Warum der Goslarer Dom auch wirklich ein Dom war
Dom St. Simon und Judas, Außenansicht, virtuelle Rekonstruktion von Friedrich Balck im Auftrag des Rotary Club Goslar/ Henning Haßdorf 2000. Foto: Balck
War das ehemalige Gotteshaus neben der Kaiserpfalz nun ein Dom oder nicht? Ein Blick in historische Quellen erklärt, warum der Name „Dom“ berechtigt ist.
Die Unsicherheit ist groß. Hatte Goslar einen Dom – oder doch nicht? Dürfen die Stadtführerinnen und Stadtführer Gäste auf den Parkplatz hinter der Vorhalle führen und behaupten: „Hier stand der Goslarer Dom!“?
Meist schwingen bei dem Wörtlein „Dom“ Anführungsstriche mit. Es klingt so, als ahne man, dass man eigentlich etwas Unkorrektes behauptet. Denn schließlich – so der geläufige Einwand – war Goslar ja keine Bischofsstadt.
Der ehemalige Dom zu Goslar. Lithographie aus dem Heimatmuseum Langelsheim. Künstler und Entstehungszeit sind nicht bekannt. Foto: Privat
Und ein „Dom“, das ist doch bekanntlich eine Bischofskirche – oder?!
Unsicher wird man auch, wenn man die unterschiedlichen Buchtitel analysiert, die in den letzten Jahren über das Gebäude aus dem 11. Jahrhundert erschienen sind. Friedrich Balck bezeichnet den Bau als „Stiftskirche
St. Simon und Judas (Goslarer Dom)“. „Weltliches Kollegiatstift St. Simon und Judas“ heißt er bei Tillmann Lohse, das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege titelt: „Das Reichsstift St. Simon und Judas in Goslar“. Ludwig Christian Bamberg nennt das Gotteshaus im Titel: „Goslarer Dom. Die Stiftskirche Kaiser Heinrichs III.“ und der kürzlich erschienene Band von Günter Piegsa und mir bezeichnet es schlicht als „Der Goslarer Dom“.
Wissenschaftliche Terminologie versus Sprachgebrauch
Zweifellos ist richtig, dass der Bau die Kirche des Kollegiatsstifts war. Lohse definiert dieses als „ein Kollegium von Weltgeistlichen aller Weihegrade, die nicht nach einer Mönchsregel, sondern ohne Gelübde nach eigenen Ordnungen aus dem Stiftungsvermögen ihrer Gemeinschaft leben und zu deren vorrangiger Aufgabe das gemeinsame Stundengebet sowie der feierliche Gottesdienst im Chor der Stiftskirche gehören, weshalb sie auch als Chorherren bezeichnet werden.“
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Goslarer Dom digital: Die Jagd nach dem QR-Code
Da er sich mit seiner Dissertation „im Rahmen einer terminologisch präzisen Untersuchung“ bewegt, vermeidet er ausdrücklich die landläufig gebrauchten Begriffe „Dom“ oder „Domstift“. So sehr das nachvollziehbar ist, so wenig leuchtet die zusätzliche Begründung ein: Das Stift sei bekanntlich nie Kathedralkirche eines Bischofs gewesen.
Was bedeutet „Dom“ eigentlich?
Demnach dürften ausschließlich Bischofssitze „Dom“ genannt werden. Und in der Tat ist etwa der Kölner Dom ein solcher Bischofssitz, eine Kathedrale. Aber ein Dom muss nicht zwingend eine Kathedrale sein. Vielmehr hat das Wort „Dom“ ein deutlich weiteres Spektrum. Von der Wortbedeutung her kommt es aus dem Lateinischen (domus) und heißt erstmal schlicht „Haus“.
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Auf zur Zeitreise: Der virtuelle Goslarer Dom ist freigeschaltet
Mit diesem Begriff werden bereits seit dem 8. Jahrhundert Kirchengebäude von besonderer Bedeutung belegt. Das kann zwar die Tatsache sein, dass sie Bischofskirchen sind, aber mit dem Begriff „domus ecclesiae“ (Kirchenhaus) belegte man auch andere Sakralbauwerke, etwa wenn sie eine besondere Größe, künstlerische Besonderheiten oder einen berühmten Stifter hatten. Wir haben es nicht mit einem kirchenrechtlichen Titel zu tun, sondern mit einer Ehrenbezeichnung.
Historische Quellen sprechen für sich
Ludwig Bamberg bringt es auf den Punkt: „Bald bezeichnete man [in Goslar] seine Stiftskirche mit dem Ehrentitel ‚Dom‘“. Er weist zu Recht darauf hin, dass auch die den Titel „Dom“ tragenden Stiftskirchen von Braunschweig, Wetzlar, Frankfurt/M. oder Xanten keine Bischofskirchen sind. „Den Ehrentitel verlieh weder die Kirche noch das Heilige Römische Reich. Er ‚kam auf‘ - wie auch das Epitheton ‚die/der Große‘ in Anerkennung der jeweiligen Bedeutung.“ Und tatsächlich kann sich die heute gängige Bezeichnung „Dom“ in Goslar bereits auf mittelalterliche Quellen stützen. So werden die Kanoniker in Urkunden aus dem Jahre 1290 als Domherren bezeichnet.
„Münster“, „Stift“, „Dom“ – viele Namen für ein Gebäude
Der Frankenberger Pfarrer und Historiker Johann Michael Heineccius lässt in seinem Geschichtswerk von 1707 die Thematik anklingen, dass es für das berühmte Gebäude unterschiedliche Bezeichnungen gibt. Er referiert gleich zu Anfang der Domgeschichte, dass die Kollegiatskirche gewöhnlich und vorzugsweise „Münster“ genannt wird, ebenso auch „der Dom“, „das Stift“ oder noch anders. Kaiser Heinrich III. nennt in seiner Schenkungsurkunde vom 7. September 1047 das Gebäude schlicht „ecclesia“ (Kirche); in seinen weiteren Urkunden ist von „monasterium“ (Kloster/Münster) die Rede.
Der Begriff „Münster“ für den Goslarer Dom ist aus dem Sprachgebrauch verschwunden. Ursprünglich bezeichnet er den Gebäudekomplex eines Klosters, konnte aber auch auf andere Kirchen übergehen, vorzugsweise auf Bischofskirchen.
Was steckt hinter dem Mythos?
Neues Buch beleuchtet den folgenschweren Abriss des Goslarer Doms
Vielleicht hat sich die Bezeichnung in Goslar nicht gehalten, weil es sich hier weder um einen Bischofssitz noch um ein Kloster handelte. Ein Blick in die Goslar-Literatur zeigt, dass nicht nur die lateinische, sondern auch die deutsche Benennung der ältesten Goslarer Kirche vielfältig ist: „Kerken hilghen Aposteln Simonis und Jude“, „thum“, „munster“, „Thumbkirche“, „Duhmkirche“, „Stiftskirche“, „Reichsstift“, „Kollegiatstift“. Es ist also eine Tatsache, dass die Bezeichnung der Memorialkirche Heinrichs III. von Beginn an sehr vielfältig ist und dass der Begriff „Dom“ dazugehört.
Plädoyer für gewachsene Begrifflichkeit
Statt diese Vielfältigkeit zu problematisieren, sollte man fragen, wie es zu den unterschiedlichen Bezeichnungen kommt, welche Absicht dahintersteckt und welche Bedeutung man dem Gebäude damit zumisst. So sehr das Bestreben verständlich ist, eine „korrekte“ Terminologie bei der Bezeichnung von Gotteshäusern zu entwickeln, um sich in der Wissenschaft verständigen zu können, so sehr sollte auf die lokalen Gebräuche und Sprachmuster geachtet werden, um daraus Schlüsse zu ziehen. Keinesfalls ist eine gewachsene Begrifflichkeit geringer zu werten als eine künstlich konstruierte Einheitlichkeit. Dass heute selbstbewusst vom Goslarer Dom gesprochen wird, sollte ein klarer Hinweis darauf sein, dass das Gotteshaus im kollektiven Gedächtnis nach wie vor einen festen Platz hat.
Um die obigen Fragen zu beantworten: Natürlich darf man Dom sagen – ohne Anführungsstriche. Das hat man quasi von Anfang an so gemacht. Und natürlich hatte Goslar einen Dom. Davon ist noch viel mehr übrig als das, was man heute sieht. Vielleicht kommt das ja irgendwann ans Licht!
Zweihundert Jahre Abwesenheit
Der Goslarer Dom wurde vor zweihundert Jahren abgerissen. Nur die Domvorhalle wurde erhalten. Die Domvorhalle wirkt heute ohne den zugehörigen Kirchenbau, in den sie hineinführte, wie ein Fremdkörper. Jeder spürt: Hier fehlt etwas. Der Dom ist abgebrochen, aber er ist nicht spurlos verschwunden. Der Domplatz irritiert und erinnert so an den „abwesenden“ Dom. Das jüngste Buch der Beiträge zur Geschichte der Stadt Goslar trägt daher folgerichtig den Titel „Der Goslarer Dom. Zweihundert Jahre Abwesenheit“.
Versuche der Sichtbarmachung
Das Bedauern und der Schmerz über den Verlust des Doms führte immer wieder zu Überlegungen, das verlorengegangene Gebäude auf verschiedene Weise sichtbar zu machen. Das Stadtbauamt schlug beispielsweise 1932/33 vor, die Fundamente des ehemaligen Doms (gemeint war der Grundriss) freizulegen.
1969 stellte das Stadtbauamt den Umriss von Dom und Kreuzgang samt Nebengebäuden im Entwurf für den Parkplatz, der auf dem Domplatz den Kasernenhof ersetzte, dar.
Digitale Rekonstruktion: DOM:digital
Zur Weltausstellung im Jahr 2000 machte der Rotary Club Goslar der Goslarer Stadtgesellschaft ein besonderes Geschenk, die virtuelle Rekonstruktion des
Goslarer Doms. Dr. Friedrich Balck, Mitarbeiter am Institut für Physik und Physikalische Technologien der TU Clausthal, übernahm die digitale Aufbereitung. Nun konnte und kann der Dom dreidimensional von außen und innen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden.
Während es um 2000 Balck technisch nur möglich war, einen Rundgang anzubieten ohne die Möglichkeit, selber einzugreifen, ist die Technik zwischenzeitlich fortgeschritten.
Mit dem Projekt „DOM:digital“ hat die Kulturverwaltung der Stadt Goslar nun einen Rundgang entwickelt, der es ermöglicht, auf dem eigenen Smartphone von verschiedenen Standorten aus das Innere der Kirche selbstbestimmt und „rundum“ zu betrachten. Ein 360-Grad-Rundgang ist seit der Vorstellung des Projektes am 15. November 2025, der „Release-Veranstaltung“, auch dreidimensional mit einer Virtual-Reality-Brille möglich.
Domplatz neu gedacht
Und auch am „authentischen Ort“, dem Domplatz, tut sich etwas. Die Stadt Goslar lobte im Jahr 2019 einen Freiraumwettbewerb für die Umgestaltung des heutigen Domplatzes unter dem Titel „Stiftsgarten im Kaiserpfalzquartier“ aus. Der Auslobungstext forderte: „Die Umgestaltung sollte mindestens den Grundriss der Stiftskirche und dessen Kreuzgang thematisieren.“ Dementsprechend entschieden sich die Verfasser von neun der zehn eingereichten Wettbewerbsbeiträge, den Grundriss des Doms wieder sichtbar werden zu lassen. Das Büro nsp christoph schonhoff landschaftsarchitekten Stadtplaner (Hannover) schlug stattdessen vor, einen kreisrunden Ausschnitt der unterirdisch noch vorhandenen Fundamente an die Erdoberfläche zu „zoomen“ und als Tattoo in einem Betonring bodenbündig nachzubilden. Ein „Stab“ soll die ehemalige Höhe des Doms anzeigen – und wohl auch Aufmerksamkeit „erregen“.
Während der Weihnachtsbaum vor dem Reichstag in Berlin die stolze Höhe von 26 Metern erreicht und den Obelisken auf der Place de la Concorde in Paris um 2,50 m überragt, soll der Goslarer Bronzestab 30 Meter erreichen – nichts Neues und nicht so hoch, wie die 200 Meter hohe Stahlnadel, die der ehemalige Mitarbeiter in Heinrich Speers Organisation Todt und spätere Baudezernent von Düsseldorf, Friedrich Tamms, 1979 für den Schauspielhaus-Vorplatz vorschlug – innerhalb eines Runds ansteigender Granitwände.
Kritik am Siegerentwurf
Der vorgeschlagene Betonkreis, zwischenzeitlich leicht vergrößert, tangiert die Domvorhalle unmotiviert und lässt den Westbau und das Paradies des ehemaligen Doms unberücksichtigt. Der Kreis hat kein Zentrum, auf das er verweist, sondern genügt sich selbst. Nahezu alle heute noch auf dem Parkplatz vorhandenen Bäume sollen innerhalb des Kreises fallen, um die Wirkung des Entwurfes nicht zu stören. Bündige Pflasterbänder innerhalb der Wiese werden jedoch aus Augenhöhe kaum wahrnehmbar sein und unverständlich wirken. Und wie Beton altert, lässt sich an den Mauern desselben Landschaftsarchitekten an den Judenteichen begutachten.
Gefährden innerhalb des Betonkreises die Baumwurzeln angeblich die noch vorhandenen Fundamente, ist davon bei der ehemaligen Thomaskapelle an der Einmündung der Wallstraße in die Glockengießerstraße keine Rede. Dabei könnten hier die Fundamente – auch in der Fahrbahn – sichtbar gemacht werden und eine Treppenanlage die von der Wettbewerbsjury gewünschte direkte Verbindung zwischen „Stiftsgarten“ und Kulturmarktplatz ermöglichen.
Sehr zu begrüßen ist der Rückbau der Fahrbahn der Wallstraße auf eine Breite von 5,50 Metern zugunsten eines Gehweges entlang der heutigen Abpflanzung. Großzügig wäre die Wirkung einer einheitlich gepflasterten Mischfläche zwischen Liebfrauenberg und Einmündung Wallstraße. Auf diesem Straßenstück könnte nach Entfall der Parkplatzzufahrt auch über eine Einbahnregelung nachgedacht werden.
Aus Sicht des Geschichtsvereins ist der Rückbau des Parkplatzes auf dem Standort der früheren Stiftskirche Heinrichs III. sehr zu begrüßen. Der den Grundriss des Doms negierende Entwurf des Landschaftsarchitekten Schonhoff kann jedoch nicht überzeugen. Mehr historische Verantwortung ist zu fordern, Visualisierung von Geschichte, nicht kryptische Gefälligkeiten, und Fenster in die Geschichte, die das Vergangene zugänglich machen.
Der Text ist ungekürzt in dem Magazin „Stadtgeschichten“ erschienen, das der Geschichtsverein herausgibt.
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