Krieg der Infos: Podcaster erklären Goslar die Fake-News-Welt
Bunte weite Welt im Netz: Hoaxilla rät nicht ab, aber zur Vorsicht im Umgang mit diversen Social-Media-Diensten. Foto: Jens Büttner/dpa
Erst öffentlich im Amsdorfhaus, tags drauf am Ratsgymnasium: Alexa und Alexander Waschkau zu KI-Traffic im Netz, QAnon, Xavier Naidoo und Socialmedia-Verboten.
Goslar. „Erst denken, dann klicken.“ Ein einfacher Grundsatz, den eigentlich jede(r) kennt. Aber beherzigt ihn auch wirklich jede(r), wenn er oder sie im Netz unterwegs ist? Vor einer großen psychologischen Falle etwa, das weiß Alexander Waschkau, ist nämlich kein Mensch gefeit – und das ist der Bestätigungsfehler. Frei nach dem Motto „das habe ich schon immer gewusst“ schicken wir gern und schnell Nachrichten weiter, die unsere eigenen Einstellungen bestätigen – egal, ob sie nun stimmen oder nicht. Deshalb Waschkaus Warnung: „Teilt es nicht sofort.“
Alexa und Alexander Waschkau sind die Hoaxilla-Podcaster. Sie stehen am Donnerstagvormittag auf der Bühne in der Aula des Ratsgymnasiums. Foto: Heine
Fallstricke erkunden
Zusammen mit Ehefrau Alexa steht Waschkau am Donnerstagmorgen auf der Bühne in der Aula des Ratsgymnasiums vor rund 140 Schülerinnen und Schülern der neunten und zehnten Klassen. Das Paar macht seinen Podcast Hoaxilla jetzt seit fast 16 Jahren, checkt Fakten, vergleicht Messengerdienste sowie Nachrichtenanbieter und erkundet, wo die Fallstricke sind. Nach einem Abend im Amsdorfhaus vor fast 100 Zuhörern aus ganz anderen Altersgruppen sind sie jetzt erneut im Auftrag der Demokratie unterwegs, um mit den 15- und 16-Jährigen über Fake News, Desinformation und Propaganda zu sprechen. Warum ist es heute wieder nötig, für eine Staatsform zu werben und einzustehen, die nichts anderes als Volksherrschaft heißt und sich in Deutschland in den vergangenen acht Jahrzehnten doch ganz gut gemacht hat? Weil in den weitgehend ungeschützten digitalen Räumen viele Menschenfänger, Lobbygruppen, Verkäufer und Verunsicherer mal mehr mal weniger gut getarnt unterwegs sind, um Einfluss auf die Köpfe anderer zu gewinnen. Immer mit einer Absicht, die längst nicht immer eine gute sein muss. „Demokratie ist lästig und anstrengend, aber doch ein ganz guter Weg“, sagen die Waschkaus.

Schulinternes Publikum: Die neunten und zehnten Klassen des Ratsgymnasiums sind lange Zeit geduldige und interessierte Zuhörer. Foto: Heine
Was ist menschgemacht?
Wo und wer sind diese bösen Menschen? Sind es überhaupt Menschen? Wieviel Traffic im Netz ist eigentlich noch menschgemacht? Die Ratsgymnasiasten sollen schätzen und liegen eigentlich sensationell gut. Nicht die skeptischen 0,01 Prozent, die in der ersten Reihe befürchtet werden, aber eben doch die zuerst genannten 50 Prozent kommen dem Ergebnis sehr nahe, das der Bad-Bot-Report ausweist. 50,4 Prozent Menschen, 17,6 Prozent Good Bots (nützliche Dinge wie Bankgeschäfte) und 32 Prozent Bad Bots (gefährliche Dinge wie Datenspionage) sind für 2023 angeführt. Zwei Jahre später liegen die Bots schon bei 51 Prozent, davon 37 Prozent von der nicht koscheren Sorte. Und dann gibt es ja noch die Agents, automatisierte Systeme, die selbst Künstliche Intelligenz (KI) bedienen können. Auch die sind hier bekannt. Am Abend vorher sei dies noch anders gewesen, sagen die Waschkaus, was aber nicht ungewöhnlich ist. Anfragen und Zusendungen zu Fake News bekommen sie im Alltag „nicht so oft von den Nichten und Neffen, sondern von den älteren Onkels und Tanten.“

Öffentliche Veranstaltung: Im Amsdorfhaus lauschen am Mittwochabend rund 100 Zuhörer dem Hoaxilla-Vortrag. Foto: Privat
Pizza und Kinderblut
Was beweist, dass die Trolle im Netz erfolgreich sind. „Es reicht ihnen ja, dass wir unruhig und uneinig werden“, sagen die gelernte Ethnologin und der Diplom-Psychologe. Deshalb der Ratschlag: „Auch wenn es schwerfällt und ihr sie kritisiert, falsche Inhalte nicht weitergeben!“ Kennen in diesem Alter auch viele.
Eher das Problem: Was ist noch bekannt? QAnon, Pizzagate und die Kinderblut-Trinker eher nicht (mehr), zu denen Sänger Xavier Naidoo „ganz fantastische Geschichten spinnt“, sagt Alexa Waschkau, „die sind noch genauso unwahr“. Schwierig nur, wenn sich offizielle Stellen wie die US-Einwanderungsbehörde von ICE damit brüsten, in Minnesota 33.000 Kinder wiederentdeckt und befreit zu haben. Oder ein Mann mit einem Sturmgewehr in Washington in eine Pizzeria eindringt, um imaginäre Kinder aus imaginären Kellern zu retten.

Veranstalter und durch „Demokratie leben!“ gefördert: Das Goslarer Bündnis gegen Rechtsextremismus zeigt Flagge in der Aula des Ratsgymnasiums. Foto: Heine
Frühe Lügen, neue Krieger
Oder was ist mit Wladimir Putins russischen Desinformationskriegern? Oder frühen Lügen im US-Werbefilmen zum Rauchen, in denen Ärzte-Studien dem Nikotinkonsum in den 1950er und 1960er Jahren sogar gesundheitsfördernde Wirkungen bestätigen? Nicht offen lügen, aber doch verzerren: Framing ist ein anderes Stichwort. Ist das Glas halb voll oder halb leer? Eine Frage der Sichtweise. Etwa wenn Fördergelder für die Omas gegen Rechts skandalisiert werden. Wenn NGO´s und deren Arbeit in Zweifel gezogen werden mit Quellen wie Nius und der „Bild“. Kann man machen, muss aber niemand glauben. Besser: immer vergleichen, in die Tiefe gehen. Wenn das Förderprogramm „Demokratie leben“ Geld bekommt und wieder verteilen darf, wird davon auch der Auftritt von Hoaxilla mit Anreise und Unterkunft finanziert. Das Goslarer Bündnis gegen Rechtsextremismus hat das Duo eingeladen, das seriöse Quellen ans Herz legt, von Diensten wie Nius, Telegram, X („unter Musk zur Jauchegrube geworden“), TikTok und Meta mit WhatsApp, Facebook und Instagram nicht abrät, aber zur Vorsicht rät.Bündnis gegen Rechtsextremismus
Hoaxilla-Podcaster kämpfen in Goslar gegen Verschwörungstheorien
Die Frage nach dem Verbot
Social Media bis zu einem gewissen Alter verbieten? Die Abschlussfrage steht im Raum. Alexander Waschkau fühlt sich an frühe(re) Diskussionen erinnert um Fernsehgeräte in Kinderzimmern und Zeiten am Computer. Wo ist das Maß? Wer setzt Verbote überhaupt wirksam um? Waschkau ist neuen Medien gegenüber sehr offen. Problem: der Jugendschutz – gegen Mobbing und Menschen, die sich im Netz an Kinder und Jugendliche heranwanzen, gebe es keine echten Lösungen.
Debatte um Verbot
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