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Ehrenbürger und Kriegsverbrecher

GZ Plus IconGoslar bezahlt das Begräbnis von Nazi-Führer Richard Walther Darré

Mann in Uniform steht an Rednerpult vor Wand mit großem Adler und Schriftzug 'Blut und Boden'.

Reichsbauernführer Richard Walther Darré während einer Großkundgebung in Goslar Foto: Bundesarchiv

Goslar trauert um einen Ehrenbürger und Kriegsverbrecher: Als Richard Walther Darré 1953 stirbt, kommen Hunderte zum Begräbnis auf den Friedhof Hildesheimer Straße.

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Von Frank Heine
Donnerstag, 04.12.2025, 04:00 Uhr

Goslar. „Richard Walther Darré ist heimgegangen. Die Erde der Stadt, die er als Reichsminister zur Heimat wählte, hat das aufgenommen, was sterblich an ihm war. Hunderte von Goslarern gaben dem Ehrenbürger das letzte Geleit, unter ihnen Oberbürgermeister Grundner-Culemann mit einigen Ratsherren und Oberstadtdirektor Schneider ... Pastor Lindemann hatte seinen eben erst in Süddeutschland begonnenen Kuraufenthalt unterbrochen, um dem Verstorbenen seinem Wunsche gemäß den letzten Segen zu erteilen.

Vier Männer arbeiten an einem Holzstapel im Freien vor einer Reihe hoher Nadelbäume.

Begräbnis auf Kosten des Steuerzahlers: Als der Goslarer Ehrenbürger Richard Walther Darré im September 1953 stirbt – erst 2013 erkennt ihm der Rat diese Auszeichnung posthum ab –, heben Arbeiter die schwere Grabplatte an. Foto: Stadtarchiv Goslar

Es sei schwer, sagte der Geistliche, in einem Augenblick des Schmerzes die Liebe Gottes zu erkennen.

Auch der Verstorbene habe schwere Prüfungen durchmachen müssen, seit ihm 1942 die Anerkennung versagt wurde. Selbst nach dem Kriege sei es ihm nicht erspart geblieben, fünf Jahre in Lager und Gefängnishaft zu verleben.“

Karriere in Hitlers SS

Was die GZ am 10. September 1953 so huldvoll über das Begräbnis des einstigen Reichsbauernführers und Nazi-Ministers berichtete, scheint mit dem Wissen von heute kaum vorstellbar.

Das Wort 'darre' in gotischer Schrift auf einer steinernen Oberfläche.

Wappen und Namenszug zieren das Grab bis heute – wenn auch inzwischen in einem stark verwitterten Zustand. Foto: Stadtarchiv Goslar

Ja, es ging um jenen Darré, der die krude Blut-und-Boden-Ideologie der selbst erklärten Herren-Menschen mitverfasst hatte. Um Darré, der in der SS eine steile Karriere hingelegt und mit deren Chef Heinrich Himmler lange über die Aufzucht einer „reinen deutschen Rasse“ sinniert hatte. Um Darré, der 1942 zwar Adolf Hitlers Gunst verloren hatte, den die alliierten Richter im April 1949 im Wilhelmstraßen-Prozess aber wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Plünderung und Mitgliedschaft in einer verbrecherischen Organisation zu sieben Jahren Haft verurteilt hatten.

Lebensabend in Bad Harzburg

Relief mit einem Schild, darin ein Kreis mit vier spitz zulaufenden Dreiecken, die ein Kreuz bilden.

Das Familienwappen lässt Darré vom SS-Okkultisten „Weisthor“ entwerfen. Foto: Stadtarchiv Goslar

Nur war jener Darré nach einem Jahr aus der Haft vorzeitig freigekommen und lebte anschließend in Bad Harzburg. Nach zweimaliger Leber-Operation starb er am 5. September 1953 in einem Münchner Krankenhaus. Goslar, das er zur Reichsbauernstadt gemacht hatte und wo er wie Hitler Ehrenbürger geworden war, erwies ihm nicht nur die letzte Ehre, sondern zahlte sogar die Kosten für die Beerdigung in Höhe von 335,41 DM. Nicht zuletzt deshalb, weil Darré als einziger Reichsminister in Nürnberg freigesprochen worden sei, wie Dr. Ernst Schulze, der frühere Vorsitzende des Goslarer Entnazifizierungsausschusses, seinerzeit erklärte. Was glattweg gelogen war.

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