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Kabelbrand in Berlin und die Folgen

GZ Plus IconWie sicher ist das Stromnetz in der Harz-Region?

Das Foto zeigt Überland-Stromleitungen auf stählernen Strommasten, die dicht an dicht stehen.

Das Stromnetz gehört zur kritischen Infrastruktur. Oberirdische Leitungen, wie hier das Hochspannungsnetz, können nicht zu 100 Prozent geschützt werden. Foto: Federico Gambarini/dpa

In Berlin waren Zehntausende Haushalte fünf Tage ohne Strom. Kann das auch in der Harz-Region passieren? Die GZ hat bei Harz-Energie nachgehakt.

Von Jörg Kleine Freitag, 16.01.2026, 04:00 Uhr

Goslar/Osterode. Fünf Tage waren Zehntausende Wohnungen und Geschäfte im Südwesten der Hauptstadt Berlin ohne Strom – und damit auch ohne Heizung bei frostigen Temperaturen. Ursache war ein Brandanschlag auf oberirdisch verlaufende Kabel. Kann so etwas auch in der Harz-Region passieren? Wie viele Kilometer Stromleitungen verlaufen hierzulande über der Erde? Was sind die Lehren aus dem herben Schlag in Berlin? Und wie können sich Verbraucher und Unternehmen wappnen? GZ-Chefredakteur Jörg Kleine hakte nach bei Jens Steinhoff, Geschäftsführer bei der Harz-Energie Netz GmbH.

Zehntausende Haushalte und Unternehmen waren im Südwesten von Berlin tagelang ohne Strom wegen Brand-Sabotage an einer Kabelbrücke, die über der Erde verläuft. Kann so etwas auch im Gebiet von Harz-Energie passieren?

Das Foto zeigt Jens Steinhoff mit dunkler Brille, weißem Hemd und blauem Sakko.

Jens Steinhoff ist seit Oktober 2025 Geschäftsführer bei der Harz-Energie Netz GmbH. Foto: Harz-Energie



Anschläge auf die Energieinfrastruktur lassen sich grundsätzlich nie vollständig ausschließen – das gilt bundesweit. Gleichzeitig sind die Netze der Harz-Energie anders strukturiert als das betroffene Gebiet in Berlin. Unser Stromnetz ist nach dem international anerkannten N-1-Standard ausgelegt. Das bedeutet: Fällt ein einzelnes Betriebsmittel – etwa eine Leitung oder ein Transformator – aus, kann die Versorgung über alternative Wege aufrechterhalten werden. Darüber hinaus setzen wir auf technische Schutzmaßnahmen, regelmäßige Kontrollen und Sicherheitsbetrachtungen in der Netzplanung, um Risiken frühzeitig zu erkennen und die Versorgungssicherheit hoch zu halten.

Insbesondere das Stromnetz gehört zur kritischen Infrastruktur. Wie groß ist das Stromnetz von Harz-Energie?

Das Stromnetz der Harz-Energie umfasst 6556 Kilometer Leitungen und verteilt sich über den Harz und das Harzvorland. Damit versorgen wir Haushalte, Unternehmen und kommunale Einrichtungen in einer überwiegend ländlich geprägten Region.

Wie verteilt sich das auf die unterschiedlichen Spannungsebenen – also Höchstspannung fürs Überlandnetz, Hochspannung für die Region, Mittelspannung für die Ortsverteilung und schließlich Niederspannung für die Stromleitungen in die Haushalte?

Von den insgesamt 6556 Kilometern Stromleitung verteilen sich 151 Kilometer auf die Hochspannung, 1718 Kilometer auf die Mittelspannung und 4687 auf die Niederspannung, über die Haushalte direkt versorgt werden. Höchstspannungsleitungen betreiben wir nicht. Diese Ebene liegt in der Verantwortung der überregionalen Netzbetreiber. Unser Fokus liegt auf der sicheren regionalen Verteilung des Stroms bis zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern.

Wie viele Kilometer von den Stromleitungen verlaufen oberirdisch?

Acht Prozent unserer Stromleitungen verlaufen als oberirdische Leitungen, vor allem in ländlichen und bewaldeten Gebieten. Oberirdische Leitungen sind dort häufig wirtschaftlicher und ermöglichen im Störungsfall eine schnellere Reparatur. In sensiblen oder dicht besiedelten Bereichen setzen wir dagegen verstärkt auf erdverlegte Kabel.
Das Foto zeigt 14 Bauarbeiter vor der Kabelbrücke in Berlin bei der Notreparatur.

Notreparatur nach dem Anschlag auf eine Kabelbrücke in Berlin: Zehntausende Menschen im Südwesten der Hauptstadt sind tagelang ohne Strom. Foto: Britta Pedersen/dpa

Gibt es auch im Netz von Harz-Energie solche empfindlichen Kabelbrücken wie in Berlin?

Kabelbrücken in der Größenordnung und Bündelung wie im Berliner Fall gibt es im Netz der Harz-Energie nicht. Unser Netz ist kleinteiliger und dezentraler aufgebaut. Kritische Netzpunkte sind so ausgelegt, dass bei Störungen alternative Versorgungswege genutzt werden können.

Wir hatten zuletzt Wintertage wie lange nicht mehr. Vor 20 Jahren erlebte das Münsterland ein eisiges Chaos, als 82 stählerne Strommasten knickten oder zusammenbrachen? Wäre das heute auch in der Harz-Region noch möglich?

Lang anhaltende Frostperioden können bei Freileitungen grundsätzlich zu hohen mechanischen Belastungen führen. Damals waren im Münsterland Masten umgeknickt, die aus sogenanntem Thomas-Stahl gefertigt waren. Dieser Masttyp wurde daraufhin deutschlandweit ausgetauscht. Seit dem Ereignis vor 20 Jahren wurden umfangreiche technische sowie organisatorische Maßnahmen umgesetzt. Dazu gehören neben einer verbesserten Auslegung der Leitungen auch die kontinuierliche Netzüberwachung sowie gezielte Maßnahmen wie das kon-trollierte Erwärmen von Stromleitungen, um Eislasten zu reduzieren. Ein Szenario wie damals ist heute daher deutlich unwahrscheinlicher.

Was waren die Erkenntnisse und Lehren von damals für die Energieversorger in Deutschland insgesamt?

Das Ereignis hat deutlich gemacht, wie wichtig eine robuste Netzauslegung, regelmäßige Wartung und funktionierende Krisenprozesse sind. Energieversorger haben ihre Netze daraufhin deutlich widerstandsfähiger ausgelegt, Notfallkonzepte geschaffen und die Zusammenarbeit mit Behörden und Einsatzkräften intensiviert. Thomas-Stahl-Masten gibt es bei der Harz- Energie nicht.

Welche Erkenntnisse und Lehren zieht Harz-Energie aus der jüngsten Lage in Berlin?

Die Ereignisse in Berlin bestätigen die Bedeutung einer dezentralen Netzstruktur und des N-1-Prinzips. Für Harz-Energie heißt das: Wir überprüfen unsere Schutz- und Überwachungskonzepte kontinuierlich, halten mobile Notstromlösungen vor und sind darauf vorbereitet, die Versorgung insbesondere in kritischen Bereichen schnell zu stabilisieren.

Gibt es in manchen Bereichen schnellen Handlungsbedarf? Wenn ja, in welchem Umfang?

Der Vorfall in Berlin zeigt, dass der Schutz kritischer Infrastrukturen kontinuierlich weiterentwickelt werden muss – insbesondere auf nationaler Ebene. Für Harz-Energie sehen wir derzeit keinen akuten Handlungsbedarf, sondern setzen auf bestehende Sicherheitskonzepte, die auch in der weiteren Netzausbauplanung regelmäßig überprüft und angepasst werden.

Wie häufig und in welchem Umfang gab es im Netz von Harz-Energie im vergangenen Jahr Stromausfälle?

Wenn wir die Zahlen von 2024 nehmen, dann waren im Netzgebiet der Harz-Energie die Letztverbraucher durchschnittlich 6,21 Minuten ohne Strom. Dieser Wert zeigt im bundesweiten Durchschnitt von 11,68 Minuten aus dem Jahr 2024, dass das Stromnetz in unserer Region sehr stabil ist.

Was waren die Ursachen für die Stromausfälle?

Die Ursachen für Stromausfälle sind vielfältig. Neben technischen Defekten – etwa durch Kurzschlüsse, Gerätefehler und Betriebsmittelausfälle – können auch fremdverursachte Schäden wie Tiefbau- und Forstarbeiten, Naturereignisse wie Stürme, Hochwasser, Schneefall und Blitzeinschläge zu einer Stromunterbrechung führen.

Wie schnell waren die Stromausfälle in der Regel behoben?

Durch Umschaltungen des Versorgungsnetzes ist es in der Regel möglich, die Stromzufuhr schnell wiederherzustellen, sodass Letztverbraucher schnell wieder mit Strom versorgt sind. Die Reparaturarbeiten laufen parallel zur Umschaltung und nehmen zwischen wenigen Stunden bis zu mehreren Tagen in Anspruch – je nach Ursache.

Was können oder sollten Verbraucher tun, um Vorsorge für mögliche Stromausfälle zu treffen?

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt jedem Haushalt, sich so vorzubereiten, dass er mehrere Tage ohne Hilfe von außen auskommen kann. Das bedeutet, ausreichend Trinkwasser, Lebensmittel und Hygieneartikel im Haus zu haben. Kerzen und Taschenlampen geben Licht, warme Kleidung und Decken helfen bei kurzzeitigem Ausfall der Heizung. Die Bürgerinformation „Stromausfall“ des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe beispielsweise informiert ausführlich über Vorkehrungsmaßnahmen, die es auf deren Homepage auch zum Download gibt.

Wie sollten sich Unternehmen wappnen?

Das ist stark vom Unternehmen abhängig. Die Bundesnetzagentur empfiehlt Industrieunternehmen und Einrichtungen mit sensibler Stromversorgung, wie zum Beispiel Krankenhäusern oder Pflegeheimen, entsprechende Vorbereitungen für einen temporären Stromausfall zu treffen. In der Regel werden Notfallpläne erstellt und Notstromaggregate vorgehalten. Der Umfang der Vorbereitungen ist davon abhängig, ob ein Unternehmen als Störfallbetrieb eingeordnet wird oder nicht.

Was gilt es für Verbraucher insbesondere im Winter zu beachten?

Bei einem Stromausfall im Winter gelten die gleichen Vorkehrungsmaßen wie in allen anderen Jahreszeiten auch. Jedoch ist im Winter auch die Heizung betroffen. Hier helfen warme Kleidung, Decken oder Schlafsäcke weiter. Haushalte mit zugelassenen Kaminöfen sind im Vorteil, da sie ein oder mehrere Räume warmhalten können.

Und wer zahlt bei Schäden durch Stromausfall – etwa Frostschäden in Häusern oder geschäftliche Einbußen bei Firmen?

Für Schäden, die durch einen Stromausfall entstehen, kommen in der Regel die Hausratversicherung bei Privatpersonen oder die Betriebsunterbrechungsversicherung bei Unternehmen auf. Genauere Auskünfte darüber erteilt der Gesamtverband der Versicherer (GVD) auf seiner Homepage.

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