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Studium an Londoner Elite-Uni

GZ Plus IconGoslarerin Lilly Kleinkauf macht ihr Abitur mit 1,0

Lilly Kleinkauf auf einem Streifzug durch die Bibliothek im Kulturmarktplatz. Sie hat sich gerade "1984" aus dem Regal genommen und ein Buch über "Beklaute Frauen" entdeckt.

Lilly Kleinkauf auf einem Streifzug durch die Bibliothek im Kulturmarktplatz. Sie hat sich gerade "1984" aus dem Regal genommen und ein Buch über "Beklaute Frauen" entdeckt. Foto: Hartmann

Lilly Kleinkauf hat ihr Abitur am Goslarer Ratsgymnasium mit der Durchschnittsnote 1,0 geschafft. Die 19-Jährige liebt lateinische und griechische Klassiker. Ihre Facharbeit schrieb sie über Caesar, zum Studienplatz in London verhalf ihr Platon.

Von Petra Hartmann Mittwoch, 23.07.2025, 18:00 Uhr

Goslar. Eine 1,0 auf dem Abizeugnis – wie macht man das? Lilly Kleinkauf, die dieses Jahr als einzige Goslarerin mit der Bestnote das Gymnasium verlassen hat, verrät ihr Erfolgsrezept: „Disziplin, Durchhalten, Beständigkeit, Ehrgeiz und eine gewisse Motivation“, zählt sie auf. Was sie nicht empfehlen kann: sich während der Abiklausur umzuentscheiden. Rund eine Stunde hatte sie schon mit ihrem Livius-Text in der Latein-Abschlussarbeit gekämpft, als sie sich entschloss, doch lieber den Ovid zu bearbeiten. Immerhin: Es blieben noch fünf Stunden für die Aufgabe. Für die 19-Jährige hat es gereicht, die Eins wackelte nicht. Punktlandung.

Die Ratsgymnasiastin ging mit den Prüfungsfächern Geschichte, Latein, Politik-Wirtschaft und Deutsch an den Start, für die mündliche Prüfung hatte sie sich Biologie ausgesucht.

Begeistert von Cicero

„Ich hätte gern noch eine weitere Naturwissenschaft dazugenommen“, sagt die 19-Jährige. Aber ihr Herz gehört auf jeden Fall den alten Sprachen. Außer Latein lernte sie Altgriechisch, ist begeistert von Ciceros sehr korrekter Sprache, und vor allem hat es ihr Caesar angetan. Über seinen „Gallischen Krieg“ verfasste sie denn auch ihre Facharbeit. Sie hatte sich Caesars Germanienpolitik am Rhein als Thema ausgesucht, hatte nicht nur in Bibliotheken recherchiert, sondern auch Museen in Köln und Bonn besucht. Sie wertete schriftliche Quellen aus, aber auch neue archäologische Befunde. „In Caesars Germanienpolitik spielt der Rhein als Grenze eine zentrale Rolle“, erklärt sie. Eine Verletzung dieser Grenze habe ihm als Rechtfertigung für militärische Interventionen gegen Germanenstämme gedient, deren Handeln er als Gefahr für Rom darstellte. „Außerdem beschreibt er den Rhein als Völkergrenze, die er nach heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen so nie war.“

Zwischen Französisch und Mandarin

Alles nur Antike? Weit gefehlt. Sie lernt schon seit einiger Zeit an der Volkshochschule Mandarin und könnte sich sogar vorstellen, die chinesische Hochsprache zu studieren. Einen Studienplatz hat sie schon: Sie will Politik und Geschichte an der London School of Economics and Political Science (LSE) studieren und dort nach drei Jahren ihren Bachelor-Abschluss machen. Ob sie als weiteres Fach Französisch oder Chinesisch wählen will, hat sie noch nicht entschieden. Französisch ist Pflicht, wenn man in den diplomatischen Dienst gehen will, sagt sie. Eine Laufbahn, die sie sich durchaus vorstellen könnte. Aber Mandarin als vollkommen andere, nicht-indoeuropäische Sprache mit seinen unterschiedlichen Tonhöhen und seinen Schriftzeichen hat eine ganz eigene Faszination für die Goslarerin. Zumal sie auch eine chinesische Freundin hat, die sie durch ein virtuelles Austauschprogramm während der Corona-Zeit kennengelernt hat. Sprachbegabt ist sie auf jeden Fall: Immerhin hat sie an der Volkshochschule auch schon Dänisch gelernt, und ein bisschen Schwedisch und Norwegisch könne sie auch schon verstehen, wenn sie es geschrieben sieht. Allerdings: In Schweden waren Freunde kürzlich etwas knatschig. Sie hatte ein Schild mit dem Hinweis auf ein Parkverbot nicht gesehen oder verstanden, und ein Knöllchen war fällig.

Drei Jahre in London

Trotzdem: Davor, nun drei Jahre in London zu leben und sich auf Englisch verständigen zu müssen, hat sie durchaus Respekt. Auch wenn sie bei der Bewerbung Sprachkenntnisse auf C2-Niveau vorweisen musste. Wenn sie von ihrer neuen Uni spricht, leuchten ihre Augen: „Die LSE ist eine Top-Uni und steht im Ranking immer unter den ersten fünf“, sagt sie. In diese Uni hineinzukommen, sei alles andere als einfach: „Nur drei bis sechs Prozent kommen rein.“

Genommen hat die Uni sie, außer wegen ihrer guten Noten, vermutlich aufgrund ihres Bewerbungstextes: Kleinkauf musste eine Art Motivationsschreiben einreichen. Sie fokussierte sich darin auf ein Thema aus dem Bereich der politischen Philosophie und führte vor allem Platons Politeia ins Feld. „Auch wenn ich es schwierig finde, das moderne Konzept des Totalitarismus mit einem antiken Gesellschafts- beziehungsweise Staatsmodell zu vergleichen, fand ich es doch überraschend und fast schon beängstigend, wie totalitär Platons Idee eines Philosophenstaates erscheint“, sagt die 19-Jährige. „Die herrschenden Philosophen verfügen angeblich über absolutes Wissen, während Einzelinteressen und Pluralismus in den Hintergrund treten. Auf der anderen Seite überraschte mich Platons Forderung von Gleichheit beziehungsweise Gleichbehandlung der Geschlechter, obwohl diese sicherlich mehr auf die maximale staatliche Effizienz als auf die Idee der Emanzipation zurückzuführen ist.“

Schützenhilfe erhielt sie auch vom stellvertretenden Schulleiter des Ratsgymnasiums, Michael Kwasniok, der ihr ein offenbar wirkungsvolles Empfehlungsschreiben ausstellte.

Schade für die bayerische Universität, die ihr kürzlich einen Studienplatz für Jura zur Verfügung gestellt hat. Es ist keine schlechte Hochschule, aber wenn London ruft ...

Los geht es Ende September, das Visum ist bereits beantragt, und ein Zimmer in einer Studentenwohnung, die sie sich mit einer noch unbekannten Kommilitonin teilen wird, hat sie auch schon. Für das erste Semester stehen politische Theorie und Philosophie auf dem Studienplan und ein Seminar über Krieg und Frieden seit 1914. Vielleicht hat sie dann auch wieder etwas mehr Zeit für ihre Hobbys. Wandern, Fahrrad- und Mountainbikefahren kamen in jüngster Zeit etwas zu kurz, nur fürs Reiten nahm sie sich die Zeit. Und ganz viel lesen will sie bis zur Abreise auch noch. Vielleicht in der Stadtbibliothek, gern auch an ihrem Lieblingsplatz am Maltermeisterturm, von wo aus sie gern auf die Stadt Goslar hinabblickt.

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