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Die Orgel in der Lutherkirche

GZ Plus IconWarum Harzburgs größtes Musikinstrument komplett abgebaut wird

So sieht es in einer Kirchenorgel aus. Die Pfeifen sind bereits ausgebaut. 

So sieht es in einer Kirchenorgel aus. Die Pfeifen sind bereits ausgebaut. Foto: Schlegel

Die Sauer-Orgel in der Lutherkirche ist das größte Musikinstrument von Bad Harzburg. Nun wird sie völlig auseinandergebaut. Die GZ erzählt, warum und wie das geschieht.

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Von Holger Schlegel
Sonntag, 18.01.2026, 04:00 Uhr

Bad Harzburg. Die Lutherkirche steht schon wieder an der Schwelle einer besonderen Investition: Die 1903 erbaute Sauer-Orgel, 2001 für 800.000 DM restauriert und erweitert, wird generalüberholt. Dazu muss das größte Instrument der Stadt völlig auseinandergebaut werden. Wie funktioniert so etwas?

Auch die Prospektpfeifen, die man unten aus dem Kirchenschiff sieht, werden ausgebaut und generalüberholt.

Auch die Prospektpfeifen, die man unten aus dem Kirchenschiff sieht, werden ausgebaut und generalüberholt. Foto: Schlegel

Eine Kirchenorgel, auch Königin der Instrumente genannt, ist ein komplexes und kompliziertes Konstrukt. Und ein sehr, sehr großes. Die Bad Harzburger hat allein 3000 Pfeifen aus Holz und Metall. Manche haben eine Länge von fast fünf Metern, andere sind nur wenige Zentimeter lang. Die aus Metall wiegen bis zu 40 Kilogramm, die aus Holz auch schon einmal 60 Kilogramm.
Ein ungewöhnlicher Blick bietet sich auf der Orgelempore.

Ein ungewöhnlicher Blick bietet sich auf der Orgelempore. Foto: Schlegel

25 Jahre nach der Generalrestaurierung (siehe Hintergrund-Artikel), bei der das Instrument auch um ein Manual erweitert worden war, hat die Orgel einiges mitgemacht. In erster Linie wurde natürlich auf ihr gespielt. Aber auch Temperaturschwankungen gehen nicht spurlos an einer solchen Konstruktion vorüber. Und dann waren da natürlich auch noch die jahrelangen Arbeiten an den Wänden des Gotteshauses, um die in Bad Harzburg mittlerweile berühmte Quensenmalerei freizulegen. Die Orgel war zwar in jeder Phase abgedeckt, aber trotzdem schleicht sich allmählich der Staub in jede Ritze und jede Pfeife.

Was mit den Pfeifen geschieht

Nun, wo gut 90 Prozent der Ausmalungen fertig sind, sei es höchste Zeit gewesen, das Instrument einer gründlichen Generalüberholung und auch Reinigung zu unterziehen. Mit den Arbeiten wurde die Firma von Christian Scheffler aus Frankfurt/Oder beauftragt.

Nicht nur, dass Scheffler auch mit der umfangreichen Rekonstruktion des Instruments im Jahr 2001 betraut gewesen war, er hat auch bei Sauer seine Meisterausbildung absolviert. Seine Firma ist also mit der Orgel bestens vertraut.

In diesen Löchern stecken normalerweise die Orgelpfeiffen.

In diesen Löchern stecken normalerweise die Orgelpfeiffen. Foto: Schlegel

Seit Montag werden alle Pfeifen einzeln ausgebaut. Das fällt nicht sonderlich schwer, denn sie stecken nur locker in ihren Verankerungen. Es ist aber eine Sisyphusarbeit und aufgrund der Enge im Instrument mitunter mühselig. An Ort und Stelle bleiben nur die riesigen Holzpfeifen an der Rückseite des Instruments. Die übrigen Holzpfeifen liegen fein säuberlich aufgereiht in den Kirchenbänken des Seitenschiffs, sie können an Ort und Stelle gereinigt werden.
Fein säuberlich liegen die Metallpfeifen zum Abtransport bereit.

Fein säuberlich liegen die Metallpfeifen zum Abtransport bereit. Foto: Schlegel

Die Metallpfeifen indes werden in der Scheffler-Werkstatt bearbeitet, denn neben einer Reinigung benötigen einige auch eine Neuausrichtung, da sie sich im Laufe der Jahre durch Temperaturschwankungen oder auch Sonneneinstrahlung verzogen haben.

Was es kostet, wer es bezahlt

Wenn die Orgel komplett auseinandergebaut ist, wird das, was noch steht, abgedeckt. Dann kommt ein Gerüst drumherum, denn über der Orgel ist noch ein Eckchen Decke, an dem die Quensen-Malereien freigelegt werden müssen. Außerdem wird das Orgelprospekt, also die hölzerne Vorderseite des Instruments, gereinigt und ein wenig aufbereitet.

Auch das hölzerne Prospekt, in dem jetzt noch Pfeifen zu sehen sind, wird im Zuge der Aktion gereinigt.

Auch das hölzerne Prospekt, in dem jetzt noch Pfeifen zu sehen sind, wird im Zuge der Aktion gereinigt. Foto: Schlegel

Anschließend wird die Orgel dann Pfeife für Pfeife wieder zusammengebaut, jede muss an ihren ursprünglichen Ort, und das wird bei 3000 Stück dann wirklich eine mühselige Arbeit. Fertig sein wird das Projekt dann wohl auch erst nach Ostern.

Kosten wird die reine Orgelreinigung rund 70.000 Euro. 50.000 Euro steuert der Förderverein für Kirchenmusik bei, 20.000 die Landeskirche. 20.000 Euro veranschlagt die Gemeinde für die Deckenarbeiten und die Reinigung des Gehäuses, noch einmal 10.000 Euro kostet allein das Gerüst.

DIE GESCHICHTE DER SAUER-ORGEL

Ende des 19. Jahrhunderts wuchs die Kurstadt Bad Harzburg so stark, dass die Fachwerkkirche aus dem 16. Jahrhundert den Anforderungen nicht mehr genügte. Da sie zudem in einem beklagenswerten baulichen Zustand war, beschloss der Kirchenvorstand am 16. Mai 1899 einen Neubau am selben Standort.

Die neue Lutherkirche wurde nach Plänen des Architekten Gustav Heine (Hannover) im neugotischen Stil aus Blankenburger Sandstein errichtet und am 1. Advent 1903 eingeweiht. Zur Ausstattung gehörte eine spätromantische Orgel der renommierten Orgelbaufirma Wilhelm Sauer (Frankfurt/Oder), die bereits 1902 in Auftrag gegeben worden war. Gestiftet wurde das Instrument vom Harzburger Mäzen Fritz König und seiner Frau.

Die Orgel verfügte ursprünglich über 29 Register auf zwei Manualen und Pedal. Am 25. November 1903 wurde sie vom Wolfenbütteler Organisten Ferdinand Saffe abgenommen, der sie in seinem Gutachten als musikalisch wie technisch herausragendes Werk der damaligen Orgelbaukunst würdigte. Charakteristisch ist die pneumatische Spiel- und Registertraktur, bei der die Steuerung der Pfeifen über Luftdruck erfolgt. Diese Technik ermöglichte um 1900 größere Orgeln mit sinfonischem Klangbild.

Aufgrund klanglicher Ermüdungserscheinungen und technischer Defizite beschloss der Kirchenvorstand 1997 gemeinsam mit Kantor Karsten Krüger eine umfassende Rekonstruktion. Mit der Restaurierung wurde Christian Scheffler (Frankfurt/Oder) beauftragt, der seine Meisterausbildung bei Sauer absolviert hatte und als ausgewiesener Fachmann für diese Orgelspezies gilt.

Ab 1998 wurde die Orgel in zwei Bauabschnitten restauriert, ergänzt und erweitert. Heute verfügt sie über 40 Register auf drei Manualen und Pedal sowie moderne Spielhilfen. Rund zwei Drittel der Kosten von insgesamt 800.000 DM wurden durch einen eigens gegründeten Förderverein und Benefizkonzerte finanziert. Die Wiedereinweihung erfolgte am 1. Advent 2001.


Quelle: „Die Sauer-Orgel in der Lutherkirche Bad Harzburg“, herausgegeben vom kirchenmusikalischen Ausschuss und dem Ausschuss für Öffentlichkeitsarbeit der Luthergemeinde.

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