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Kaiserring für Gabriele Stötzer

GZ Plus IconGoslarer Kunstpreis geht an eine Widerständische

Ein nackter, mit Farbe eingeschmierter Mann dreht sich an einer Papierwand um die eigene Achse und hinterlässt auf dem Papier Farbabdrücke seines Körpers.

Als Akteurin der alternativen Kunstszene in Erfurt kreierte Stötzer Räume des Widerstands und schuf eine Gegenöffentlichkeit. Ihre Arbeiten sind oftmals körperlich; diese stammt aus der Performance „Abwicklung“ von 1983. Foto: Stötzer

Goslars künftige Kaiserringträgerin heißt Gabriele Stötzer und stammt aus Thüringen. Die 72-Jährige ist eine politische Künstlerin, die viel mit Körperlichkeit ausdrückt.

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Von Sabine Kempfer
Freitag, 09.01.2026, 19:00 Uhr

Goslar. Überraschung: Der 51. Kaiserring der Stadt Goslar geht erneut an eine Frau. Wer dachte, es hätte sich die Abwechslung als Automatismus eingeschlichen, wird mit der Wahl von Gabriele Stötzer eines Besseren belehrt – und das passt inhaltlich gleich gut zum Werk der Feministin. Ein Wort, das für die in der DDR sozialisierte Frau ein Fremdwort geblieben ist. Für die Inhalte allerdings steht sie mit Haut und Haar – Ganzkörpereinsatz in der Kunst.

Beim ersten Blick auf die Künstlerin, die Goslar von der Kaiserringjury beschert wird, fällt allerdings zuallererst die Persönlichkeit von Gabriele Stötzer ins Gewicht. Ihre Vita, ihre Überzeugungen, die große Kraft einer Unbeugsamen, die in der DDR groß geworden ist, mit ihr wachsen, sie gestalten und verändern wollte. Dafür setzte sie alles aufs Spiel, bevor sie im Frauenknast desillusioniert wurde: Karriere, körperliche Unversehrtheit, ihre Freiheit. Nicht, weil sie es so wollte, sondern weil sie in bester Luther-Tradition gar nicht anders konnte – das wird in den Interviews und Podcasts mit der 72-Jährigen deutlich, die angesichts zahlreicher Veröffentlichungen und Ausstellungen in jüngster Zeit gerade auf dem Zenit ihrer Popularität angekommen zu sein scheint. Der Kaiserring setzt dem am 10. Oktober 2026 in Goslar die Krone auf.

Eine Frau mit kurzen Haaren und sympathisch lächelndem Gesicht blickt den Betrachter an, hinter ihr eine Kunstarbeit aus Wolle.

Die Künstlerin Gabriele Stötzer. Sie ist Preisträgerin des Pauli-Preises 2024 der Kunsthalle Bremen. Foto: picture alliance/dpa/Kunsthalle Bremen

Gabriele Stötzer, die erst mal eine Ausbildung zur Medizinisch-technischen Assistentin machte/machen musste, war eine Einser-Abiturientin, eine Einser-Studentin, aber auch eine Frau, die ihren Kopf nicht ausschalten und ihren Mund nicht halten konnte und wollte. Dafür wurde sie exmatrikuliert, inhaftiert, ignoriert – nur nicht von der Stasi, die mehrere Aktenordner über die Frau anfertigte. Nach der Entlassung aus dem Frauengefängnis Burg Hoheneck wollte sie immer noch nicht ihr Land verlassen, sie suchte sich Nischen, in denen sie trotz Stasi-Überwachung wirken konnte. Die Haftstrafe wegen Staatsverleumdung hatte sie sich eingehandelt, weil sie als Erste den Protestbrief gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann unterschrieben hatte. 1989 gehörte die starke Frau zu den ersten, die eine Stasi-Behörde (in Erfurt) besetzten, um zu verhindern, dass die Unterlagen vernichtet wurden; einer der Gründe, aus denen sie 2013 von Bundespräsident Joachim Gauck mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde.

Sie drückt sich vielfältig aus

Und die Kunst? Auf sie fällt angesichts dieser besonderen Biografie erst der zweite Blick – zumal Stötzers erste Ambitionen, sich mitzuteilen, literarischer Natur waren. Sie schrieb und veröffentlichte mehrere Bücher.
Auf einer Schwarz-Weiß-Postkarte sind die behosten Männerbeine beim Gehen zu sehen; darunter steht der Text "und das Bleiben ist auch eine Entscheidung - die Weigerung zu gehen"

Gabriele Stötzer bedient sich auch des Postkartenformats, um Menschen zu adressieren. Hier die Postkarte „Bleiben“ aus dem Jahr 1983. Foto: Stötzer

Heute wird die Erfurterin als Schriftstellerin und Künstlerin wahrgenommen; das Schreiben, Fotografieren und Filmen (Super-8) sind verschiedene Möglichkeiten, sich künstlerisch-kreativ auszudrücken. Kommen Performances, Grafik und Weberei hinzu. Nach ihrem Knast-Aufenthalt (ohne Stifte und Papier) entschied sie sich, Künstlerin zu werden – übernahm die Leitung einer Galerie und war Mitbegründerin der Künstlerinnengruppe Erfurt.

Im Mittelpunkt der Körper

Ihre eigene Kunst ist untrennbar mit ihren eigenen Erfahrungen, ihrer Biografie und ihrem Frausein verbunden und wurde oft in Gruppenausstellungen gezeigt. Im Zentrum steht der Körper, der sich zeigt, sich aus- und abdrückt, zeichenhaft bemalt wird – Stötzer arbeitet gerne mit anderen zusammen. Noch bevor ihre Kaiserring-Ausstellung im Oktober in Goslar eröffnet wird, zeigt Stötzer ihre Arbeiten im Gropius-Bau in Berlin; dort ist für den 19. Juni die Vernissage angesetzt. Titel der Ausstellung, die durch die Kulturstiftung des Bundes gefördert wird: „Dabei sein und nicht schweigen“.

Preise und Ausstellungen

2024 wurde sie mit dem Pauli-Preis für ihr Schaffen ausgezeichnet und stellte in der Kunsthalle Bremen aus. Zur Jury gehörte damals auch eine Kaiserring-Jurorin, Susanne Pfeffer. Kaiserringträger wie Wolfgang Tillmans und Olafur Eliasson kamen bereits in den Genuss des mit 30.000 Euro dotierten Preises.

2024 waren Stötzers Arbeiten außerdem im Kunsthaus Erfurt zu sehen („Auslöschung eines Blicks. Ich trage meine Wunden offen“), davor meist in Galerien in Wien, Bonn, Berlin, Leipzig und Warschau. „Mit Hand & Fuss, Haut & Haar“ hieß ihre erste Ausstellung in der Schweiz, die 2025 im Muzeum Susch hauptsächlich fotografische Arbeiten aus den frühen 1980er Jahren zeigte, die den Körper „als Schauplatz intuitiven Protests und/oder der radikalen Transformation“ zeigten, währen hervorgehobene Körperteile als „Symbole von Handlungsfähigkeit, Verletzlichkeit und Verbundenheit erscheinen“, schrieb Kurator Daniel Blochwitz: „Ihre Bilder, die aus einer Verbindung von persönlicher Entbehrung, kollektivem Engagement, weiblicher Solidarität und poltitischem Widerstand entstanden sind, stellen lineare Lesarten der Kunstgeschichte infrage und bereichern den feministischen Diskurs.“

Die späte Anerkennung tut der 72-jährigen Künstlerin gut, die den Sozialismus verändern wollte und von der Aussagen stammen wie „Keiner interessiert sich mehr für die Kunst, die in der DDR entstanden ist“ und Fragen wie „Wie weit ertragen die mich?“ Sie sei „sehr froh, dass so viele Menschen nun meine Ausstellungen anschauen“, sagte sie im Interview mit der Kunstzeitschrift „monopol“; sie freue sich, dass so viele Menschen das Gespräch mit ihr suchten. Damit ist die dritte Kaiserringträgerin in Folge zumindest in diesem Punkt ein Gegenentwurf zu ihren beiden Vorgängerinnen Miriam Cahn und Katharina Fritsch, die Interviews abgelehnt hatten. Gabriele Stötzer und macht Hoffnung auf ein kommunikatives Kaiserringjahr.

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