Die letzten Torfhäuser: Warum Detlef und Monika Telschow bleiben
Monika und Detlef Telschow sind die letzten beiden Menschen mit festem Wohnsitz in Torfhaus. Foto: Müller
Seit 1993 leben die Telschows in Torfhaus. Und sie wollen bleiben. Über einen Ort mit nur zwei Einwohnern, Wandel durch Tourismus und Großkonzerne am Brocken.
Torfhaus. Seit 1993 leben Detlef und Monika Telschow im Goetheweg. Sie sind die letzten beiden Menschen, die in Torfhaus noch ihren Hauptwohnsitz haben. Alle Wohnungen in ihrem Haus, bis auf ihre eigene, sind für Feriengäste vorgesehen. Was bedeutet es, in einem Ortsteil zu leben, der mehr und mehr zur Touristenattraktion wird? Und was hat sich verändert?
Der Weg zum Goetheweg in Torfhaus Foto: Müller
Die Wende führte nach Torfhaus
Detlef Telschow ist 77 Jahre alt und Ilsenburger. Die 73-jährige Monika Telschow kommt aus Dresden. Nach der Wende verloren beide ihre Arbeitsplätze. „Ich war Metaller und danach Baustoffverkäufer. Hat Spaß gemacht in der DDR, wir hatten ja nichts“, lacht er. In den frühen 1990er-Jahren verloren Millionen Ostdeutsche ihre Arbeit. Den abrupten Zusammenbruch vieler DDR-Betriebe, nachdem westdeutsche Wirtschafts‑ und Rechtsmodelle übernommen wurden, beschreibt er so: „Da wird man platt gemacht. Viele Betriebe haben ja mit Hammer und Amboss produziert.“
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Monika Telschow ist gelernte Industrie- und Verkehrseisenbahnerin, später arbeitete sie im Handel. „Den Zigarettenladen, den ich von meiner Schwiegermutter übernommen hatte, haben sie kurz nach der Wende überfallen“, erzählt sie. 1993 wurde ihre gemeinsame Tochter zwei Jahre alt. Um nicht mehr arbeitslos zu sein, waren beide mittlerweile auch bereit, nach Österreich oder in die Schweiz zu ziehen. Zuerst ging es nach Bad Harzburg, das nächste Arbeitsamt im Westen. „Dort haben sie uns für verrückt erklärt“, sagt der 77-Jährige. Der Mitarbeiter bot ihnen eine Stelle in der Jugendherberge Torfhaus an. Gesucht wurde ein Ehepaar, das dem damaligen Herbergsvater assistieren sollte.
Abenteuer mit dem Trabanten
„Hier wollte damals keiner her“, meint Detlef Telschow. „Aber ich habe drüben absolut keine Arbeit bekommen.“ Um in der Jugendherberge zu arbeiten, mussten sie 1993 auch im Haus leben. Heute ist so eine Wohnpflicht die Ausnahme. Also fuhren sie los. „Da haben wir uns mit dem Trabanten hochgequält, das war ein Abenteuer“, erinnert er sich. Menschen hätten an das Auto geklopft, „um zu gucken, ob es wirklich aus Plastik ist“.
Vorurteile begleiteten sie damals oft. „Ihr könnt ja doch arbeiten“, hätten manche Westdeutsche gesagt. Der Ilsenburger konterte: „Ja, wir können sogar Fahrrad fahren.“ Für beide war die Arbeit in wechselnden Tag- und Nachtschichten hart, einen richtigen Feierabend gäbe es in Jugendherbergen nicht. Doch beide blieben dort, bis er in Rente ging. Monika Telschow arbeitete noch länger, aber das Paar durfte nicht in der Dienstwohnung bleiben. Um weiter in der Nähe ihres Arbeitsplatzes zu bleiben, suchten sie sich eine neue Wohnung.
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Nahe der Jugendherberge fanden die Telschows das Zuhause, in dem sie bis heute leben. „Die Busverbindungen waren auch nicht arbeitnehmerfreundlich“, sagt die 73-Jährige. „Und der Verschleiß für ein Auto ist in dieser Region auch höher.“ Einkäufe erledigten sie in Bad Harzburg oder Goslar. Nach wie vor gibt es wenig Infrastruktur im Ort, und Torfhaus ist mittlerweile klar als Touristenort geprägt. Einen Supermarkt gibt es bis heute nicht, dafür mehrere Restaurants und ein Outdoor-Sportgeschäft. Ihre Perspektive auf den Ort ist eine andere. „Immer mehr Menschen sind weggezogen“, sagt sie. Vor 33 Jahren hätten Freunde und Bekannte gefragt: „Wie kann man so bekloppt sein, nach Torfhaus zu ziehen?“ Ein großer Wandel habe mit dem Bau der Bavaria-Alm im Jahr 2006 begonnen. Vorher „war hier nichts los“. Beide waren skeptisch, ob das Restaurant Herbst und Winter überstehen würde. Doch es steht bis heute.
Freundliche Menschen, schöne Natur
„Viele kannten Torfhaus damals kaum“, sagt Detlef. Manche verwechselten den Ort mit dem gleichnamigen bei Holzminden. „Ein Studentenpaar wollte einmal zu uns in die Jugendherberge“, erzählt er. „Die haben sich verfahren und saßen am nächsten Morgen vor der Tür.“ Vor allem junge Menschen kämen heute öfter nach Torfhaus. „Ich sehe sie immer gut gelaunt in Richtung Brocken gehen, und dann völlig erschöpft auf dem Weg zurück“, sagt er. Morgens begegne er beim Gassigehen mit dem Hund manchmal Nachtwanderern, die ihn begrüßen. Es sei eine freundliche Nachbarschaft, wenn auch mit ständig wechselnden Personen. Auch Monika Telschow schätzt Torfhaus bis heute, besonders die Natur. „Was meinen Sie, wie schön das hier im Sommer ist?“
Kritik an Großkonzernen im Harz
Sorgen macht Detlef Telschow die Zukunft des Brockens. Für ihn ist der Berg „verkauft, an Großkonzerne“. Besonders kritisch sieht das Paar den Harzturm, für seine Frau „der blödste Einfall.“
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Bei Nebel sei der Brocken von der Glasplattform aus oft nicht sichtbar. „Die Parkplätze sind voll, aber viele gehen einfach so wandern. Oben auf dem Turm sieht man selten Leute“, erklärt Detlef Telschow. Das sei selbst bei gutem Wetter nicht anders. Er kennt noch heute Menschen, die früher im Ort lebten oder arbeiteten. „Der Turm war von Anfang an ein Streitobjekt. Angesichts der Besucherzahlen fragt man sich schon, ob sich das Projekt gelohnt hat.“ Die Rutsche ist bei Regen gesperrt, allerdings ist der Brockenbereich tatsächlich nebliger und regnerischer als tiefer gelegene Orte. Und „wenn man etwas baut, dann im Einklang mit der Natur“, findet der 77-Jährige. „Wir können aus dem Oberharz kein Disneyland machen.“

Die Parkplätze sind voller Menschen, aber laut Detlef Telschow wollen die Meisten nicht auf den Turm. Foto: Neuendorf
Trotz allem lebt das Paar bis heute gerne in Torfhaus. Viele Verbindungen in den Osten zerbrachen sowieso nach der Wende. Wer in den Westen zog, wurde laut Monika Telschow oft als Verräter abgestempelt. „Aber wir wollten unbedingt wieder arbeiten“, sagt ihr Mann. Von zwölf Freunden aus früheren Zeiten blieb nur einer. „Und auch der ist mittlerweile verstorben.“
Über Torfhaus legt sich der Nebel. Manche können meinen, auch der Ort wäre tot. Aber für die beiden steht fest, dass sie bleiben wollen. Monika Telschow erklärt es wie folgt: „Wir leben da, wo andere Urlaub machen.“
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