Wie bewegen sich Kinder sicher und smart in der digitalen Welt?
Schüler arbeiten mit einem Tablet. Aber wie weit darf bei Kindern die Nutzung gehen? Medienkompetenz hat sich zu einer Schlüsselqualifikation der Gesellschaft entwickelt, findet Expertin Claudia Raabe. Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild
Zum Alltag in Familien gehören die Diskussionen um geregelte Medienzeiten oder um erlaubte und unerlaubte digitale Spiele, Apps oder Webseiten. Wie dem begegnen?
Nordharz. Der Umgang mit Medien – er bietet für Kinder Chancen und Gefahren zugleich. Aber wie kann sich der Nachwuchs sicher und smart in digitalen Welten bewegen? Dieser Frage widmete sich auf Einladung des Awo-Zentrums für Erziehungs- und Familienberatung Expertin Dr. Claudia Raabe im Seesener Jacobsonhaus und gab Tipps.
Es gehört wohl zum Alltag in Familien: Anhaltende Diskussionen um geregelte Medienzeiten oder um erlaubte und unerlaubte digitale Spiele, Apps oder Webseiten. Denn Kinder verwenden mittlerweile einen erheblichen Teil ihrer Zeit für die Nutzung von digitalen Medien: Sie schauen Filme auf YouTube, spielen Online-Games, Chatten, nutzen Suchmaschinen und erstellen Selfies mit dem Smartphone. Die Faszination, die von Bildschirmmedien und dem Internet auf Kinder ausgeht, ist enorm. Hinzu kommt: „Zunehmend gestalten Kinder soziale Beziehungen über das Netz“, verdeutlichte Claudia Raabe, 2. Vorsitzende des Medienpädagogischen Vereins Blickwechsel. Sie hat auch Lehraufträge an den Hochschulen in Wolfenbüttel und Holzminden inne und arbeitete dort an Forschungsprojekten zu medienpädagogischen Fragestellungen mit.
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Ihre Erfahrung: „Verbote bringen selten etwas“, sprach sie sich gegen eine Bestrafung durch Medienentzug aus. Sie lehnt in diesem Zusammenhang auch das aktuell heiß diskutierte Thema Social-Media-Verbot für Jugendliche ab, wie sie im Nachgang des Abends betont. Ein Social-Media-Verbot für junge Menschen unter 16 Jahren möge zwar als kurzfristige Schutzmaßnahme attraktiv erscheinen, greife jedoch langfristig zu kurz, zitiert sie eine Stellungnahme der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur, der sich auch ihr Verein anschließt. Schutz sei wichtig, doch einseitige Verbote seien eben keine nachhaltige Lösung.
Kinder verstehen Medien anders
Sie plädiert vielmehr bei Kindern für altersangemessene Angebote statt Verbote. „Etwas zu untersagen, erhöht nur den Reiz. Dann machen es Kinder heimlich, und das ist viel schlimmer, weil dann kriegen wir nicht mit, was sie machen“, verdeutlichte die Expertin. Altersangemessenheit sei auch deshalb wichtig, weil Kinder Medien anders verstehen. Sie erkennen keinen Unterschied zwischen Realität und Fiktion, zwischen Programm und Werbung, haben nur eine geringe Aufmerksamkeitsspanne. „Und dann kommt auch noch die Frage hinzu, wie etwas wahrgenommen wird. Das wiederum ist von vielen Faktoren und der Persönlichkeit abhängig.“
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„Kinder von heute kennen kein Testbild mehr“, stellte Claudia Raabe fest. Inhalte und Sendungen seien im Netz immer verfügbar. Fernsehsendungen wie „Löwenzahn“, bei denen früher am Schluss der Sendungen zum Abschalten aufgerufen wurde, gebe es heute gar nicht mehr. Vielmehr werde bewusst dazu hingewiesen, im Netz an anderen Stellen am Thema dran zu bleiben. Weitere Empfehlung von ihr: Bildschirme sollten nicht im Kinderzimmer landen. Doch Mediennutzung setzt immer früher ein: „Jedes zehnte Kind zwischen zwei und fünf Jahren verfügt heute schon über ein Smartphone“, hätten Studien ergeben.

Claudia Raabe referiert in Seesen zum Thema Medienkompetenz, denn Kinder hätten ein Recht auf Mediennutzung. Foto: Gereke
Deshalb habe sich Medienkompetenz zu einer Schlüsselqualifikation in der Gesellschaft entwickelt. „Kinder haben ein Recht auf Mediennutzung – und Eltern benötigen die Kompetenz dafür. Der Umgang mit Medien ist eine Erziehungsaufgabe – wie das Fahrradfahrenlernen“, verdeutlichte sie. Und dazu gehöre, Kinder dafür zu sensibilisieren, darüber nachzudenken, aus welcher Quelle die Informationen stammen. „Medien sind der häufigste Auslöser für Streit – und ein Viertel der Kinder sehen sich bereits sozialem Druck durch Plattformen, Influencer oder Trends ausgesetzt.“
Kindern ein Zeitlimit bei der Nutzung setzen
Aber: „Medien sind ja grundsätzlich nicht schlecht – es kommt darauf an, wie sie genutzt werden.“ Raabe schlägt vor: Kindern ein Zeitlimit setzen. Sich auf altersgerechte Angebote konzentrieren. Medium entsprechend einstellen, damit auf bestimmte Inhalte nicht zugegriffen werden kann. Vorlieben der Kinder herausfinden – und Medieninhalte gemeinsam erkunden. Auch das Recherchieren bei Grundschulkindern im Netz müsse erlernt und begleitet werden. Angebote im Netz, die das flankieren und Informationen bereitstellen, seien zum Beispiel flimmo.de, schau-hin.info oder klicksafe.de sowie medien-kindersicher.de.
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Sie empfiehlt auch, ein Gerät einfach mal anders zu nutzen, als nur damit Filme zu konsumieren – beispielsweise kreativ. In dem die Kamera verwendet wird, um Fotos von Gegenständen in einer Nahaufnahme und einer Totale zu machen, um daraus ein Ratespiel zu entwickeln. Und: „Kinder müssen lernen, das Gerät selbst anzuschalten.“ Eltern sollten dabei als positive Vorbilder dienen – und nicht selbst ständig am Handy hängen. Ihre Leitlinien für elterliches Handeln zusammengefasst: Nachfragen und sich darüber informieren, was die Kinder im Netz anschauen, mit ihnen im Gespräch bleiben, nicht einfach verbieten – und Medien gemeinsam nutzen.
Sie schlägt Mediennutzungsvereinbarungen zwischen Eltern und Kindern vor, in denen der Umgang gemeinsam vereinbart wird, um auch Momente ohne Medien zu schaffen. Denn: Ständiger Medienkonsum kann auch zum Verpassen besonderer Momente führen – auf allen Seiten. Oder wie fühlt es sich an, wenn der Vater das erste Tor des Sohnes auf dem Fußballplatz nicht mitbekommt, weil er auf dem Smartphone daddelte? Aber: Patentrezepte gibt es nicht. „Jede Familie muss ihren eigenen Weg finden.“
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