Vier Monate literarische Begleitung von Jonë Zhitia
Marleen Mützlaff (li.) spricht Jonë Zhitia auf zentrale Aspekte in ihren Texten an. Einer beschreibt ihr Kennenlernen der Goslarschen Höfe, im Hintergrund auf die Wand projiziert. Foto: Kempfer
Sie steht für Werte wie Solidarität und gesellschaftlichen Zusammenhalt, und sie kann es nicht fassen, dass erkämpfte Frauenrechte wieder auf dem Rückzug sind: Jonë Zhitia engagiert sich live und in ihren literarischen Texten für eine bessere Welt.
Goslar. Diese vier Monate müssen kürzer sein als andere, so kommt es den Initiatoren und Organisatoren des Projektes „Novum Opus“ jedenfalls vor, die den Zeitraum von Mitte August bis Mitte Dezember intensiv begleiten.
Er wird von einer Wortwerkerin/einem Wortwerker geprägt, dieses Mal war es Jonë Zhitia, die in dieser Zeit im Wohnturm des ehemaligen Klosters Neuwerk lebt und sich voll und ganz der Literatur widmen kann, darf und soll. Das geschieht allerdings nicht im „stillen Kämmerlein“, sondern mit möglichst vielen Berührungspunkten nach außen, so der Wunsch von „Maria in Horto“, in Goslar liebevoll „Hortensien“ genannt, angeführt von Sabine Fontheim. Bislang ging das immer auf, und auch die diesjährige Wortwerkerin war viel unterwegs, lernte die Stadt und ihre Menschen kennen, äußerte sich.
Jonë Zhitia (2.v.li.) fühlt sich in Goslar wohl; eine solche Offenheit hätte sie von der Stadt und ihren Menschen nicht erwartet, gesteht sie, hier gerade Arm in Arm mit der Kirchenvorstandsvorsitzenden von Neuwerk, Gabriele Radeck-Jördens, frisch gebackene Großmutter. Foto: Kempfer
Vier Monate Stipendium haben gerade erst begonnen und neigen sich schon wieder dem Ende entgegen; am Dienstag hat sich Jonë Zhitia auf Einladung der unterstützenden Volksbank Nordharz mit drei sehr unterschiedlichen literarischen Kostproben von interessierten Goslarern und Freunden verabschiedet. Volksbank-Vorstand Markus Creydt begrüßte die Gäste im Spiegelsaal. Stiftungs-Vorstand Sabine Fontheim beschwor die Kraft der Zahl Drei; Jonë Zhitia ist die dritte Wortwerkerin, sie hatte drei Texte mitgebracht, und das am 3. Dezember.
Viele Denkanstöße
Moderiert wurde der Abend von der städtischen Kulturchefin Marleen Mützlaff, Mitglied der Wortwerker-Jury, die noch einmal den Dialog mit Jonë Zhitia suchte und ihre Ansichten und Überzeugungen herauskitzelte. Im Anschluss an eine intensive Stunde mit vielen Denkanstößen und einigem Diskussionspotenzial nutzten die Gäste die Gelegenheit, miteinander, mit der Wortwerkerin und den „Hortensien“ bei Häppchen und einem Getränk ins Gespräch zu kommen, und auch ein Termin im nächsten Jahr wurde von Sabine Fontheim schon einmal in den Raum geworfen: Am 20. Januar soll sich ein Freundeskreis „Maria in Horto“ gründen.
Jonë Zhitia begann ihren Vortrag mit einem Beitrag über die Goslarschen Höfe, las dann einen Auszug aus einem Roman, der noch in Arbeit ist, und beschloss den literarischen Ausflug mit einem ungewöhnlichen Weihnachtsgedicht. Letzteres endet nach dem vorweihnachtlichen Stress am Heiligen Abend – in Einsamkeit. Zustandsbeschreibung vergangener Zeiten in ihrem Leben, verriet die 29-jährige Muslima: „Mittlerweile liebe ich Weihnachten“. Sie sei glücklich, dass man wieder zueinander finden könne, wenn alle um einen Tisch sitzen, so Zhitias positive Erfahrung, sie spricht von der Wirkung, die Hand auszustrecken und meint: „Jedes Wort ist eine ausgestreckte Hand.“
Kampf für Frauenrechte
Ihr in der Entstehung begriffener Roman ist eine Auseinandersetzung mit dem Thema Abtreibung, erzählt aus der Perspektive der jüngeren Tochter. Ein Thema, das, längst abgehandelt geglaubt, wieder um die Ecke gekommen ist. Jonë Zhitia zitiert eine alte Kämpferin für Frauenrechte, die nicht glauben konnte, dass sie nach so vielen Jahrzehnten immer noch (oder wieder) für dieselbe Sache demonstriert: „I can‘t believe I am still protesting this shit.“
In ihrem ersten Text nahm die gebürtige Münchnerin, deren Eltern aus dem Kosovo geflohen waren, die Zuhörer mit auf ihren ersten Besuch der Goslarschen Höfe, nachzulesen im Wortwerker-Blog.

Vorstände unter sich: Stiftungsvorstand Sabine Fontheim im intensiven Gespräch mit Markus Creydt, Vorstand der Volksbank Nordharz, die das Projekt „Novum Opus“ unterstützen. Foto: Kempfer
Sie schildert den Weg dorthin, die Atmosphäre, ihren Aufenthalt, und unterbricht die Schilderungen immer wieder mit angelesenen Fakten und Statistiken, sodass der Text Feature-Charakter erhält, eine zweite Ebene. Insbesondere die „Hof-Hilfe“ habe sie begeistert, teilt sie mit, kommt darüber auf Statistiken über Altersarmut und -Gefährdung; neben dem Trend der Nachhaltigkeit eine Erklärung dafür, dass die ehrenamtlich betriebene Reparaturwerkstatt so stark nachgefragt ist.
Die Ansprüche der Generation Z
Über das Ziel der Inklusion und die Schaffung sozialversicherungspflichtiger Stellen für seelisch verwundete Menschen kommt die Wortwerkerin zu den Ansprüchen der „Generation Z“ an den Arbeitsmarkt und fragt: „Ist arbeiten ein Privileg?“ Wer muss sich heute bei wem bedanken: Der Arbeitnehmer dafür, dass er einen Job bekommt? Die Generation Z sieht das anders, Zitat: „Ich erwarte, dass mein Chef sich bei mir bedankt.“ Worüber wieder einiges zu sagen wäre.
Jonë Zhitia hinterfragt den Wert der Arbeit und fordert Anerkennung für diejenigen, die oft keine bekommen, vom Straßenkehrer über die Reinigungskraft bis zum Kranken- oder Altenpfleger, sie werden „unfassbar schlecht bezahlt“, ein Bumerang: „Wir bewegen uns auf einen Zusammenbruch unseres Gesundheitssystems zu.“ Die junge Frau steht für Solidarität und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Ehrenamtliches Engagement gehe zurück, berichtet sie von ihrem Studien- und Wohnort Leipzig, stellt fest: „Die Eltern bringen es ihren Kindern nicht mehr bei.“