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25 Jahre Luchsprojekt

GZ Plus IconWie die größte Raubkatze Deutschlands in den Harz zurückkehrte

Zwischen 2000 und 2006 wildert der Nationalpark Harz 24 Luchse aus.

Zwischen 2000 und 2006 wildert der Nationalpark Harz 24 Luchse aus. Foto: dpa/Pleul

200 Jahre galt der Luchs im Harz als ausgerottet. Vor 25 Jahren begann der Nationalpark erfolgreich mit der Wiederansiedlung. Aber eine Herausforderung bleibt noch heute.

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Von Robin Raksch
Montag, 29.12.2025, 19:45 Uhr

Bad Harzburg. Wer heutzutage im Harz unterwegs ist, teilt sich den Wald wieder mit einem lange verlorenen Bewohner: Der Luchs ist zurück. Seit nunmehr 25 Jahen streift die scheue Raubkatze wieder durch das Mittelgebirge. 2000 begann mit dem Luchsprojekt Harz der erste offizielle Wiederansiedlungsversuch Deutschlands. Fortschritte und aktuelle Entwicklungen dokumentiert der Nationalpark seither öffentlich unter www.nationalpark-harz.de.

Etwa 200 Jahre lagen zwischen Ausrottung und Rückkehr der Tiere. Dass der Luchs im Harz sowie in weiten Teilen Mittel- und Westeuropas verschwand, war ein rein menschengemachtes Problem. Er galt als Konkurrent für Jäger, als Bedrohung für Nutztiere und wurde systematisch verfolgt.

Denkmal für den letzten Harzer Luchs

Ein Gedenkstein nordwestlich von Lautenthal erinnert bis heute an die Ausrottung. Nach Angaben des Nationalparks Harz erlegte der reitende Förster Spellerberg am 17. März 1818 den letzten Harzer Luchs. Dem Ereignis war eine elftägige Jagd vorausgegangen, an der etwa 100 Treiber und 80 Jäger beteiligt waren. Der 1893 errichtete Luchsstein ist vom Sternplatz an der Landstraße 516 nach einer kurzen Wanderung erreichbar. Ein Präparat des Tiers steht noch heute im Naturhistorischen Museum in Braunschweig.

Mit dem Luchsprojekt Harz begann nach der Jahrtausendwende deutschlandweit der erste Wiederansiedlungsversuch. Zwischen 2000 und 2006 wurden in den Harzer Wäldern 24 Luchse ausgewildert. Das sei eine mutige Entscheidung der Landesregierung gewesen, sagte der Luchsbeauftragte Ole Anders jüngst anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Projekts. Keiner habe damals ahnen können, wie gut sich dieses Projekt entwickeln würde.

Luchs-Tagebücher

Seit Projektbeginn begleitet der Nationalpark die Wiederansiedlung mit einem wissenschaftlichen Monitoring in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Unter anderem mithilfe von Fotofallen, Halsbandsendern sowie der Auswertung von Spuren, Rissfunden und Losung sammeln die Mitarbeiter belastbare Daten zur Entwicklung der Population. Auch Hinweise von Wanderern über das Meldeportal unter meldungen.luchsprojekt-harz.de fließen in die Auswertung ein.

Parallel dazu setzt der Nationalpark auf Öffentlichkeitsarbeit. Unter anderem konnten Interessierte ab 2013 in „Luchstagebüchern“ das Leben einzelner Tiere mit Halsbandsendern mitverfolgen. Regelmäßig dokumentierte der Nationalpark Streifgebiete und ihr Verhalten im Harz. Stars der Tagebücher war etwa die Luchsin „F2“, die zu der Zeit in einem rund 117 Quadratkilometer großen Streifgebiet lebte und immer wieder das Grüne Band zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt querte. Im Juli 2013 wurde sogar ein kleiner Sohn gefunden. Auch der 21 Kilogramm schwere Kuder „M7“ stand ab 2014 im Rampenlicht der Tagebücher. Ein territoriales Luchsmännchen mit einem festen Streifgebiet, insbesondere zwischen Granetalsperre und Hahnenklee, das mit der Zeit den Beinamen „der Straßenkreuzer“ erhielt.

Population wächst auf 150 Tiere

Mittlerweile haben sich die Raubkatzen über die Grenzen des Mittelgebirges hinaus ausgebreitet. Bei einem Besuch von Umweltminister Christian Meyer im vergangenen Jahr schätzte der Nationalparkleiter Roland Pietsch den Bestand in den niedersächsischen Wäldern vom Harz bis zur Weser bereits auf 110 Tiere (die GZ berichtete). Vor wenigen Monaten sprach der Nationalpark-Beauftragte Anders bereits von etwa 150 Luchsen im und um das Mittelgebirge. Nachweise gibt es unter anderem in Höhenzügen wie Vogler, Ahlsburg, Hils sowie in Salzgitter und dem Hildesheimer Wald. „Das Luchsprojekt ist ein voller Erfolg für den Artenschutz, denn hier ist eine vitale Population entstanden“, lobte der Umweltminister Meyer bei der Besichtigung.

Der gute Verlauf der Wiederansiedlung brachte 2017 auch ein neues Denkmal als Gegenstück zum Luchsstein bei Lautenthal hervor. Am Kaiserweg bei Torfhaus steht seither ein von der Harzer Künstlerin Anna Barth geschaffener Bronzeluchs auf Harzer Diabas aus dem Huneberg-Steinbruch.

Wer die scheuen Pinselohren einmal aus nächster Nähe erleben möchte, hat dazu im Luchsschaugehege an den Rabenklippen Gelegenheit. Dort leben derzeit die Tiere Alice, Ellen und Paul. Das Gehege ist kostenfrei zugänglich, öffentliche Fütterungen finden jeweils mittwochs und samstags um 14.30 Uhr statt.

Das Luchsgehege an den Rabenklippen zeigt Luchse aus nächster Nähe.

Das Luchsgehege an den Rabenklippen zeigt Luchse aus nächster Nähe. Foto: Weber

Erhaltungszucht im Harz

Doch trotz aller Erfolge bleibt eine Herausforderung: In Westeuropa sind die Luchspopulationen bisher weitgehend voneinander isoliert, der genetische Austausch ist gering. Um dem entgegenzuwirken, ist das Harzer Luchsprojekt inzwischenTeil eines internationalen Erhaltungszuchtprogramms unter der Federführung des Europäischen Zooverbands EAZA. Ziel ist es, genetische geeignete Tiere zu verpaaren und den Nachwuchs perspektivisch wieder auszuwildern. und stellt dann Zuchtpaare zusammen, deren Nachwuchs europaweit ausgewildert oder weiter verpaart werden soll.

Gibt es bald Nachwuchs?

Ein erster Versuch an den Rabenklippen scheiterte 2024: Der als Ausbruchskünstler bekannte Kuder „Chapo“ entkam kurz nach seiner Ankunft über den 4,50 Meter hohen Zaun, musste mit Müh und Not eingefangen werden. Da er offenbar nicht für die Zucht geeignet war, wurde er später im Westerzgebirge ausgewildert.

Seit einigen Wochen lebt im Harz ein neues Zuchtpaar. Die siebenjährige Luchsin Rikki kam aus der Ukraine, Kuder Reto aus der Schweiz. Mit etwas Glück könnte bereits 2026 der erste Nachwuchs an den Rabenklippen das Licht der Welt erblicken.

Seit August lebt der Kuder Reto im Luchsgehege an der Rabenklippe. Schulkinder gaben ihm jüngst seinen Namen.

Seit August lebt der Kuder Reto im Luchsgehege an der Rabenklippe. Schulkinder gaben ihm jüngst seinen Namen. Foto: Nationalpark Harz

DER LUCHS IM ARTENPORTRAIT

Beschreibung: Mit einer Körperlänge von 85 bis 110 Zentimetern und einer Schulterhöhe von etwa 60 Zentimetern ist der Eurasische Luchs (Lynx lynx) die größte heimische Raubkatze. Tiere der Harzpopulation wiegen zwischen 15 und 25 Kilogramm. Typisch sind die langen Hinterbeine, der kurze Schwanz, der Backenbart sowie ihre langen Haarpinsel an den Ohrenspitzen. Das Sommerfell ist rötlichbraun, das Winterfell ist weiß-grau gefärbt.

Wahrnehmung: Seh- und Hörsinn sind hervorragend ausgeprägt und übertreffen die von Hunden deutlich. Der Geruchssinn dagegen ist vergleichsweise schwach.

Lebensraum: Luchse sind Einzelgänger und bevorzugen große Waldgebiete. Sie kommen sowohl im Gebirge als auch im Flachland vor. Die Tiere verteidigen ihre großen Streifgebiete gegenüber gleichgeschlechtlichen Artgenossen. Solche Reviere können deutlich über 100 Quadratkilometer groß sein. In Deutschland lebt der Luchs neben dem Harz auch im Bayerischen Wald, seit 2016 wird er zudem im Pfälzerwald angesiedelt. Vereinzelte Luchse wandern aus der Schweiz nach Baden-Württemberg ein und es gibt Nachweise in Sachsen.

Ernährung: Auf dem Speiseplan stehen sowohl Rehe und Gämsen als auch Kleinsäuger, Niederwild oder Vögel. Als Pirsch- und Überraschungsjäger fressen Luchse durchschnittlich ein bis zwei Kilogramm Fleisch pro Tag.

Fortpflanzung: Die Paarungszeit (Ranz) dauert von Februar bis April. In der Zeit halten sich die Männchen mehrere Tage durchgehend bei den Weibchen auf und paaren sich wiederholt. Das Weibchen zieht den Nachwuchs allein auf. Nach etwa zehn Monaten verlassen die Jungtiere das mütterliche Revier und suchen sich ein eigenes Territorium.

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