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Das Jahresprogramm im Mönchehaus

GZ Plus IconWas die neue Direktorin in Goslars Kunstmuseum plant

Eine Zeichnung zeigt einen Mann, der hinter einer Kasse sitzt, aus der endlose Papierschlangen herauskommen. 

In der Kooperation mit dem Rammelsberg gibt es ein Wiedersehen mit William Kentridge, dessen Film „Mine“ in seiner Kaiserringausstellung 2003 in Goslar gezeigt wurde. Foto: Mönchehaus

Wie können wir im Einklang mit der Natur leben? Die „Neue“ im Mönchehaus, Miriam Bettin, rückt Fragen wie diese 2026 mit der Auswahl von Kunst und Künstlern in den Fokus.

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Von Sabine Kempfer
Samstag, 24.01.2026, 04:00 Uhr

Goslar. Welche Ausstellungen holt die neue Direktorin ins Mönchehaus, wen wird sie präsentieren, welche Akzente und Themen setzt Miriam Bettin? Angesichts dieser Fragen wurde das Programm für das Kunstjahr 2026 von den Mitgliedern des Vereins zur Förderung moderner Kunst schon mit Spannung erwartet. Traditionell stellt die Direktorin es zum Neujahrsempfang des Vereins vor; Bettin hält die Tradition aufrecht.

Nachdem die Kaiserring- und die Stipendiatenausstellung abgebaut sind, gibt es an den Wänden Platz für Neues. Wer sich als erstes in den Räumen ausbreiten darf, wurde schon verraten: Die Studierenden der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig sind eingeladen, ihre Ideen in Form von junger Kunst auszustellen und Denkanstöße zum „Degrowth“, dem Ende des stetigen Wachstums und der Endlichkeit der Ressourcen unseres Planeten zu geben. Wie gelingt ein Leben im Einklang mit dem Ökosystem Erde? Und wie können Gedanken dazu künstlerisch umgesetzt werden? Die Ausstellung „Die Fichte spricht, bevor sie bricht“ beginnt am 5. Februar und ist nur fünf Wochen lang im Mönchehaus zu sehen.

Dann schließt sich eine etwa fünfwöchige Umbauphase an, in der nicht das Museum selbst, aber doch einiges innerhalb auf den Kopf gestellt werden wird. Miriam Bettin beruft sich auf einen alten Flyer aus der Schenning-Ära: „Eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart“ lautete der Titel. Sie zu schlagen, ist ihr wichtig. Gegenwart ist jetzt – und sie ist schon wieder längst eine andere als vor 30, 20 oder 10 Jahren. Deshalb gibt es Ideen von Architekten wie Lennart Wolff und Nwakuso Edozien und dem Grafiker Thomas Spallek, einiges in der Ausstellungsarchitektur, der Sammlung, im Shop und beim Design zu ändern – eine Erfrischungskur im Frühling. Währenddessen bleibt das Mönchehaus allerdings nicht die ganze Zeit geschlossen; Bettin plant „Hinter-den-Kulissen-Führungen“ ebenso wie die Präsentation von Editionen und Sammlungsbestandteilen.

Malerin Frances Scholz

Die erste Einzelausstellung wird nach Ostern, am Samstag, 18. April, eröffnet. Zu sehen gibt es Arbeiten von Frances Scholz. Unter dem Arbeitstitel „The Upson Girls“ entwickelt sie ein mehrdimensionales Ausstellungsprojekt, das in engem Dialog mit dem Ort sowie mit historischen, politischen und materiellen Aspekten steht“, schreibt das Mönchehaus. Die Ausstellung frage nach den Grundlagen unserer Existenz, dem Fundament, und verbinde Elemente aus Wissenschaft, Animismus (Glaube, dass die Dinge in der Natur beseelt sind), feministischer Theorie und Science Fiction. Themen wie ökologische und soziale Verantwortung, Degrowth sowie das Verhältnis von Natur, Technik und Mensch sind zentrale Bezugsfelder und schlagen einen Bogen zur Ausstellung der HBK-Studierenden. Das kommt nicht von ungefähr: Scholz, 1962 in Washington geboren, ist seit 25 Jahren Professorin für Malerei an der HBK.
Mit dynamischen Pinselstrich wurde schwarze Farbe auf ein weißes Blatt aufgetragen.

Frances Scholz bestreitet die erste Einzelausstellung im neuen Jahr. Diese abstrakte Arbeit aus dem Jahr 2023 trägt den Titel „Stripped Bare“ (Pigments, Acrylic Binder, Canvas) und ist 40x30 Zentimeter groß. Foto: Frances Scholz

Sie selbst lebt allerdings in Köln und präsentiert im Mönchehaus ihre erste Einzelausstellung in Niedersachsen; damit eröffne sie einen Dialog zwischen ihren Wirkungsstätten und Kunststandorten Braunschweig, Goslar und Köln, schreibt Bettin. Die Ausstellungsbesucher werden abstrakte Malerei, Videoarbeiten, Fotografien und Installationen zu sehen bekommen; Wurzeln, Bäume, Steine, Mauern – ein vielschichtiges Werk, das sich laut Bettin allein auf ästhetischer Ebene lesen lässt, einen formalen Zugang gestattet und konzeptuelle Lesarten bietet.

Besondere Walpurgisnacht

Es wird ein neues Angebot in der Walpurgisnacht geben: Zu den Partys und dem Konzert in der Kaiserpfalz kommt jetzt noch die Kunst hinzu. Bettin plante Vorträge, Performances, Filmvorführungen und die Präsentation thematisch passender Kunst wie Jimmie Durhams Hexe; der Kaiserringträger des Jahres 2016 hatte sich unter anderem mit den Hexen im Harz und der Hexenverfolgung auseinandergesetzt. Weitere Namen in dem Zusammenhang sind Ilka Becker (zu Pilzen in der Kunstgeschichte), Paula Erstmann (arbeitet mit Lebensmitteln/Kräuterkunde), Nora Hansen (liest im Wald), Bubu Ogisi (arbeitet zum Thema Vodoo) und Mark von Schlegell (Science-Fiction-Autor und Künstler).
Eine Frau schürt das funkensprühende Feuer in einer großen Feuerschale mit einer Schaufel.

Paula Erstmann arbeitet viel mit Essen als Medium; Arbeiten wie diese, „Walpurgis“, kommen in gleichnamiger Nacht ins Spiel. Foto: Mönchehaus

Bevor das Kaiserringstipendium 2026 (wird im Mai bekannt gegeben) und die Kaiserringverleihung an Gabriele Stötzer den Herbst und den Winter im Mönchehaus bestimmen, will Bettin noch ein großes Ausstellungsprojekt in Kooperation mit dem Rammelsberg gestalten. Die Gruppenausstellung „Glück auf! On Mining, Matter and Memory“ bleibt zweieinhalb Monate und wird die große Sommerausstellung im Mönchehaus werden. Angefangen bei der Geschichte des Bergbaus im Harz geht es dann um größere Fragestellungen zu Ressourcen und Ausbeutung von Land.

Dabei tun sich immer wieder spannende Parallelen und globale Entwicklungslinien auf: Als beispielsweise der Rammelsberg schloss, 1988, machte auch eine Zinnmine in Nigeria zu, erzählt Bettin, die in ihrer Zeit als kuratorische Stipendiatin an der Guest Artists Space Foundation in Nigeria (Lagos) tiefe Einblicke in das Kunstschaffen im Land gewann.

Eine alte Frau mit roter Kopfbedeckung und folkoristischer Kleidung sitzt auf einem alten Holzstuhl.

Jimmie Durham hat sich in seiner Kaiserringausstellung 2016 auch mit dem Thema Hexenverfolgung und Hexen im Harz auseinander gesetzt. Diese Arbeit zierte zum Tag der Ringverleihung die Titelseite der GZ. Durhams Arbeit kommt in der Walpurgisnacht zu neuen Ehren. Foto: Mönchehaus

Bettin selbst realisierte dort eine thematische Gruppenausstellung zu textilbasierter Kunst und brachte mit der aus Nigeria stammenden Kaiserringstipendiatin Evan Ifekoya auch den Goslarern schon Kunst aus Nigeria nahe. Das findet seine Fortsetzung in der „Glück-auf-Ausstellung“ nicht zuletzt mit der nigerianischen Videokünstlerin Karimah Ashadu (geboren 1985 in London) und Ndidi Dike, die 1960 in London geboren wurde, aber Wurzeln in Lagos hat. Die Künstlerin, die bereits in der „Tate“ ausstellte, setzt sich mit diversen Materialien und ihrer Herkunft auseinander; von Holz über industrielle Materialien bis zu Vanilleschoten oder Baumwolle – ökologisch gesehen „kein unschuldiges Material“, wie Bettin sagt. Die Ausstellung vereint Leihgaben mit Werken der Sammlung (Christo & Jeanne-Claude, Bernd & Hilla Becher), fußt auf Eigenrecherchen im Rammelsberg, der zu einem „Satellitenort“ der Ausstellung im Mönchehaus wird. Bettin plant begleitende Veranstaltungen an beiden Orten und setzt darauf, neue Zielgruppen zu gewinnen und die Verbindung der Museen zu stärken.
Eine Schwarz-weiß-Aufnahme zeigt verkleidete Gestalten, die sich auf einer Straße vor einem Steinhaus so stark bewegen, dass sie Bewegungsunschärfe aufweisen.

Diese Fotoarbeit stammt von Gabriele Stötzer aus Erfurt, die im Oktober 2026 den Kaiserring der Stadt Goslar entgegennehmen wird. Foto: Mönchehaus

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