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Rätseln und Sagen auf der Spur

GZ Plus IconWelche Geschichten die Glasbilder in Goslars Rathaus erzählen

Buntes Kirchenfenster mit mehreren sitzenden Figuren in mittelalterlicher Kleidung und Kerzen auf einem Tisch

In den Fensterbildern der Ratsdiele werden besondere Momente der Goslarer Geschichte aufgegriffen, hier die Einigung von Stadt und Montanen im Jahr 1290. Foto: Roß

Sagen, Stadtgeschichte, rätselhafte Inschriften: Eine Recherche zeigt, was die Glasfenster auf der Ratsdiele vermitteln und warum sich genaues Hinsehen lohnt.

Von Helmut Liersch Samstag, 07.02.2026, 14:00 Uhr

Die Glasfenster auf der Goslarer Ratsdiele bieten angesichts der Farben und Formen einen prachtvollen Anblick. Da ist so viel zu sehen, dass einem das eine oder andere entgehen kann. Krystyna Lupinska-Schwartzkopff hatte sich das Fenster links neben dem Eingang genauer angeschaut und oben ein verdächtiges Wort entdeckt: „Waffenweihe“.

Geht es hier um Vorbereitung auf den Krieg? Bei dem Glaskünstler Hans Zepter, der die Entwürfe hergestellt hat, muss man schließlich mit allem rechnen: Immerhin hat er auch die Szene mit dem Riechenberger Vertrag geschaffen, ein schwer antisemitisches Produkt und „Aktualisierung“ war geradezu das Programm der von ihm vertretenen expressionistischen Kunstrichtung: Historische Ereignisse wurden mit gegenwärtigen politischen Entwicklungen parallelisiert. Die über Günter Piegsa an mich weitergeleitete Beobachtung ließ mich nicht ruhen – und so startete ich die Recherche. Das Ergebnis: Die Goslarer Rathausfenster zeigen neben vielem anderen auch drei Goslarer Sagen.

Geschenk an Goslar

Die zehn Glasfenster sind ein Geschenk des Hannoverschen Städtevereins. Dieser 1866 gegründete Kommunalverband hatte seine Aktivitäten seit Beginn des Krieges 1914 eingestellt und erst 1921 mit einer Versammlung am 11. April in Hannover wieder aufgenommen.

Man beschloss, den nächsten Städtetag am

24. Mai 1922 in Goslar abzuhalten. In der „Kaiserstadt“ bereitete man sich bekanntlich auf die 1000-Jahr-Feier vor. In diesem Zusammenhang kam es zur Stiftung der Fenster. Offenbleiben müssen allerdings bislang zahlreiche Fragen: Wer hatte die Idee zu diesem Geschenk? Wie wurden die Abstimmung und die Finanzierung unter den beteiligten Städten herbeigeführt? Wer hat das Bildprogramm zusammengestellt? Gab es einen Wettbewerb? Wer hat über die Ausführung der Arbeiten entschieden? Die im Stadtarchiv liegenden Protokolle des Städtevereins und die Akten des Bauamtes geben darüber keine Auskunft.

Einbau erfolgte erst 1929

Der Einbau erfolgte erst 1929. Der Goslarer Historiker Professor Wilhelm Wiederhold (1873–1931), Lehrer am Ratsgymnasium und seit 1914 Archivar der Stadt, empfiehlt nach erfolgtem Einbau in einem Vermerk vom 27. Juli 1929 an den Magistrat, für einige Stunden eine abendliche Beleuchtung auf der Ratsdiele zu veranstalten, „um der Bürgerschaft das unzweifelhaft sehr festliche Bild zu zeigen“ – so wie es sich vom Marktplatz her bietet.

Der Künstler und die ausführende Firma

Hans Christian Zepter (1878–1966) soll bei Franz von Stuck (1863–1928) in München studiert haben. Er arbeitete für das Anfang der 1920er-Jahre gegründete Kölner Institut für religiöse Kunst, das große Kirchenausmalungen im expressionistischen Stil betreute. Zepter fertigte Kriegsgedächtnisbilder und malte 1934–1937 die Kölner Severinskirche und 1924 bis 1928 die Kölner Kirche St. Peter aus, heute bekannt als „Kunst-Station“. Ob Zepter die antisemitischen Figuren im Goslarer Riechenberg-Fenster konzipiert oder „nur“ ausgeführt hat, muss angesichts der Quellenlage offenbleiben. Die ausführende Firma war G. Deppen & Söhne in Osnabrück.

Die thematischen Inhalte der Glasfenster

Auf den zehn Scheiben wurden vor allem zwei Themenbereiche untergebracht. Zum einen sind (die?) Mitglieder des Hannoverschen Städtevereins mit Namen und Wappen dargestellt. Die je zwei Süd- und Nordfenster zeigen in jeweils acht Feldern je einen Städte- bzw. Körperschaftsnamen samt -wappen, insgesamt also 32, darunter auch Goslar.

Der Goslarer Adler ziert zusätzlich die Rosette im nördlichsten Ostfenster. Weitere zwölf Namen sind auf den Maßwerkrosetten der östlichen Fenster drei bis sechs untergebracht, in Fenster Ost zusätzlich ein Wappen mit weißem Pferd auf rotem Grund (Provinz Hannover). Auffällig ist, dass einige Ortsnamen mehrfach auftauchen (Hildesheim und Osnabrück dreimal, Hannover zweimal). Die Verteilung der Namen scheint sich grob am Alphabet zu orientieren: Im Süden beginnen die Orte mit den Buchstaben A bis G, im Norden mit G bis P. Die Ortsnamen in den Rosetten der Ostfenster dürften sich (teilweise?) auf Gebietskörperschaften beziehen.

Schwarz-weiße Linienzeichnung eines rechteckigen Grundrisses mit Beschriftungen der Himmelsrichtungen und Fenstern an den Seitenwänden

Grundriss der Däle im Goslarer Rathaus mit Fensterkennzeichnung durch den Verfasser.Der Grundriss ist entnommen aus Hans-Günther Griep: „Goslar. Der Marktbezirk“, Goslar 1989, Seite 12. Foto: Griep

Auf den zentralen Feldern der Fenster Ost 1 bis 6 sind Szenen aus der Goslarer Geschichte dargestellt; dabei gehören die linke und die rechte Bahn jeweils thematisch zusammen. Auf den unteren Feldern werden die gezeigten Ereignisse schriftlich erläutert, wobei die wechselnden Schriftarten wohl die Veränderungen im Laufe der Jahrhunderte andeuten sollen. Die Szenen tragen jeweils eine Jahreszahl; das älteste Datum steht rechts (in der Nähe des Eingangs), nach links hin geht es näher zur Gegenwart. Die Szenen im Einzelnen: Ost 6 Gründung Goslars 922; Ost 5 Ratsverfassung 1219; Ost 4 Einigung von Stadt und Montanen 1290; Ost 3 Stadtbefestigung 1500; Ost 2 Riechenberger Vertrag 1552; Ost 1 Übergabe der Reichsstadt an Preußen 1802. Die Fenster Nord 1, Nord 2 und Ost 2 tragen in der Rosette Goslarer Familiennamen samt jeweiligem Wappen: „Cramer von Claussbruch“, „Siemens“ und „Familie von Volckmar“. Vielleicht sind hier Spenden der betreffenden Familien der Hintergrund.

Die drei Goslarer Sagen

Wenig bis gar nicht bemerkt wird ein weiterer Themenkreis, der neben Städten, Wappen, historischen Ereignissen und Familiennamen auf den Fenstern untergebracht wurde. Die beiden rundbogigen Fenster links und rechts von der Außentür, also Süd 1 und Süd 2, zeigen in den jeweils zwei Kleeblattabschlüssen insgesamt drei Goslarer Sagen. Soweit ich sehe, werden diese Details in der einschlägigen Goslar-Literatur älteren und neueren Datums weder abgebildet noch erwähnt.

Angesichts fehlender Archivalien lässt sich bisher nicht eindeutig sagen, aus welcher Quelle diese Glasmalereien schöpfen. Allerdings liegt die Vermutung nahe, dass man sich bei der Auswahl von zwei der Erzählungen an dem kleinen von Th. Asche verfassten Bändchen „Sagen von Goslar“ orientierte, das Julius Brumby um 1900 in Goslar herausgegeben hatte.

Zum einen handelt es sich um „DAS MÄNNLEIN AN DER KLUS“. So steht es ausdrücklich auf der Kopfscheibe von Fenster Süd 2 (rechts) auf der linken Seite.

Buntes Kirchenfenster mit zwei bärtigen Männern, einer hält einen Bogen, das Fenster ist dreilappig und von dunklem Stein umrahmt

Episoden aus dem Sagenkreis um Petersberg und Klus werden auf dem Fenster rechts vom Eingang gezeigt. Foto: Roß

In zwei Szenen wird eine Sage aufgegriffen, die am Petersberg spielt. Demnach habe es dort einst zahlreiche Zwerge gegeben, von denen lediglich „ein kleines graues Männlein“ überlebt hatte.

Buntglasfenster mit zwei bärtigen Männern, einer liegt, der andere kniet über ihm

Der Sage nach soll ein „kleines graues Männlein“ einem Bauern am Klusfelsen geholfen haben. Die Szene ist auf einem der Fenster im Rathaus abgebildet. Foto: Roß

Dieses half einem armen Bauern namens Hans, der aus Sudburg stammte und in arge wirtschaftliche Not geraten war. Im Schlaf forderte ihn eine Stimme auf, zur Klus zu gehen und auf Weisung zu warten. Dort schläft er erschöpft ein und wird von einem „kleinen, uralten Männchen mit eisgrauem Bart, im langen, grauen Mantel“ an der Schulter berührt. Diese Szene ist auf der linken Seite dargestellt. Hans erzählt dem Männlein von seiner Not und erfährt von diesem, dass es ebenfalls geträumt habe: Im Garten des Bauern Hans in Sudburg stehe ein alter Birnbaum – und darunter sei ein Goldschatz verborgen. Hans gräbt gemäß der Weisung des Männleins von der Klus und entdeckt schließlich ein kupfernes Gefäß, gefüllt mit Goldmünzen. Diesen freudigen Moment hält Zepter auf der rechten Seite fest; unerkannt schaut das kleine Männlein zu.

Während hier zwei Szenen dargestellt werden, kommen die beiden anderen Sagen mit je einer Scheibe aus. Auf der Rosette der rechten Bahn von Fenster Süd 1 steht: „DAS MARKTBECKEN“. Der Schriftzug ist von unten kaum zu entdecken und daher schwer lesbar. Auch das Bild als solches erschließt sich nicht sofort.

Buntes Kirchenfenster mit abstrakten, geometrischen Formen und Figuren in einem dreiteiligen Maßwerkfenster

Das Goslarer Marktbecken gab von jeher Anlass zu phantasievollen Erzählungen. Foto: Roß

Dargestellt sind oben der Adler auf dem Marktbecken, darunter die beiden Brunnenschalen mit einem Wasserstrahl dazwischen. Von oben rechts her leuchtet der Halbmond. Unten links ist ein zum Boden geneigtes Gesicht mit geschlossenen Augen zu sehen. Außerdem sind zwei tatzenartige Gebilde erkennbar. Asche weiß zu berichten: „Der Sage nach ist das Kunstwerk ein Geschenk des Teufels. Wer mit Sr. Höllischen Majestät ein Geschäft zu erledigen hat, braucht nur um die Mitternachtsstunde dreimal an das Marktbecken zu klopfen und der Teufel erscheint sofort und stellt sich zur Verfügung.“ Ob genau dieser Moment dargestellt ist oder ob nur allgemein der Sagenkreis um das Goslarer Marktbecken aufgegriffen wird, kann hier offen bleiben.

Kaiser Heinrichs Waffenweihe

Besonders aufschlussreich ist der Hintergrund der oben erwähnten Inschrift „WAFFENWEIHE“. Im linken kleeblattförmigen Abschluss von Fenster Süd 1 steht vollständig: „KÖNIG HEINRICHS WAFFENWEIHE“. Dargestellt ist eine schlafende männliche Person mit wallendem Haar.

Buntes Kirchenfenster mit einer Darstellung eines schlafenden Menschen und einem Schwert

Der Blitzschlag im Kaiserhaus im Jahre 1107 wird in der Rosette des linken nördlichen Fensters thematisiert. Foto: Roß

Von rechts oben nach links unten schlägt ein Blitz ein, der ein Schwert berührt. In der Kopfscheibe darunter gibt es den erläuternden und kommentierenden Hinweis: „SO SCHMIEDET. DER HIMMEL HERRN HEINRICH II. DIE WAFFEN.“

Wir haben es hier mit einer Sage zu tun, die im Goslarer Kaiserhaus spielt. Sie ist mit der Person des jungen Königs Heinrich V. verbunden. Bei der Herstellung des Glasfensters dürfte in Unkenntnis der historischen Hintergründe die römische „V“ mit der römischen „II“ verwechselt worden sein, so dass auf der Rathausdiele Heinrich II. mit dem Geschehen in Verbindung gebracht wird. Das Geschehen wird im Jahre 1107 verortet, als Heinrich einen Reichstag nach Goslar einberufen hatte. „Das grosse Universallexikon“, Halle und Leipzig 1735, weiß in Band XII zu berichten: „Gleich wie im ersten Jahre wurde er auch zu Goslar von einem Donnerschlag gerühret, welcher ihn an seiner großen Zehe verwundete, einen Theil von seinem Degen und Schilde wegnahm, welches ihn dergestalt erschreckte, dass er die an seinem Vater begangene Untreue zu bereuen anfing“.

Der spektakuläre Blitzschlag, der den umstrittenen König und seine Waffen getroffen haben soll, regte die Phantasie des romantischen Dichters Gustav Schwab (1792–1850) an, der (1821? / 1830?) daraus ein Gedicht mit 12 Versen à sechs Zeilen erschuf. Schwab ist vor allem durch sein Werk „Sagen des klassischen Altertums“ bekannt.

Der Text ist ungekürzt in dem Magazin „Stadtgeschichten“ erschienen, das der Geschichtsverein herausgibt.

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