Langelsheimer müssen Gärten auf dem Gelände der Synthomer räumen
Die Gartenpazellen am Lerchenkamp müssen die Nutzer räumen. Sie befinden sich auf dem Gelände der Firma Synthomer, deren Gebäude im Hintergrund in den Himmel ragt. Foto: Heinemann
Seit fast 40 Jahren gibt es die Gartenparzellen auf dem Synthomer-Gelände in Langelsheim. Nun sollen sie bis Jahresende geräumt werden – auf eigene Kosten.
Langelsheim. An einem Sommerabend im Garten sitzen, die Sonne langsam hinter den Bäumen verschwinden sehen, das Rascheln der Blätter hören – für viele der Nutzer der Gartenparzellen am Lerchenkamp war das über Jahrzehnte hinweg selbstverständlich. Doch in diesem Jahr liegt über den kleinen Gärten ein Schatten. Denn spätestens zum Jahresende sollen sie geräumt sein. Komplett. Auf eigene Kosten.
Die elf Gartenparzellen liegen auf dem Gelände der Firma Synthomer in Langelsheim. Seit fast 40 Jahren werden sie genutzt – ohne Pacht, ohne Wassergebühren, ohne formellen Vertrag. Was lange ein stillschweigendes Nebeneinander von Industrie und Freizeit war, endet nun abrupt.
Herz reingesteckt
Frank Gerecke ist einer der Betroffenen. Seit 2007 nutzt er gemeinsam mit seiner Schwägerin einen der Gärten. „Wir haben hier unglaublich viel Zeit, Geld und Liebe investiert“, sagt er. Über die Jahre seien Hütten entstanden, Beete angelegt, Wege gepflastert. Ein Ort zum Abschalten, ein zweites Zuhause im Grünen.
Jetzt sollen all diese Spuren verschwinden. Die Gartennutzer müssen die Parzellen vollständig zurückbauen – inklusive aller baulichen Anlagen. Die Kosten tragen sie selbst. „Die Art und Weise können wir einfach nicht nachvollziehen“, sagt Gerecke. Die Enttäuschung sitzt tief.
Besonders bitter: Selbst jetzt, wo der Frühling bald beginnt, stellt sich die Frage, ob sich das Gärtnern überhaupt noch lohnt. Man sitzt im Sommer vielleicht im Garten, aber immer mit dem Gedanken im Kopf: Alles, was du hier noch machst, musst du bald wieder wegreißen. Die Freude wird dadurch genommen.Urteil des Oberverwaltungsgericht
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Entscheidung aus Sicherheitsgründen
Synthomer begründet die Entscheidung mit verschärften sicherheitsrechtlichen Anforderungen an Produktionsstandorte der chemischen Industrie. In einem Schreiben an die Gartennutzer heißt es, die Gärten lägen zu nah an den Produktionsstätten. Sowohl die regulatorischen Vorgaben als auch die Risikobewertungen hätten sich in der Branche in den vergangenen Jahren deutlich verschärft. Eine private Nutzung sei unter den heutigen regulatorischen Rahmenbedingungen nicht mehr verantwortbar.
Auf Nachfrage erklärt Werkleiter und Geschäftsführer Oliver Sedello, dass ein fortgesetzter physischer Zugang zum Werksgelände durch externe Personen nicht mehr mit den erforderlichen Sicherheits- und Schutzstandards vereinbar sei. Die Entscheidung betreffe ausschließlich die Gartenparzellen innerhalb des umzäunten Werksgeländes.
Die Nutzer seien am 6. Januar 2026 in einer gemeinsamen Versammlung informiert worden. Als Übergangsfrist wurde ihnen Zeit bis zum 15. Dezember 2026 eingeräumt. Bis dahin stellt Synthomer das Grundstück sowie Strom und Nutzwasser weiterhin kostenfrei zur Verfügung. „Wir sind uns bewusst, dass die Gartenparzellen über viele Jahre genutzt und geschätzt wurden, und wir verstehen, dass diese Entscheidung für die Betroffenen eine erhebliche Veränderung bedeutet“, sagt Sedello.
Keine Verträge, keine Entschädigung
Ein zentraler Punkt: Die Gärten wurden über Jahrzehnte ohne formellen Nutzungsvertrag betrieben. Aus Sicht des Unternehmens bedeutet das, dass alle baulichen Anlagen auf eigenes Risiko errichtet wurden – und der Rückbau folgerichtig ebenfalls in der Verantwortung der Nutzer liege. Eine finanzielle Unterstützung oder Entschädigung ist nicht vorgesehen.
Genau das sorgt bei den Betroffenen für Wut und Fassungslosigkeit. Viele von ihnen haben über Jahrzehnte darauf vertraut, dass das geduldete Nebeneinander Bestand hat. „Dass es jetzt einfach heißt: Räumt alles weg – und zahlt es selbst, das fühlt sich unfair an“, sagt Gerecke.Jahresrückblick Goslar
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Geschockt und sprachlos
Die Nutzer der elf Parzellen seien geschockt, heißt es aus dem Kreis der Betroffenen. Mehrere erwägen rechtliche Schritte, weshalb derzeit kaum jemand öffentlich sprechen möchte. Die Unsicherheit ist groß: Was passiert, wenn jemand den Rückbau finanziell oder körperlich nicht stemmen kann? Auch dazu gibt es bislang keine konkreten Antworten.
Fragen werfen zudem die angrenzenden Wohnhäuser auf, die sich in unmittelbarer Nähe des Werksgeländes befinden. Synthomer betont, dass diese nicht auf Firmengelände stehen und daher nicht Teil der aktuellen Abwägung seien. Eine Gefährdung der Wohnbebauung sieht das Unternehmen nicht.
Für die Gartennutzer fühlt sich das alles dennoch wie ein Abschied auf Raten an. Noch dürfen sie ihre Beete pflegen, noch stehen die Gartenstühle draußen. Doch jeder Handgriff ist begleitet von der Frage: Lohnt sich das noch? Eigentlich sollte ein Garten ein Ort sein, an dem man zur Ruhe kommt. Jetzt ist er ein Ort, der ständig daran erinnert, dass er bald weg ist.
Was bleibt, ist das Gefühl, dass etwas verloren geht, das über Jahrzehnte gewachsen ist – leise, unscheinbar, aber für viele von großer Bedeutung. Ob die juristische Klärung noch etwas daran ändert, ist offen. Sicher ist nur: Für diese Gärten tickt die Uhr.
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