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GZ-Serie: Widerstand gegen Hitler (1)

GZ Plus IconGerd und Henning von Tresckow sind Schüler am Goslarer Gymnasium

Schwarz-weiß-Familienporträt mit zwei Kindern, einer Frau und einem Mann in Uniform, die nebeneinandersitzen.

Letztes Familienbild: Auf einem Heimaturlaub lässt sich Gerd von Tresckow 1943 mit Ehefrau Erika und den Töchtern Ingeborg und Mechthild ablichten. Foto: Quelle: https://www.buecherkammer.de/2019/09/25/heimkehr-nach-osteroda

Erster Teil einer GZ-Serie über die Tresckow-Brüder Gerd und Henning, die dem Nazi-Regime Widerstand leisten und Goslarer Wurzeln haben. Familie wohnt auf dem Werderhof.

Von Dr. Otmar Hesse Samstag, 07.03.2026, 04:00 Uhr

Goslar. Gerd und Henning von Tresckow wurden im Kaiserreich geboren, waren im Ersten Weltkrieg Soldaten, erlebten die Weimarer Republik, die Hitlerzeit, dienten als Berufssoldaten im Zweiten Weltkrieg und waren im militärischen Widerstand. Ihr Lebenslauf, besonders der von Henning von Tresckow, wird zeigen, wie aus einem aus einem konservativen, preußisch-protestantisch erzogenen Offizier jemand wird, der konsequent den Widerstand gegen Hitler wagt und auch durch das gescheiterte Attentat vom 20. Juli 1944 gemeinsam mit Claus Schenk Graf von Stauffenberg und den Menschen aus dem politischen und christlichen Widerstand zu einem Vordenker für ein neues Verständnis von Gehorsam und Widerstand in der Bundesrepublik Deutschland wird.

Der Erste Weltkrieg und die Folgen für die Schule

Nach mehreren Kriegserklärungen ist das Deutsche Reich am 4. August 1914 mit Russland, Frankreich und England im Kriegszustand. „4.8.1914 versammelte sich die Schule noch einmal in ihrem vollen Bestande zu gemeinsamer Andacht in der Aula. Noch in derselben Woche wurde die Notreifeprüfung abgehalten, der sich innerhalb der allgemeinen hochgehenden patriotischen Begeisterung sämtliche Oberprimaner sowie die Ostern 1914 in U 1 zurückgelassenen Schüler unterzogen.“ Hans Gidion nennt 1969 in seiner „Geschichte des Ratsgymnasiums Goslar“ anschließend die Namen von 15 Kriegsabiturienten, darunter ist auch der ehemalige Alumnus Buko von Krosigk.

Eine Überprüfung der Listen bei Gidion ergibt, dass es sich nur um die Schüler des Realgymnasiums handelt. Die Kriegsabiturienten aus dem Gymnasium fehlen. Ein Artikel in der GZ vom 5. August 1914 macht bekannt: „Primaner, die in die Armee eintreten wollen oder müssen, erhalten nach kurzer Prüfung das Abitur als Kriegsexamen.“ Außerdem melden sich in den Monaten August bis Oktober noch viele Schüler aus der U I, O II und U II zum Kriegsdienst. Auch vier Lehrer traten gleich zu Beginn des Krieges in das Heer ein: Professor Leimbach, Professor Dr. Kassebaum, Oberlehrer Foeth und Gymnasiallehrer Kerrl. Der Leutnant d. R. Emil Foeth fiel bereits im September 1914 im Infanteriekampf bei Marais.

1919 wird bei beiden als Abiturjahr angegeben

Bei den beiden Brüdern von Tresckow wird als Abiturjahr 1919 angegeben. Wie diese Jahreszahl zustande kommt, lässt sich auch mit den mir vorliegenden Zeugnissen ihres Goslarer Mitschülers Dolezalek erklären. Carl Martin Dolezalek besuchte das Goslarer Realgymnasium von Ostern 1910 bis Juni 1917 und wurde nach der Versetzung in die Oberprima 1917 Soldat. Während des Krieges legte der Gefreite Karl Martin Dolezalek eine Kriegsreifeprüfung in Maubeuge am 7. Oktober 1918 ab. Ihm wurde durch Verfügung des Königlichen Provinzialschulkollegiums in Cassel das Reifezeugnis einer Oberrealschule zuerkannt. Ohne diese Verfügung zu erwähnen, wurde ihm am 18. Mai 1920 vom Realgymnasium zu Goslar mit seinen Noten aus der Unterprima das „Zeugnis der Reife (ohne Prüfung)“ erteilt. Ähnlich wird man auch bei den beiden Tresckows verfahren sein. Bei Gerd, der die Schule nur bis 1915 besucht hatte, und bei Henning, der von 1913 bis Juni 1917 Schüler in Goslar war. Sie werden 1919 als Abiturienten des Realgymnasiums – wie übrigens auch Dolezalek, dessen Urkunde aber erst 1920 ausgestellt ist.

Schlesisches Gut als Familienmittelpunkt

Gerd von Tresckow wird am 21. März 1899 in Lüben in Schlesien geboren. Dort war sein Vater Hermann von Tresckow als Major Führer eines Dragonerregiments. Hermann von Tresckow wird 1908 aus dem Heer als General der Kavallerie verabschiedet und verwaltet das 1883 von seinem Onkel erworbene, 638 Hektar große Gut Wartenberg (heute: Chelm Dolny), das zum Mittelpunkt der Familie wird. Er ist zweimal verheiratet.

Die erste Ehe geht er in Berlin am 8. Dezember 1883 mit Ilse-Anne von Kameke ein. Sie stirbt kurz nach der Geburt von Jürgen und ist die Tochter des preußischen Kriegsministers Georg von Kameke. Mit ihr hatte er die Söhne Hans Hermann und Jürgen. Zum zweiten Mal heiratet Hermann von Tresckow am 16. Juni 1891 wieder in Berlin Marie Agnes Gräfin von Zedlitz-Trützschler. Sie ist die Tochter des Grafen Robert von Zedlitz-Trützschler. Der unter anderem preußischer Kultusminister und Oberpräsident von Posen, von Hessen-Nassau sowie von Schlesien war. Aus dieser Ehe stammen die Kinder Hanna, Gerd, Henning, Marie Agnes und Rüdiger.

Hochzeit mit einem frühen Parteimitglied

Die jüngste Tochter heiratet den 26 Jahre älteren Juristen und preußischen Beamten Dietloff von Arnim, der seit Dezember 1931 Mitglied der NSDAP und später Landesdirektor bzw. Landeshauptmann der Provinz Brandenburg ist. Nach dem Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 wird er am 22. August wegen des Verdachts, von den Attentatsplänen seines Schwagers gewusst zu haben, festgenommen, aber bereits am 8. September wieder „ehrenvoll entlassen“. Er scheidet mit seiner Frau und seiner elfjährigen Tochter Marie Agnes am 3. Mai 1945 vor dem Einmarsch der Russen aus dem Leben.

„Beide Eltern waren geborene Preußen, aber als Patrioten bekannten sie sich zu Bismarcks Reich“, schreibt Bodo Scheurig 1975 als früher Biograf von Henning von Tresckow („Ein Preuße gegen Hitler“). Zudem waren sie gläubige protestantische Christen.

Kindheit und Jugend auf Gut Wartenberg

Gerd von Tresckow wächst mit seinen Geschwistern auf dem Gut Wartenberg auf. Besonders eng verbunden ist er mit seinem jüngeren Bruder Henning, mit dem er gemeinsam von einem Hauslehrer unterrichtet wird. Die Familie verlässt Wartenberg nur selten. Eine längere Reise führt die ganze Familie nach Goslar; denn dort heiratet am 25. September 1912 im Werderhof der Halbbruder von Gerd und Henning, Jürgen von Tresckow, seine Hedwig („Hete“) von Werder.
Eingangstor mit Schild ‚Werdehof‘ an einem historischen Gebäude mit Bäumen und gepflastertem Hof

Der Werderhof ist ursprünglich als Kaserne für die Wächter Teil des ehemaligen Stadttores von Goslar, das aus der Mitte des 15. Jahrhunderts stammt. In jüngerer Vergangenheit hat es lange als Gästehaus für die Firma H.C. Starck gedient. Seit mehr als einem Jahrzehnt ist dort das Ameos-Klinikum Goslar als zentrales Fachzentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie im Landkreis Goslar untergebracht. Foto: Schenk (Archiv)

Im Werderhof wohnen Tante und Onkel der beiden älteren Brüder von Gerd und Henning von Tresckow. Die jüngere Schwester ihrer Mutter, Margarethe von Kameke, heiratete als Witwe des 1896 verstorbenen Grafen Hans von Werder am 25. März 1898 in Berlin den ebenfalls verwitweten General Albert von Werder. Er erwarb 1910 vor seinem Ruhestand das Anwesen am Breiten Tor als Ruhestandssitz. Er war dort bis zum Adressbuch 1936 gemeldet. Durch die zweite Ehe zogen mit ihm und seiner Ehefrau auch die drei Kinder Hans Georg, Fritz und Agnes ein. Unter den Abiturienten im Goslarer Gymnasium werden 1919 auch die Brüder Hans und Fritz von Werder geführt.

Gerd von Tresckow wohnt zur Zeit der Hochzeit seines Halbbruders schon in Goslar. Vermutlich hat er Wartenberg 1911 verlassen, um das Loccumer Alumnat in Goslar und das Goslarer Realgymnasium zu besuchen. Für Henning ist die Hochzeit sein erster Besuch in Goslar. Als Henning zu Ostern 1913 nach Goslar in das Alumnat kommt, sind die beiden Brüder wieder für zwei Jahre zusammen. Der brüderliche Kontakt kann vertieft werden. Gerd von Tresckow verlässt nach dem Notabitur 1915 Goslar, um Soldat zu werden. Henning hält es nicht mehr im Alumnat, er zieht in ein Goslarer Privatquartier.
Große Menschenmenge mit uniformierten Soldaten in einer historischen Straßenparade zwischen mehrstöckigen Gebäuden

Marsch in den Ersten Weltkrieg: Am 19. September 1914 ziehen Kriegsfreiwillige des Reserve-Jäger-Bataillons 23 durch Goslar. Ziel ist zunächst der Truppenübungsplatz Ohrdruf in Thüringen. Foto: Theda Behme aus Goslarer Fotoalbum von Friedhelm Geyer (Repro: Schenk)

Als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg

Gerd von Tresckow tritt als 17-Jähriger 1915 freiwillig in das 1. Garderegiment der preußischen Armee ein. Er wird Leutnant und Führer der 1. Kompanie. Im August 1918 gerät er bei Crécy-au-Mont im Département Aisne in französische Kriegsgefangenschaft. Es hatte eine alliierte Gegenoffensive von Juli bis Oktober 1918 in diesem Gebiet gegeben. Die Deutschen hatten große Verluste und mussten dieses Gebiet verlassen.

Nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft beginnt Gerd von Tresckow 1920 eine landwirtschaftliche Lehre bei seinem Verwandten Hans von Wedemeyer auf Gut Pätzig bei Königsmark in der Neumark. Anschließend arbeitet er als Landwirt in Klein Bielen bei Penzlin. Gerd heiratet am 4. Juni 1925 in Stettin Cornelia Martha Helene von Köller. Die Ehe, aus der die beiden Töchter Marie Agnes und Marie-Elisabeth stammen, wird 1935 geschieden. Eine zweite Ehe geht er am 15. Mai 1936 mit der Medizinerin Gräfin Erika von Schlieffen ein. Sie haben gemeinsam drei Töchter: Ingeborg, Mechthild und Anna. 1935 kann Gerd sich mit dem Kauf des Gutes Osteroda (Landkreis Elbe-Elster) einen Traum verwirklichen und zieht mit seiner zweiten Frau Erika und den Töchtern dorthin. Er bewirtschaftet das Gut und liebt die Jagd. Nach seinem Eintritt in die Reichswehr 1937 verwaltet seine Frau Erika das Gut, das nur geringe Erträge hat. Als 1940 ein Feuer ausbricht, verkauft die Familie das Gut und zieht nach Falkenwalde.

Frühe Skepsis gegenüber den Nationalsozialisten

Während Henning seine militärische Karriere im Blick hat, sieht Gerd die Nationalsozialisten schon im Frühjahr 1934 kritisch. Er attestiert ihnen eine „elende undeutsche und ganz und gar unpreußische Reklame und Großmäuligkeit“. Gerd hatte auch einen „antichristlichen Grundton“ in der nationalsozialistischen Bewegung entdeckt und ihren „Mangel an Demut vor dem Höheren“ bemängelt. Henning sieht das noch nicht so. Aber schon im Juni 1934 tauchen durch die von Hitler am 30. Juni 1934 angeordnete Mordaktion am SA-Chef Ernst Röhm und anderen Rivalen auch bei ihm die ersten ernsthaften Zweifel auf.

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