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Wer war der Mann?

GZ Plus IconHeinrich Pieper: Goslarer Hotelvisionär und glühender Nationalist

Heinrich Pieper

Heinrich Pieper Foto: Stadtarchiv Goslar

Heinrich Pieper gab dem Hotel „Der Achtermann“ sein Gesicht, baute den „Niedersächsischen Hof“. Er war Tourismus-Veteran, Republikfeind, aber auch ein Antisemit?

Von Günter Piegsa Sonntag, 04.01.2026, 12:00 Uhr

Dieser Mann hat sich verdient gemacht um den Tourismus in Goslar und im Harz. Geboren wurde er am 25. September 1863 in Sattenhausen, Kreis Göttingen, als viertes von sieben Kindern eines „kleinen Landwirts“ (GZ 23./24. September 1933).

Vom Kellnerlehrling zum Hotelier

Nach seiner Schulzeit wurde er Kellnerlehrling in Göttingen, leistete Militärdienst „bei den 82ern“ in Göttingen und ersparte sich bei der weiteren Ausübung seines Berufes so viel, dass er, noch nicht 31 Jahre alt, 1894 Pauls Hotel und die Bierstube im Achtermann in Goslar erwerben und modernisieren konnte. Heinrich Pieper war es, der gegen alle Skepsis Dritter mit seinen Aktivitäten als Hotelier dem Fremdenverkehr und dem Tagungstourismus in Goslar einen erheblichen Schub versetzte.
Aufnahme des „Achtermann“, die 1913 im Reiseführer von Heinrich Pieper veröffentlich wurde.

Aufnahme des „Achtermann“, die 1913 im Reiseführer von Heinrich Pieper veröffentlich wurde. Foto: Stadtarchiv

„Der Aufbau des Turm-Obergeschosses zu einem prächtigen Fest- und Speisesaal war ein Schritt, der den Achtermann sozusagen couleurfähig machte und dazu führte, dass die offiziellen Festessen zu Kaisers Geburtstag auch im Achtermann stattfanden. Die Schaffung des Jägerheims und der neue Aufbau über dem Reste der Stadtmauer am Rosentore, durch den eine Anzahl neuer und schöner Fremdenzimmer gewonnen wurde, war ein weiterer wichtiger Schritt in der Entwicklung des Achtermanns.“ (GZ 23./24. September 1933)

Pieper entwickelt einen Stadtführer

Sein „Illustrirter Führer durch Goslar am Harz mit besonderer Berücksichtigung des Achtermanns“ von 1896 liegt in mehreren Ausgaben im Stadtarchiv vor und diente zur wohldurchdachten Werbung und Förderung des Fremdenverkehrs in Goslar und seinem Hotel. Von 1908 bis 1910 ließ er Pauls Hotel vom Goslarer Architekten Heinrich Ehelolf zum heutigen Hotel Achtermann umbauen, seinerzeit dem „ersten Haus“ in Goslar, wenn nicht im gesamten Harz. Der Achtermann wurde der Referenzbau für das von Ehelolf im Auftrag des Landes Anhalt in den Kriegsjahren 1914/15 errichtete „Herzoglich Anhaltische Kurhotel und Gästehaus“ auf dem Stubenberg bei Gernrode (vgl. Beitrag des Verfassers in der Harz-Zeitschrift 2024, Seite 118ff). 1921 ließ Pieper das gegenüber liegende Haus Niedersachsen zur neuen Gaststätte umbauen, 1925/26 den neuen Hotelflügel des Achtermanns an der Bahnstrecke errichten. Schyga merkt dazu in seinem Buch „Goslar 1918–1945“, Seite 60, an, dass Piepers Bautätigkeit am Achtermann zu einer Zeit erfolgte, „da jemand, der mit Geldschulden Sachbesitz anhäufte, zum Ende der Inflation als Gewinner dastand. Er [Pieper] war der Stinnes von Goslar“.

Erst „Achtermann“, dann „Niedersächsischer Hof“

In den Jahren 1929/30 ließ Pieper das Hotel Niedersächsischer Hof errichten. Sein Bruder Wilhelm starb nur vier Tage vor der Eröffnung des Hotels. Wilhelm war es auch, der über Jahre das Hotel auf dem Steinberg bewirtschaftet hatte.
Die Heinrich-Pieper-Straße am Odeon-Theater wurde 1951 nach dem Goslarer Hotelier benannt. Im Hintergrund sind die Umrisse des "Achtermann" zu erkennen, den er Anfang des 20. Jahrhunderts groß umgebaut hatte.

Die Heinrich-Pieper-Straße am Odeon-Theater wurde 1951 nach dem Goslarer Hotelier benannt. Im Hintergrund sind die Umrisse des "Achtermann" zu erkennen, den er Anfang des 20. Jahrhunderts groß umgebaut hatte. Foto: Roß

Schyga bezeichnete Pieper als „beliebt wegen seiner erzreaktionären politischen Gesinnung“ (Schyga, Seite 60). Die Goslarsche Zeitung nannte Pieper am 22./23. April 1978 „glühender Patriot und Nationalist“. Aus seiner „deutschen Gesinnung“ machte er keinen Hehl: Im Achtermann gab es ein Kaiserzimmer, ein Jägerheim und eine Bismarcknische – ausgestaltet mit entsprechenden Devotionalien, Runenschnitzwerk und Gemälden.

In seinem Testament soll er verfügt haben, dass, solange der Achtermann in seinem Besitz sei, auf dem Turm nur die schwarz-weiß-rote Fahne des Deutschen Reiches gehisst werden dürfe. Als eine Regierungsdelegation bei ihm tagen wollte, weigerte er sich, die Reichsfahne gegen die schwarz-rot-gelbe Flagge auszutauschen (GZ 22./23. April 1978). Am Turm brachten die Vereinigten Kriegervereine Goslars – sicherlich mit seiner Unterstützung – am 18. Januar 1921 anlässlich des 50-jährigen Gedenkens der Krönung Wilhelms I. in Versailles eine Bronzetafel an mit der Aufschrift „Vergesset nie den Schmachfrieden von Versailles“.

Eintritt in die NSDAP im Mai 1933

Für das Jahr 1924 führt Schyga den „Harzer Hotelbesitzer-Verband Ortsgruppe Goslar (H. Pieper)“ mit weiteren bürgerlichen Organisationen als Unterstützer des „Bürgerbundes“, einer bürgerlichen Liste, an (Schyga, Seite 345). Erst nach der überraschenden Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 und nach den Reichstagswahlen am 5. März 1933 trat Pieper am 1. Mai 1933 unter der Mitgliedsnummer 2080994 in die NSDAP ein (Bundesarchiv Berlin BArch R 9361 VIII KARTEI 1559 1593). Das Kreuz in der Spalte „Ausgetr.“ der NSDAP-Mitgliederkarteikarte Piepers und das Datum Juli 34 („7.34“) deuten darauf hin, dass die Mitgliedschaft durch den Tod beendet wurde.

Ein frühes Mitglied des Geschichtsvereins

Heinrich Pieper gehörte zu den frühen Mitgliedern des 1922 gegründeten Geschichtsvereins. In einer leider undatierten Mitgliederliste, die Hansgeorg Engelke in seiner „Geschichte des Geschichtsvereins 1921–2001“ abdruckte, ist Pieper aufgelistet.

Das Leiden, das Pieper bereits 1933 „an ein längeres Krankenlager gefesselt hatte, war in den letzten Monaten weiter fortgeschritten“ schrieb die GZ als Nachruf am 27. Juni 1934. „Eine Lungenentzündung wirkte mit, um überraschend schnell das Ende herbeizuführen, obwohl Eingeweihten nicht verborgen war, daß die Tage Heinrich Piepers gezählt waren.“

Die Pieper-Familiengrabstätte auf dem Friedhof Hildesheimer Straße.

Die Pieper-Familiengrabstätte auf dem Friedhof Hildesheimer Straße. Foto: Piegsa

Heinrich Pieper starb am 26. Juni 1934 in Goslar. Beerdigt wurde er im Familiengrab neben Bruder Wilhelm auf dem Friedhof Hildesheimer Straße. Der Stein trägt den für ihn bezeichnenden Text:

Man nennt das Leben einen Traum

Dieweil vergeht‘s wie eitel Schaum

Doch keiner glaub dass er gelebt,

der nur geträumt und nicht gestrebt.

Von Piepers Privatleben ist wenig bekannt. Seine

Todesanzeige lässt vermuten, dass er nicht verheiratet war und seine drei Adoptivtöchter, seine Nichten Luise, Lissi und Hedwig, möglicherweise Töchter seines Bruders Wilhelm, waren.

Goslarer Straße trägt seinen Namen

Laut Beschluss des Hauptausschusses der Stadt Goslar wurde am 14. August 1951 die zum „Baugebiet auf dem Flugplatz“ führende Straße zwischen Wachtelpforte und Danziger Straße nach ihm benannt: Die Heinrich-Pieper-Straße, die heute an der Hildesheimer Straße beginnt. Ebenso wie die Niederschrift über die gemeinsame Sitzung des Hauptausschusses, des Finanz- und Steuerungsausschusses und des Bauausschusses am 3. Juli 1951 enthält der Beschluss keine Begründung für diese Ehrung und dementsprechend auch keine Auseinandersetzung mit Piepers Biografie.

Pieper war „von je ein aufrechter politischer Kämpfer, der unbekümmert um die Meinung der Masse aus seiner Abneigung gegen den Staat von Weimar und dessen Schleppenträgern kein Hehl machte“ schrieb die GZ zu seinem Tode in ihrer Ausgabe vom 27. Juni 1934.

War Pieper ein Antisemit?

Für eine republikfeindliche Haltung Piepers liegen hinreichende Belege vor. Aber wie steht es um seinen immer wieder behaupteten Antisemitismus? Seinem Hotel wurde „Risches“ (Antisemitismus) nachgesagt, ohne dass der Autor hierzu konkrete Belege fand.

Als die Goslarsche Zeitung am 15. Juni 1920 von einer Anzeige in der Harzburger Zeitung berichtet, nach der „jeder Angehörige jüdischen Glaubens, welcher die Absicht hat, Goslar zu besuchen“ gebeten wird, vorher seine Adresse an ein Schließfach in Goslar zu senden, „um sich keinen Unannehmlichkeiten auszusetzen“ und am folgenden Tag ein Leserbrief richtigstellte, es handele sich nicht um einen Boykottaufruf sondern um die Empfehlung solcher Häuser, in denen Reisende jüdischen Glaubens keinen Belästigungen ausgesetzt seien, reagierte Pieper nicht als besonnener Gastgeber. In einer Zeitungsannonce vom 18. Juni 1920 kritisiert er, dass vor seinem Haus gewarnt werde, zieht ein individuelles Fehlverhalten unnötig in die Öffentlichkeit und betont seine „deutsche Gesinnung“. Verständnis für eine mögliche Betroffenheit jüdischer Gäste zeigt er nicht. Das von Schyga (Seite 8) herausgelesene Hausverbot ist in der Announce allerdings auch nicht zu entnehmen.

Auf Hinweis von Markus Weber, Bad Harzburg, schaute der Autor im Netz in die Zeitung des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und nahm Kontakt mit der Wiener Holocaust Library in London auf.

Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glauben hat in seinen Zeitschriften – bis 1922 „Im deutschen Reich“, ab 1922 „CV-Zeitung“ – regelmäßig, vor allem zur „Saison“ Antisemiten-Listen veröffentlicht, in denen ganze Orte oder einzelne Häuser benannt wurden. Dabei ging es nicht um Diffamierung der Häuser, sondern um den Schutz der jüdischen Bürger. Bei der Durchsicht der Zeitschrift „Im deutschen Reich“ ab 1895, Stichwort Goslar, fand sich der erste Hinweis auf den Achtermann als Hotel mit antisemitischem Charakter im Juli 1921.

Keine Empfehlung für den „Achtermann“

In der CV-Zeitung taucht dieser Hinweis immer wieder auf. In der Ausgabe vom 1. Juni 1928 wird zu Goslar unter „Kurorte und Gasthäuser deren Besuch unseren Freunden nicht anempfohlen werden kann“ das Hotel „Achtermann“ gelistet. Es habe sich „durch Stillschweigen mit der Aufnahme einverstanden erklärt“. Im Heft vom 12. Juli 1929 steht dann jedoch: „Hotel Achtermann ist nicht judenfeindlich.“ Wie es zu dieser Änderung kam, wird nicht deutlich.

In der Wiener Holocaust Library in London existiert nach Rückfrage offensichtlich nur eine Briefdurchschrift, in der eine Beschwerde über das Hotel Achtermann damit beantwortet wird, man habe von antisemitischen Vorfällen im Achtermann gehört, es fehlten aber stichhaltige Belege.

Aufgrund eines Beschlusses des Rates der Stadt Goslar vom 1. Oktober 2024 (Vorlage 2022/252-04) ist u. a. am Straßenschild von Heinrich Pieper eine ergänzende Informationstafel mit QR-Code anzubringen. Die Arbeitsgruppe Erinnerungskultur der Stadt Goslar, in der auch der Geschichtsverein vertreten ist, soll diese vertiefenden Informationen erarbeiten und dem Ausschuss für Weltkulturerbe, Stadtgeschichte und Kultur vorlegen.

  • Haben Sie weiterführende Kenntnisse oder Informationen zu Heinrich Pieper, insbesondere zu seinem Verhältnis zu jüdischen Mitbürgern und Gästen oder zu seinem Familienleben? Hinweise nimmt der Geschichtsverein Goslar gern unter info@gv-goslar.de und telefonisch oder mündlich entgegen!

Dieser Text erschien zunächst in der Ausgabe 19 der Zeitschrift „Stadtgeschichten“ des Goslarer Geschichtsvereins.

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