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GZ-Serie (1/3): Reichsbauerntag 1934

GZ Plus IconWie die Nazis in Goslar die deutschen Bauern feierten

Große Menschenmenge vor einem historischen Gebäude mit mehreren Hakenkreuz-Symbolen an der Fassade

Der Marktplatz ist voll von Gästen und Einheimischen: Tausende Teilnehmer sind zum Reichsbauerntag nach Goslar gekommen. Foto: Hermann Stumm/Stadtarchiv Goslar

Oliver Turk erforscht den Nachlass von Nazi-Reichsbauernführer Darré im Goslarer Stadtarchiv. Der Spurensuche-Vorsitzende hat erstaunliches Material zu Tage gefördert.

Von Oliver Turk Donnerstag, 29.01.2026, 19:00 Uhr
Im November 1934 rückt Goslar in den Mittelpunkt der nationalsozialistischen Agrarpolitik. Der zweite Reichsbauerntag macht die Stadt vom 11. bis 18. November zur Bühne einer ideologisch aufgeladenen Großveranstaltung, deren Bedeutung weit über das eigentliche Ereignis hinausgeht. Über eine ganze Woche hinweg steht die Stadt im Zeichen dieser Veranstaltung, die unter Leitung des Reichsministers für Ernährung und Landwirtschaft – SS-Obergruppenführer und Reichsbauernführer Richard Walther Darré – organisiert wird. Neue Archivfunde ermöglichen heute einen differenzierteren Blick auf Ablauf, Ziele und lokale Auswirkungen – und auf die propagandistische Funktion solcher Veranstaltungen im nationalsozialistischen Herrschaftssystem.
Mann in Anzug mit Krawatte und Einstecktuch steht neben einer Person in Uniform mit Mütze

In Zivil: Reichsbauernführer Richard Walther Darré kommt in Goslar an. Er wird am Vorabend des Reichsbauerntags im Festsaal des Hotels „Der Achtermann“ zu Goslars Ehrenbürger ernannt. Foto: Hermann Stumm/Stadtarchiv Goslar

Symbolisches Zentrum der NS-Agrarpolitik

Zum historischen Hintergrund: Bereits 1934 wurde Goslar zum Sitz des Reichsnährstands bestimmt und rückte damit in den Fokus der nationalsozialistischen Agrarpolitik. Zwei Jahre später folgte 1936 die offizielle Ernennung zur „Reichsbauernstadt“. Bis 1938 blieb Goslar Austragungsort der Reichsbauerntage und festigte seine Rolle als symbolisches Zentrum der NS-Agrarpolitik.

ZUR PERSON: OLIVER TURK

Autor der dreiteiligen GZ-Serie zum zweiten Reichsbauerntag, den die Nazis 1934 in Goslar abhielten, ist der Jerstedter Oliver Turk. Er ist 50 Jahre alt und seit Frühjahr 2022 Vorsitzender des Vereins Spurensuche Harzregion. Er folgte im Amt auf den Goslarer Geschichtspreisträger Dr. Peter Schyga, der im Mai 2008 an die Spitze des Vereins gewählt worden war.

Einer breiten Öffentlichkeit dürfte er durch die Friedhofsführungen bekannt sein, die er mit Erika Hauff-Cramer für den Verein organisiert. Seine Spezialthemen sind die Reichsbauernstadt Goslar, vor allem wenn es um die Hauptperson Walther Darré geht, den sogenannten Reichsnährstand und generell die Blut-und-Boden-Ideologie des Regimes.

Mann mit heller Kappe, Bart und schwarzer Jacke vor einem Gebäude mit orangefarbenem Schriftzug

Oliver Turk Foto: Heine (Archiv)

Seit 2019 durchforstet er Darrés bislang unbearbeiteten Nachlass im Goslarer Stadtarchiv. Dort hat er wichtige Hinweise zu Planung, Ablauf und Organisation des zweiten Reichsbauerntages 1934 in Goslar gefunden. Besonders aufschlussreich sind bislang wenig bekannte Bilddokumente und ergänzende Unterlagen, die neue Einblicke in die Ereignisse eröffnen. Für die Unterstützung bei der Sichtung und Bearbeitung dieses Materials gilt sein ausdrücklicher Dank dem Stadtarchiv Goslar, insbesondere Martin Schenk und Thomas Jürgens.

Neben seinem Spurensuche-Engagement ist Turk auch beim Goslarer Bündnis gegen Rechtsextremismus aktiv. Geboren und zur Schule gegangen ist er in Bad Harzburg.

Beruflich ist Turk in der freien Wirtschaft unterwegs und als Ausbilder stellvertretender Vorsitzender im Prüfungsausschuss der Industrie- und Handelskammer Braunschweig für Fachlageristen und Fachkräfte für Lagerlogistik. fh

Für lokale Entscheidungsträger und Funktionäre war die Ausrichtung der Reichsbauerntage mit der Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufschwung und eine Steigerung des städtischen Ansehens verbunden. Zum zweiten Reichsbauerntag reisten Tausende Teilnehmer nach Goslar. Hotels waren vollständig ausgelastet, öffentliche Gebäude wie Schulen wurden kurzfristig als Unterkünfte genutzt. So wurde etwa die SS-Leibstandarte Adolf Hitler mit nahezu 600 Mann in der ehemaligen Mädchenvolksschule in der Bäckerstraße untergebracht.
Große Menschenmenge vor einem Gebäude, die mit ausgestrecktem Arm einen Hitlergruß zeigt, während mehrere Musiker in Uniform auf der rechten Seite spielen

Worte und Musik: Vor dem heutigen Hotel „Schiefer“ steht die Tribüne, auf der die Nazi-Oberen ihre Reden schwingen. Die Kapelle der SS-Leibstandarte Adolf Hitler spielt zwischendurch. Foto: Hermann Stumm/Stadtarchiv Goslar

Hakenkreuzflaggen prägen das Stadtbild

Während der Veranstaltung präsentierte sich Goslar im nationalsozialistischen Festgewand. Grüne Tannenzweige und zahlreiche Hakenkreuzflaggen prägten das Stadtbild. Am Eingang zur damaligen Adolf-Hitler-Straße (Rosentorstraße) entstand ein großer Torbogen, der die Bedeutung des Ereignisses zusätzlich betonte.
Straße mit einem großen Torbogen, der mit Tannenzweigen geschmückt ist und an den Seiten Hakenkreuzsymbole zeigt.

Durch diesen Bogen sollen sie kommen: Der Eingang zur Adolf-Hitler-Straße – heute Rosentorstraße – ist mit Tannengrün und Hakenkreuzen geschmückt. Foto: Hermann Stumm/Stadtarchiv Goslar

Auch der Buchhandel wurde in die propagandistische Inszenierung eingebunden. Buchhändler in Goslar und Bad Harzburg erhielten die Vorgabe, ihre Schaufenster einheitlich zu gestalten und ausschließlich nationalsozialistische Bauernliteratur auszustellen – kultureller, wirtschaftlicher und wirtschaftspolitischer Art. Im Mittelpunkt sollte jeweils das Porträt Richard Walther Darrés stehen, ergänzt durch seine eigenen Veröffentlichungen.
Straßenszene mit einer marschierenden Militärkapelle und Soldaten, umgeben von Zuschauern und parkenden Autos

Parade auf der Adolf-Hitler-Straße: Auch das staatliche Militär wirkt im Programm mit. Foto: Hermann Stumm/Stadtarchiv Goslar

Weimar? Zu stark intellektuell

Die Wahl Goslars als Austragungsort erfolgte keineswegs zufällig. Nachdem der erste Reichsbauerntag noch in Weimar stattgefunden hatte und Darré diese Stadt als zu intellektuell und zu stark von der Goethe-Tradition geprägt empfand, suchte er gezielt nach einem Ort, der aus seiner Sicht „germanische Tradition, provinziellen Charakter und eine tiefe historische Verwurzelung“ vereinte.
Schwarz-weiße Aufnahme eines mit Hakenkreuzfahnen und Girlanden geschmückten Bahnhofs mit mehreren Bahnsteigen und Gleisen.

Girlanden und Hakenkreuze: Auch der Bahnhof putzt sich zum Reichsbauerntag heraus. Foto: Hermann Stumm/Stadtarchiv Goslar

Mit der mittelalterlichen Kaiserpfalz, der geografischen Lage in Niedersachsen – von Darré als „Kernland germanisch-deutschen Bauerntums“ stilisiert – sowie der landschaftlichen Umgebung bot Goslar die gewünschte symbolische Kulisse. Die Stadt galt zudem als von einer weitgehend homogenen, als „national“ verstandenen Bevölkerung geprägt und eignete sich damit aus Sicht des Regimes besonders für massenwirksame Inszenierungen.
Mann in Uniform hält eine Rede von einem mit Tannenzweigen geschmückten Podium vor einer Gruppe uniformierter Männer.

Mit Hitler-Gruß und in Uniform: Richard Walther Darré spricht als Reichsbauernführer auf dem Goslarer Marktplatz. Foto: Hermann Stumm/Stadtarchiv Goslar

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