Das forderte Karl Reinecke-Altenau für den Harzer Heimatschutz
Karl Reinecke-Altenau lässt sich in den 1930er Jahren inmitten der Spielschar des Heimatbundes Oberharz ablichten. Foto: Heimatbund Oberharz
Die heimatschützerischen Forderungen des Künstlers und Schriftstellers fanden Unterstützer, aber auch scharfe Gegner. Ein Blick auf die Entstehung seines Netzwerks.
Altenau. Der Historiker Dr. Kai Gurski widmet sich zum 140. Geburtstag von Karl Reinecke-Altenau intensiv in der Heimatzeitschrift „Unser Harz“ dem Leben und Werk des Künstlers, Schriftstellers und Heimatschützers. Die GZ veröffentlicht in loser Folge gekürzte Auszüge aus Gurskis Untersuchung. Dieser Teil der Reihe beleuchtet den Aufbau eines Netzwerks sowie die Bedeutung von Reisen für das Werk von Reinecke-Altenau.
Erstmals trat seine Initiative für den Heimatschutz während seines Kriegseinsatzes Anfang 1918 hervor. In einem Brief an den Harzklub forderte er eine stärkere Ausrichtung auf „Geschichte, Kulturgeschichte, Naturgeschichte, Volkskunde, Heimatpflege und Heimatkultur“, um mehr Menschen aus der breiten Bevölkerung zu gewinnen, speziell den „arbeitenden Mann“, seiner Ansicht nach ein „Träger der Überlieferungen und des Volksgedanken.“ In der Heimatschutzarbeit sah er nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg einen „Kulturfaktor“ zur Hebung der patriotischen Gesinnung.
Karl Reinecke-Altenau
Nazi oder nicht? Widersprüchliches Erbe eines Harzer Multi-Talents
Dieser Vorstoß zeigte eine bürgerlich-patriotische und kulturreformerische Grundhaltung, aber auch eine gewisse Naivität gegenüber den sozialen Nöten der unteren Gesellschaftsschichten und politischen Spannungen zu jener Zeit. Insbesondere wird das in einem Appell aus 1919 deutlich. „Lasst die Wellen sich austoben. Kampf hält die Kräfte rege, und politisch soll jeder nach seiner Fasson selig werden“, trug Reinecke-Altenau damals vor. Was er als Offenlegung seiner überparteilichen Neutralität gemeint haben mag, zeigt gleichzeitig seine Verkennung und Unterschätzung der Brisanz der zeitgenössischen gesellschaftlichen Prozesse und politischen Konflikte.
Kritik ließ nicht lange auf sich warten. Der nationalistische, offen rechtsradikal-völkisch gesinnte Oberharzer Verleger Karl Fieke hatte bereits Jahrzehnte zuvor eigene Maßnahmen zur Kulturpflege umzusetzen versucht, zeigte sich in seiner eigenen Zeitung „Stimmungsbilder aus dem Oberharz“ nun gegenüber den Ideen und Hoffnungen des Jüngeren scharfzüngig, ablehnend und herablassend und trat so einen öffentlichen Disput mit ihm los. Dieser erste dokumentierte Konflikt zeigt, dass Reinecke-Altenaus Ideen keinesfalls unangefochten waren. Vor allem andere Protagonisten der Harzer Volkstums- und Kulturarbeit sollten seine Aktivitäten als Konkurrenz sehen und nach Möglichkeit bekämpfen.
Engagement im Harzer Kulturleben
Ungeachtet dessen setzte Reinecke-Altenau seine Bestrebungen fort. Er übernahm von Linden aus die Chefredaktion des in Clausthal-Zellerfeld ansässigen „Allgemeinen Harz-Berg-Kalenders“, veröffentlichte zahlreiche Artikel und Illustrationen und engagierte sich ab 1927 als Zweiter Vorsitzender im neu gegründeten Heimatbund Altenau (Oberharz). Ziele waren unter anderem die Pflege des Heimatsinns, die „Förderung aller Maßnahmen, welche dem Schutz und der Hebung der Bergstadt Altenau dienen“, der Erhalt der Oberharzer Mundart, das Verfassen einer Chronik und das Einrichten einer Sammlung von Kulturgütern.Karl Reinecke-Altenau
Umstrittenes Harzer Multi-Talent wird zur Identifikationsfigur
Ab 1930 trat Reinecke-Altenau verstärkt als Redner auf. Sein erster nachgewiesener Lichtbildvortrag mit dem Titel „Über Heimatpflege und Heimatschutz“ beim zweiten Heimatfest der Bergstadt fand große Resonanz. Schließlich wurde er mehrfach abgedruckt und Reinecke-Altenau hielt in den Folgejahren immer wieder Vorträge zu ähnlichen Themen. Der Harzklub und seine Vereinszeitschrift „Der Harz“ entwickelten sich zu einem wesentlichen Multiplikator zur Verbreitung seiner Heimatschutz-Programmatik. Er und seine Maßnahmen fanden im gesamten Mittelgebirge Gehör und breiten Zuspruch.
Ein Katalog an Forderungen
Inhaltlich knüpften seine Vorträge deutlich an Forderungen und Methoden der Heimatschutzbewegung um 1900 an. Aus seiner zutiefst zivilisationskritischen Perspektive heraus warnte er, eine Großstadt könne wegen des Fehlens von Natur und von volkstümlicher Eigenart keine echte Heimat sein und formulierte einen umfänglichen Katalog von Schutzmaßnahmen. Unter anderem forderte er die Vermittlung von Mundart, regionaler Geschichte, Märchen und Sagen im Schulunterricht. Auch sollten traditionelle Bräuche und Feste wie Fastnacht, Osterfeuer, Viehaustrieb, das Johannes- oder das Erntedankfest gestärkt werden.
Den größten Raum nahmen der Schutz und die Pflege des Oberharzer Landschafts- und Ortsbildes ein. Reinecke-Altenau plädierte für die Bepflanzung von Flussufern und Bergbauhalden, das Aufstellen von ausgedienten Entsilberungskesseln als Viehtränken, traditionelle Baustoffe, die Bekämpfung großer Reklametafeln sowie unregelmäßig aufgehängter Werbezettel und eine strenge Prüfung von Bauvorhaben auf ihre ästhetische Wirkung auf das Landschaftsbild. Zudem sollten Baumfällungen nicht mehr in geradlinigen Schneisen erfolgen und die häufig grauen Holzverkleidungen der Oberharzer Häuser sollten einen farbigeren Anstrich erhalten.
Ein Ziel für Reisende?
Seine Lichtbildvorträge arbeiteten mit Gegenüberstellungen. Einige sind erhalten geblieben und kontrastieren idyllische provinzielle Hinterhöfe, hölzerne Viehtränken, einfache Bretterstege und urwüchsige Baumformationen mit Szenen, die er ablehnte, wie großflächigen Plakatwänden, klassizistisch anmutenden Sitzbänken oder wilden Müllhalden in der freien Natur. Seine Adressaten waren nicht nur Verschönerungs- und Wandervereine, die in großer Zahl im Harz existierten, sondern gezielt auch kommunale und regionale politische Entscheidungsträger sowie die Forstwirtschaft.

Ein Auszug aus einem von Karl Reinecke-Altenaus Heimatschutz-Lichtbildvorträgen zwischen 1930 und 1932 zeigt einen Holzbrunnen. Foto: Heimatstube Altenau-Schulenberg
Neben dem Hauptziel des Schutzes tradierten Brauchtums und eines markanten und gepflegten Landschaftsbildes führte er auch noch ein weiteres Argument an: Der Alleinstellungswert von bodenständigem Volkstum und reizvoll anzusehender Landschaft erhöhe die Attraktivität des Harzes für erholungssuchende Gäste und Reisende. Zivilisationskritik mischte sich hier mit der Hoffnung, durch die gezielte Förderung des Fremdenverkehrs die wirtschaftliche Struktur des Harzes zu stärken.
Zu Beginn der 1930er Jahre hatte dieses Argument sehr hohes Gewicht, da im Zuge der Weltwirtschaftskrise zahlreiche Betriebe der Oberharzer Montanindustrie geschlossen worden waren. Das verursachte durch Massenarbeitslosigkeit und den Verlust von Steuereinnahmen in der Region eine prekäre ökonomische und soziale Lage, bis hin zu Verelendungserscheinungen und Abwanderungen. Reinecke-Altenaus verstärkte Aktivitäten auf dem Gebiet des Heimatschutzes fallen nicht zufällig mit der tiefen Krise der Oberharzer Montanwirtschaft ab 1930 zusammen.
Prägende Reisen

Das Gemälde „südländische Hafenszene“ von Reinecke-Altenau zeigt mit großer Wahrscheinlichkeit den Hafen des Ortes Riva del Garda am Gardasee, an den der Künstler 1925 nachweislich reiste. Foto: Privat
Seine Eindrücke hielt er in Notizen, Skizzen und Aquarellen fest, die er in Reiseberichten verarbeitete sowie in Ölgemälden, die er beim Kunstverein Hannover ausstellte. Thematisch ähneln diese Bilder seinen Darstellungen der Harzer Heimat: Pittoreske Landschaften, historisch gewachsene Stadtansichten und volkstümliche Menschen. Doch die Farbpalette wurde leuchtender und kontrastreicher. Eine Entwicklung, die er später auch seinen Harzbilder übertrug.
Kritik am spanischen Klerus
Seine Reiseberichte zeigen ein ausgeprägtes Interesse an Geschichte, Kultur, Alltagsleben und Atmosphäre fremder Orte. Neugier, Staunen, Unvoreingenommenheit, Respekt und Offenheit kennzeichnen seine Begegnungen. Zu fremden Sitten, Bräuchen, Gebäuden, Landschaften, Naturphänomenen und Einheimischen suchte der Künstler trotz fehlender Fremdsprachenkenntnisse Kontakt auf Augenhöhe.
Vereinzelt äußerte er auch Kritik, etwa an sozialer Ungerechtigkeit und politischer Unterdrückung, die er in Spanien ausmachte. Der katholischen Kirche des Landes warf er vor, einen autoritären Machtapparat zu stützen. Im Stierkampf sah der Oberharzer Tierquälerei und zugleich ein Herrschaftsinstrument, um möglichen Zorn gegen die Obrigkeit zu bändigen und gleichzeitig Kapital zu schlagen. Klerikale Doppelmoral, Unterdrückung der unteren Gesellschaftsschichten und Materialismus brandmarkte er als Form der „Kulturlosigkeit“. Diese Positionen korrespondieren auch mit seiner kirchenkritischen Haltung und mit seinen Überzeugungen bezüglich Kulturreform und Zivilisationskritik im Heimatkontext.
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