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Satirischer Jahresrückblick

GZ Plus IconKabarettisten der „Distel“ arbeiten sich in Goslar an 2025 ab

Zwei Männer und eine Frau stehen auf einer Bühne nebeneinander in roten Schürzen und roten Zwergenzipfelmützen mit den Buchstaben: SPD.

Die letzten Sozialdemokraten als Zwergenpartei (v.li.): Jens Neutag, Axel Pätz und Katharina Martin gefallen als Ensemble der „Distel“ im Kulturkraftwerk. Foto: Zietz

Kann ein Jahr wie 2025 überhaupt noch satirisch überhöht werden? Es kann, zeigt die „Distel“ mit dem Programm „Gut im Abgang“ im Kulturkraftwerk.

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Von Sabine Kempfer
Dienstag, 06.01.2026, 17:15 Uhr

Goslar. Will den überhaupt jemand sehen, den Rückblick auf ein so verrücktes Jahr wie 2025? Wenn er von der „Distel“ kommt, schon: Seit Monaten waren die Karten für den satirischen Jahresrückblick im Kulturkraftwerk vergriffen, selten war die Warteliste länger – und das blieb sie auch, denn es gab laut Veranstalter auch trotz des Wintereinbruchs so gut wie keine Rückläufer.

Das renommierte Kabarett-Theater hielt, was es versprach, unterhielt intelligent und gut, auch wenn der Stachel nur pikte, nicht schmerzte – das überließen die drei Darsteller vielleicht der Realität. Ganz klar: Das Kabarettprogramm über das Jahr 2025, „Gut im Abgang“, war, mit Ankündigung, „amüsanter als das Jahr selbst“.

Das Publikum war gefordert: Katharina Martin, Axel Pätz und Jens Neutag forderten es auf, den ganz persönlichen „Lieblings-Monat“ zu küren; es folgte eine sich an der Chronologie lose entlang hangelnde Abfolge von Absurditäten, die nur echte Profis erzählerisch/darstellerisch noch auf die Spitze treiben können.

Realität als Steilvorlage

Deutschland blühte im vergangenen Jahr so einiges, eine neue Regierung etwa. Politische Persönlichkeiten, die so manche Kabarett-Steilvorlage bieten – von Friedrich Merz über Markus Söder bis zu Julia Klöckner („die Klöckner vor Notre-Dame“) aber auch Andrea Nahles und Karl Lauterbach schwimmen noch im Kakao, durch den sie gezogen werden.
Drei Akteure im klassisch schwarz-weißen Bühnenoutfit stehen vor einem bunten Rollup und agieren mit Händen und Armen.

Ein satirischer Jahresrückblick mit der Erkenntnis, dass das Jahr 2025 vor allem eine Qualität hatte: Es war „gut im Abgang“. Foto: Zietz

Die Außenpolitik mit ihren Krisen, Kriegen und Potentaten überstrahlte jedoch alles, insbesondere ein Mann: Donald Trump. Um nicht ständig den Namen des US-Präsidenten zu nennen, der von seiner Vereidigung im Januar 2025 bis zur Entführung Maduros Anfang Januar 2026 ein ganzes Jahr dominierte, ihn sogar überhaupt nicht mehr zu sagen, nimmt Axel Pätz den Namen wörtlich und trompetet stattdessen jedes Mal durch eine Tröte. Nette Idee, auf Dauer nervig; also präsentiert das mal sprechende, mal singende und Piano spielende Trio eine andere Variante und versucht, den Bann durch Desensibilisierung und maximale Übertreibung zu brechen.

Der Oberindianer

Drei Perücken müssen herhalten für eine Nummer, die heißen könnte: „Mehr Trump geht nicht“ – ein Publikumsrenner und Ohrwurm, denn hier wird wunderbar passend der Van-Halen-Titel „Jump“ durch „Trump“ ersetzt. Auch Udo Lindenbergs „Sonderzug nach Pankow“ mit den variierten Textzeilen „Ich bin auf der Welt hier der Oberindianer“ will prima passen. Fortsetzung: „Und ich fahr dieses Land – mal eben an die Wand.“ Zölle, Zölle, Zölle (statt „Hölle, Hölle Hölle“), Einwanderungspolitik und Imperialismus sind weitere Themen, wobei die Distel-Variante von „Eine Insel mit zwei Bergen“ mit der die Harmlosigkeit von Lukas, dem Lokomotivführer, widerspiegelnden Melodie die Absurdität des Greifens nach Grönland besonders gut rausbringt.

Gute Stimmen, gute Gags, gutes Zusammenspiel von Martin, Pätz und Neutag, die mit einem schlichten Bühnenbild auskommen: zwei poppige Rollups mit dem Titel der Show, drei Pappkartons zum Sitzen, ein Piano, das ist es.

Die Zwerge von der SPD

So böse wie nett die Nummer über die drei letzten Mohikaner, die drei letzten Mitglieder der SPD, die im Zwergenoutfit nach der Pause zur Arbeiterhymne „Die Internationale“ die Bühne erobern und einsehen müssen: „Nichts hält ewig, Leute, das tut weh, bald hat sich das erledigt mit der SPD.“ Neben harmlosen Nummern, die mit Status-Symbolen wie dem Weber-Grill der Gesellschaft den Spiegel vorhalten, gibt es auch Programmpunkte, die ganz direkt zum Innehalten und Überdenken auffordern, zum Beispiel dort, wo es um die Nahostpolitik geht. Hier zeigt die Distel auf, dass es immer mehrere Wahrheiten, mehrere Wege und Standpunkte parallel geben kann – und dass schnelle Entscheidungen, Vereinfachungen in Stammtischmanier, nichts zur Lösung beitragen. Warum also nicht mal sagen: „Ich weiß es im Moment nicht“? Sich Zeit lassen, sich informieren, nachdenken und in Ruhe eine eigene Meinung bilden? Und die Probleme im eigenen Land? Sind erheblich, was auch beim Verhökern von Ländern und ihren Symbolen zum Tragen kommt, zum Beispiel beim Eiffelturm, „der einzige Gegenstand, in dem mehr Nieten sind als im Deutschen Bundestag“. Die Distel sagt nicht, wen ihr Publikum wählen oder nicht wählen soll. Aber inhaltlich sind sich die Künstler einig und formulieren eine klare Message: „Ich will Ihnen nicht vorschreiben, wen Sie wählen sollen. Aber ich bitte Sie, wählen Sie so, dass ich nicht die letzte Generation war, die in Frieden aufwachsen durfte“, sagt Jens Neutag und bekommt anhaltenden Applaus. Denn dem Thema Frieden geht es wie dem Klima – da ist noch ganz viel Luft nach oben.

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