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GZ-Serie: Widerstand gegen Hitler (2)

GZ Plus IconTreschow-Brüder halten bis zum Tod Verbindung zur Goslarer Schule

Junger Mann in Anzug mit verschränkten Armen sitzt vor dunklem Hintergrund

Welch eine Aufnahme: Das Foto zeigt Henning von Tresckow als Schüler im Jahr 1916 am Realgymnasium, wie das Ratsgymnasium seinerzeit noch hieß. Autor Hesse hat es bei Sigrid Grabner und Hendrik Röder, die 2001 Texte und Dokumente zu Henning von Tresckow herausgegeben haben, gefunden. Foto: Aus Grabner/Röder

Zweiter Teil der GZ-Serie: Gerd von Tresckow schneidet sich nach Folter die Pulsadern auf und stirbt. Henning macht 1917 sein Notabitur am Ratsgymnasium.

Von Dr. Otmar Hesse Sonntag, 15.03.2026, 14:00 Uhr

Goslar. Im Jahr 1937 tritt Gerd von Tresckow trotz seiner Gegnerschaft zum Nationalsozialismus wieder in die Reichswehr ein und wird als Hauptmann in der Infanterieschule in Döberitz tätig. Er bringt im August 1939 seinen Bruder mit Fabian von Schlabrendorff in Verbindung. Henning kannte ihn bis dahin nicht und wusste auch nicht, dass die Frau Schlabrendorffs, Luitgarde von Bismarck, die Enkelin von Ruth von Kleist-Retzow war, der älteren Schwester seiner Mutter, also eine „Cousine“ der Brüder von Tresckow.

Im Sommer 1944 ist der Oberstleutnant Gerd von Tresckow in Italien stationiert. Nach dem 20. Juli 1944 offenbart er seinem Vorgesetzten General Joachim Witthöft die Mitwisserschaft an der Verschwörung. Er wird am 27. Juli in Bologna verhaftet, in das Zellengefängnis Berlin Lehrter Straße gebracht und dort von Mitarbeitern des Reichssicherheitshauptamtes gefoltert. Am 6. September versucht er, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Er stirbt aber aufgrund einer Vorschädigung. Der Familie wird die Bestattung des Leichnams untersagt.

„Wunderbare Freundschaft“ zwischen zwei Brüdern

Es ist schwierig, sich über Gerd von Tresckow ein eigenes Bild zu machen, weil die Nachrichten über ihn vorwiegend aus Texten stammen, die sich mit seinem jüngeren Bruder Henning beschäftigen. So stammt auch der folgende Text von seiner Schwägerin, der Frau Hennings. Erika von Tresckow schreibt: „Aus der fröhlichen Jugendkameradschaft mit Gerd erwuchs eine lebenslängliche, wunderbare Freundschaft, wie man sie selten unter Brüdern findet. Sie ergänzten sich jeder auf seine besondere Art. Gerd, ruhig und bedächtig, ein wenig linkisch oft im Umgang mit Menschen und mit Verlegenheit kämpfend, bewunderte den jüngeren Bruder, der, weniger schwerblütig, mit scheinbar müheloser Gewandtheit die Dinge des Lebens meisterte. Henning dagegen liebte Gerds graden und klaren Charakter, der unbeirrbar seinen Weg ging und dessen Verlässlichkeit und Treue sich immer bewährte.“ Hier spielte „Gerds schon sehr frühzeitig ernst genommenes und bewusstes Christentum“ eine große Rolle.

Frauen und Männer der Familie im Widerstand

Henning von Tresckow war der „Kopf“ des militärischen Widerstands. Der 20. Juli 1944 war keineswegs als ein Attentat einzelner, vor allem adliger Offiziere gedacht, sondern als ein Staatsstreich geplant, an dem Vertreter aus dem sozialdemokratischen, dem christlichen und dem Widerstand einzelner aus Verwaltung, Politik und Diplomatie beteiligt waren. In der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte wurde der 20. Juli politisch „instrumentalisiert“ und schließlich zu einem Stauffenberg-Attentat hochstilisiert. Es waren keineswegs nur Männer im Widerstand aktiv, es gab auch die „Frauen des Widerstands“, wie es sich schon in der Familie Henning von Tresckows zeigt: Seine Frau Erika von Tresckow arbeitete aktiv mit ihrem Mann zusammen, und seine Tante Ruth von Kleist-Retzow, geborene Gräfin von Zedlitz-Trützschler, die ältere Schwester seiner Mutter, war im christlichen Widerstand. Während an Claus Graf von Stauffenberg, die „deutsche Heldengestalt“, auch viele Filme erinnern, wird Henning von Tresckow oft nur als dessen Wegbegleiter erwähnt. Er hat in den „Stauffenberg“-Filmen nur eine Nebenrolle. Es gibt eine jährlich wachsende Literatur über Stauffenberg. Ulrich Schlie schreibt 2018 in seiner Stauffenberg-Biographie sogar ein Kapitel „Wegweiser durch die Stauffenbergliteratur.“ Aber er nennt Henning von Tresckow eine Hauptfigur des Widerstands: „Stauffenbergs Entschluss zur Tat, Staatsstreich und Attentat, ist ohne das Zusammenwirken mit Henning von Tresckow und anderen gar nicht denkbar.“

Über Henning von Tresckow gibt es vor allem eine Biographie von Bodo Scheurig , die in ihren Anfängen auf das Jahr 1973 zurückgeht. Scheurig beharrte viele Jahre auf seinem Deutungsanspruch; andere Meinungen und Veröffentlichungen über von Tresckow akzeptierte er kaum. Eine biographische Skizze über den Goslarer Alumnus und Schüler Henning von Tresckow wird sich anfangs genauer mit dem Goslar-Bezug der Brüder von Tresckow beschäftigen, dann aber mit seinem weiteren Leben und seiner Rolle im Widerstand.

Familie, Kindheit und Schulbesuch in Goslar

Der in Magdeburg am 10. Januar 1901 geborene Henning von Tresckow wuchs mit seinen Geschwistern auf dem von seinem Vater 1883 geerbten Gut Wartenberg in der Neumark auf. Seine Familie gehörte zum „besitzenden“ preußischen Adel. Henning besuchte zunächst die Elementarschule in Stettin. „Als die Familie 1908 endgültig nach Wartenberg übersiedelte“, wurden Gerd und Henning von Tresckow von einem jungen Theologen, dem Kandidaten Zuckschwerdt, auf dem Gut unterrichtet. Kannten die Eltern von Tresckow damals das Werbeblatt für die beiden Loccumer Alumnate? Oder haben sie ihre seit 1912 in Goslar wohnenden Verwandten von Werder darauf aufmerksam gemacht? Für dem Schulabschluss wurden jedenfalls beide Söhne nach Goslar in das Loccumer Alumnat geschickt. Goslar hatte Henning schon 1912 kennengelernt, als sein älterer Halbbruder Jürgen von Tresckow im Werderhof in Goslar heiratete. Henning wird zu Ostern 1913 im Alumnat aufgenommen.

Deutsch, Englisch, Französisch als Lieblingsfächer

Als die Brüder Gerd und Henning aus ihrem heimatlichen Wartenberg nach Goslar ziehen mussten, hatten sie oft Heimweh. Es wird ihnen ähnlich ergangen sein wie vielen Mitschülern. Scheurig berichtet, dass der Ruf des Goslarer Gymnasiums umstritten war, und gibt eine Meinung wider, dass Goslar eine „Bildungsstätte für den ‚des Lesens und Schreibens unkundigen Adel‘“ gewesen sei. Fügt aber an: „Eher neigten manche Pädagogen dazu, die künftigen ‚Spitzen der Gesellschaft‘ besonderen Anforderungen auszusetzen“. Henning von Tresckow wählte Deutsch, Englisch und Französisch zu seinen Lieblingsfächern und glänzte im Sport und Turnen. Er schwärmte für Löns, entdeckte Rilke.

Nach Gerds Abschied aus Goslar verließ Henning 1915 das Alumnat und zog in die Privatpension einer Frau Warnecke, mit der er gelegentlich Auseinandersetzungen hatte, weil er den „feinen Mann“ spielte. Er hatte Kontakte zur Familie des Kommandeurs der Goslarer Jäger: Hans Petersen stand der Einheit vom 2. August bis Oktober 1914 und wohnte mit seiner Familie in der Wislicenusstraße 17. Hier ging „Henning wie ein Sohn aus und ein und fand an dem dortigen Geschwisterkreis etwas Ersatz für den eigenen“. „In diese Zeit fällt seine erste große Liebe, die lange Jahre sein Herz bewegte und ausfüllte“ Es war das blonde Annchen. Ein zweites Zuhause fand er im Werderhof bei seinen Verwandten. Henning machte sein Notabitur 1917.

Bis zum Tod im Ehemaligenverein

Beide Brüder Gerd und Henning gingen nur je vier Jahre in Goslar auf das Realgymnasium. Aber sie hielten bis zu ihrem Tod die Verbindung zu ihrer Schule, wie die Adressenlisten des Ehemaligenvereins zeigen. Als Henning die Schule verlässt, hat er im Alumnat die elterliche Erziehung bestätigt gefunden. Ich nenne sie: protestantisch-preußisch. Es ist für ihn selbstverständlich, seinem König und Kaiser im Krieg zu dienen. Als Person hat sich Henning zu einem Menschen entwickelt, der kontaktfreudig und eigenständig ist. Man möchte gerne wissen, wie der Inspektor des Alumnats auf seinen Auszug reagiert hat. Konservativ einerseits, andererseits mit sechzehn Jahren erstaunlich selbstbewusst und unangepasst zieht er in den Krieg.

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