie kaum eine andere Institution. Sie vermitteln ein lebendiges Bild unserer gemeinsamen Vergangenheit und zeigen auf, wie damals und heute mit radikalen gesellschaftlichen und strukturellen Veränderungen umgangen worden ist. Damit bewahren diese Orte das Wissen für kommende Generationen und können Modellorte für die Entscheidungsprozesse der Zukunft zu sein. Das Potential dürfen wir als Gesellschaft nicht verlieren.“

Tradition und Identität, Wissens- und Wertevermittlung, Tourismusförderung und auch ein Stück weit persönliche Erinnerungen – diese Themen ziehen sich durch die mehr als 2000 Kommentare unter der Petition hindurch. Die Unterzeichnerin Katharina Brünjes aus Barum fasst es zusammen: „Clausthal ohne Bergwerksmuseum ist wie Hamburg ohne Michel.“

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