Warum ein Hawaiianer täglich Braunlage vom Müll befreit
Vorher und nachher: In der ganzen Stadt sorgt Nathan Bartling für ein saubereres Stadtbild. Foto: Privat
Seit April zieht der gebürtige Hawaiianer Nathan Bartling durch Braunlage und entfernt tausende Sticker, Graffiti und Müll. All das macht er freiwillig und unentgeltlich. Was treibt ihn dazu an?
Braunlage. Regelmäßig kniet Nathan Bartling stundenlang draußen auf dem Boden, kratzt, schrubbt und entfernt Müll. Und wenn er sich nach getaner Arbeit zurücklehnt, wirkt die Straße, der Park oder der Platz für ihn „wie ein frisch geputztes Zimmer“. Der 39-jährige Hawaiianer hat seit April etwa 4000 Aufkleber, mehr als 60 Graffiti und andere Sprühereien in Braunlage entfernt und mehr als 1800 Zigarettenstummel eingesammelt – ganz freiwillig und fast ohne Hilfe.
Angefangen hat alles am Platz Neue Mitte. „Er fühlte sich wie das Herz von Braunlage an, und ich wollte sehen, was passiert, wenn ich ihm meine volle Aufmerksamkeit schenke.“ Fünf Stunden lang entfernte er dort im April erstmals jeden Aufkleber und Schmutz, den er finden konnte. Bis heute hat er dort bereits 300 Aufkleber, etwa sieben Graffiti, 1200 Zigarettenstummel und drei volle Müllsäcke aufgesammelt.
Zu Beginn wollte er eigentlich nur ein paar hundert Aufkleber und etwas Müll beseitigen. Doch je näher er hinsah, desto mehr habe er entdeckt. Und so habe sich sein Projekt immer mehr ausgeweitet, in den Kurpark, in verschiedene Straßen, auf Wanderwege. Er nehme sich dabei immer ein bestimmtes Gebiet vor, das er komplett reinige, bevor es anderswo weitergehe. „Manche Gebiete sind aber auch so dicht, dass ich fünf bis zehn Besuche brauche, um sie vollständig zu entfernen“, sagt er.
Bis zu 300 Sticker am Tag

Nathan Bartling Foto: Privat
Die Veränderungen mögen klein erscheinen, sagt Bartling, doch er beobachte schon jetzt, wie einst leere Bereiche wieder zum Sitzen, Reden oder Spielen genutzt würden.
Verschiedene Reaktionen
Und wie kommt das in Braunlage an? „Die Leute reagieren unterschiedlich auf meine Arbeit“, sagt er. Viele würden einfach vorbeigehen. Manche würden aber auch zuschauen, sich bedanken oder Fragen stellen. Auch Stadtarbeiter und Polizisten hätten ihn zu Beginn oft angehalten. „Aber sie haben mich immer unterstützt. Mittlerweile erkennen mich viele Leute in der Stadt oder kennen mich zumindest als den Mann, der die Straßenlaternen säubert.“
Seine Erfolge dokumentiert Bartling auf dem Instagram-Account @wander_braunlage mit etwa 1000 Followern. Er wolle damit die Schönheit der Stadt hervorheben und „etwas schaffen, das andere Städte inspiriert und mir gleichzeitig ein kreatives Ventil bietet.“
Von Hawaii nach Braunlage
Ursprünglich stammt der 39-Jährige von der Westseite der Hawaii-Insel. Vor einigen Jahren habe er mit seiner Frau deren beste Freundin in Braunlage besucht – und sich direkt in die Stadt verliebt. „Wir haben uns hier damals verlobt und beschlossen, zurückzukehren, um es zu unserem Ausgangspunkt für unsere Erkundungstouren durch Europa zu machen.“ Seit Dezember wohnen sie dort nun mit ihrem gemeinsamen Sohn.
Auf Hawaii habe er damals als Künstler gearbeitet und das Kreativstudio „Hawaiian Harmonics“ gegründet, das Branding, Produktdesign, Social-Media und Webentwicklung für Unternehmen anbietet. Aus Braunlage führe er das Unternehmen weiter, und nebenbei entwerfe er aktuell eine Modelinie für Braunlage.
Graffiti und Aufkleber seien ein Problem, das es in Hawaii nur selten gebe, daher sei ihm das Problem in europäischen Städten besonders aufgefallen. „Braunlage erscheint mir wie ein lebendiges Kunstwerk, das Leute über Jahrhunderte hinweg geschaffen haben“, sagt er. „Warum sollte diese Gemeinschaftsleistung achtlos durch etwas so Einfaches wie einen Aufkleber oder eine Sprühdose überdeckt werden? Mir wurde klar, dass ich, auch ohne die Sprache fließend zu sprechen, meinen Beitrag leisten konnte“, indem er still und leise für ein klareres Stadtbild sorge.
Eine helfende Hand
„Wenn ich sehe, wie etwas aussehen könnte, kann ich es nicht mehr vergessen“, sagt er. Und dann könne er auch nicht aufhören, daran zu arbeiten, bis er seine Vision umgesetzt habe. Ein Talent, das ihm nicht nur bei der Straßenreinigung, sondern auch bei seiner Kunst helfe. Schon in Hawaii sei er es gewohnt gewesen, immer ein physisches Projekt zu haben. Sei es die Arbeit auf einer Avocadofarm oder ein Kreativprojekt.
Ein weiterer großer Antrieb sei sein kleiner Sohn. Denn der helfe ihm oft bei seinem Projekt. Mittlerweile sei es für die beiden zu einer Art gemeinsamer Schatzsuche geworden. „Während er die Welt entdeckt, mache ich sie sauber.“ Damit könne er für ihn und andere Kinder eine sichere Umgebung schaffen, ohne Zigarettenstummel, scharfes Glas oder vulgäre Aufkleber. „Ich möchte auch anerkennen, dass die Mitarbeiter der Stadt Braunlage bereits großartige Arbeit leisten.“ Gleichzeitig hoffe er, sein Projekt könne in Zukunft eine größere Bewegung anstoßen.
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