Balanceakt in schwindelerregender Höhe über der Okertalsperre
Ein Hingucker an der Okertalsperre: Am Wochenende findet dort eine Highline-Aktion statt. 25 Menschen balancieren dort in etwa 15 Metern Höhe über dem Wasser. Foto: Neuendorf
Der Braunschweiger Alexander Lach balancierte hoch über der Okertalsperre auf einem nur zwei Zentimeter breiten Band. Jeder Schritt fordert Konzentration und Mut.
Oberharz/Braunschweig. Da zittern einem schon als Zuschauer die Knie: 25 Menschen aus ganz Norddeutschland balancierten am Wochenende in schwindelerregender Höhe über ein nur zwei Zentimeter breites Band über die Okertalsperre. Einer von ihnen war Alexander Lach. Der 34-Jährige ist Vorsitzender des im vergangenen Jahr gegründeten Braunschweiger Vereins High Lions, der die Aktion in Absprache mit den Harzwasserwerken organisiert hat. Mit der GZ spricht er über den Extremsport, der für ihn aber längst kein Adrenalinkick mehr ist. Ganz im Gegenteil.
Der Braunschweiger Alexander Lach ist beim Highlining komplett in seinem Element. Dabei kann er abschalten und den Kopf freibekommen. Foto: Stross
Im Alltag arbeitet Lach als Grundschullehrer. Zum sogenannten Slacklining kam er vor etwa vier Jahren eher zufällig. Im Park fragte ihn seine heutige Verlobte, ob er es ausprobieren wolle. Bei der Sportart wird ein schmales Band zwischen zwei Bäumen gespannt. Er fand es sofort faszinierend, in einigen Zentimetern über dem Boden zu balancieren, und übte immer weiter. Dass daraus einmal Highlining werden würde, hätte er nie gedacht. Dabei geht es nicht um ein paar Zentimeter Höhe, sondern um Meter, manchmal sogar um Hunderte oder gar Tausende.
Viel Vertrauen in die Sicherung
„Ich dachte, das wäre für mich zu gefährlich. Ich bin eigentlich ein sehr sicherheitsliebender Mensch“, sagt er. Doch je öfter er anderen zusah, desto größer wurde der Wunsch, es selbst zu versuchen – auch, weil ihn die ausgeklügelte Sicherung überzeugte. Die Sportler tragen einen Klettergurt und sind direkt an dem Balancierband befestigt, und das sogar gleich an zwei Seilen, damit es im Fall eines sehr unwahrscheinlichen Materialfehlers immer noch eine doppelte Sicherheit gibt.

Die Weißwasserbrücke im Hintergrund: Selbst wenn die Sportler stürzen, sind sie mit einem Klettergurt an dem Balancierband befestigt. Foto: Neuendorf
Bevor der 34-Jährige selbst Highlines aufbaute, beobachtete er ein bis zwei Jahre lang andere und tauschte sich intensiv mit ihnen aus. Sicherheit stehe für die Szene an oberster Stelle. „Wenn man nachlässig ist, kann das tödlich enden.“ Deshalb wirke der Sport spektakulärer, als er tatsächlich sei. Dennoch sagt Lach heute über das Highlining: „Es ist eine Möglichkeit, zu wachsen, sich selbst herauszufordern und Ruhe inmitten des Chaos zu finden. Davon kriegt man einfach nicht genug.“ Trotzdem wird ihm mulmig, wenn er ungesichert an einer Klippe steht und in die Tiefe blickt. Auf der Highline dagegen fühlt er sich sicher. „Wenn man fällt, hängt man einfach im Seil.“
Viele Highliner balancieren barfuß
Über der Okertalsperre hingen die Bänder etwa 15 bis 20 Meter über dem Wasser. Die längste Strecke betrug rund 200 Meter, die kürzeste etwa 60 Meter. Dieses Mal fiel dem Braunschweiger die kürzere Strecke leichter. Alexander Lach erzählt, dass einige andere an dem Wochenende sogar die lange Strecke hin und zurück ohne Unterbrechung schafften. Viele balancieren übrigens barfuß, einige aber auch mit Barfußschuhen, wenn es kühler ist. Bis er selbst stabil auf einer Slackline laufen konnte, vergingen ein bis zwei Jahre. Andere lernten das aber auch schneller. Grundsätzlich könnten sich Menschen ohne Vorerfahrung auf eine Highline wagen, zunächst auch sitzend oder sich entlanghangelnd. Ein Fitnessfanatiker müsse man nicht sein, auch wenn eine gute körperliche Verfassung und Kraft helfen. Schließlich müsse man sich spätestens nach einem Sturz an der Sicherungsleine wieder nach oben ziehen, weiß der 34-Jährige.

Alexander Lach balanciert über die Highline, die an der Okertalsperre gespannt ist. Zuerst geht es immer bergab, dann gerade und zum Schluss wieder bergauf. Foto: Ganso
An einem so prominenten Ort wie der Okertalsperre bleiben Zuschauer nicht aus. Viele Passanten konnten laut Lach nicht einfach so vorbeigehen: Sie bewunderten die Sportler für ihren Mut und stellten Fragen. Besonders interessierte sie, wie das Band überhaupt von einer Seite des Ufers zur anderen kommt. Die Antwort: mit einer Drohne. Der Braunschweiger erklärt, dass an dem Flugobjekt zunächst eine Angelschnur befestigt wird, daran ein stärkeres Seil und schließlich die eigentliche Line. Viele Highliner haben einen Kletterhintergrund, arbeiten etwa als Industriekletterer. Zum Befestigen steigen sie in die Bäume, die zuvor sorgfältig ausgewählt und mit Schutzmatten versehen werden, damit sie keinen Schaden nehmen.
Mehr als ein Extremsport: Gemeinschaftssache

Anna Tolkmitt aus Bielefeld organisiert das Highline-Event an der Okertalsperre mit und sichert das Band an einem Baum. Foto: Kusche
Eine Highline aufzubauen ist dabei immer Teamarbeit, macht Lach deutlich. Von der Standortwahl über das Spannen der Seile bis zu den Sicherheitschecks stecke viel Logistik, Know-how und vor allem Vertrauen dahinter. Alle müssten zusammenarbeiten und sich aufeinander verlassen können. Allein wäre eine solche Aktion schlicht nicht möglich. „Highlining ist weit mehr als ein Extremsport. Es ist im Kern eine Gemeinschaftssache.“
Es kommt laut dem 34-Jährigen beim Highlining nur sehr selten vor, dass jemand losgeht und sich in der Mitte nicht mehr weitertraut. Vom Kopf her seien die ersten Schritte am schwierigsten, die gehen sogar leicht bergab. Eine Herausforderung sei zwar auch, dass sich durch die unterschiedlichen Schwingungen jede Stelle auf dem Band anders anfühle, aber: „Wenn man einmal läuft, dann läuft es.“
Künstler Axel Laslo
Vom Polizisten zum Maler: Harzer zeigt, dass Träume wahr werden
In 50 Metern Höhe war bisher das höchste Seil gespannt, auf das sich der Braunschweiger traute. Irgendwann möchte er auch alpines Highlining ausprobieren, wie er erzählt. Dann würde er in Tausenden Metern Höhe in den Bergen balancieren. Besonders gespannt ist er auf den Ausblick, der seiner Ansicht nach alles bisher Erlebte übertreffen dürfte. Oben in der Luft kann er den Kopf frei bekommen. Das ist für Alexander Lach der perfekte Ausgleich nach einer anstrengenden Arbeitswoche. Ein Adrenalinkick war das Balancieren für ihn nur die ersten Male. Heute geht es ihm darum, ganz im Moment zu sein: die Konzentration, die Ruhe, der Ausblick und das alles gemeinsam mit Gleichgesinnten zu erleben. So sehen das auch die meisten anderen Highliner.
Copyright © 2026 Goslarsche Zeitung | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.