Wenn „alte weiße Cis-Männer“ Ministerpräsident werden wollen
Willkommen in der Kellerkneipe: Sebastian Wirth ist stolz auf die Einrichtung, zu der auch eine vom Vorbesitzer übernommene urige Schlehenfeuer-Wanddekoration gehört. Foto: Heine
Der Immenröder Sebastian Wirth ist für die Partei Ratsherr in Goslar und Vorsitzender in Niedersachsen. Was bewegt den Mann politisch? Tritt er 2027 gegen Olaf Lies an?
Immenrode. Aufgemerkt, Olaf Lies, Sebastian Lechner und wie die Politiker im Land alle heißen: Wenn Niedersachsen im Herbst 2027 seinen Landtag neu wählt, könnte ein Immenröder als Spitzenkandidat seiner Partei um das Amt des Ministerpräsidenten ein direkter Konkurrent sein. Pardon: Nicht (s)einer Partei, sondern der Partei. Also Die Partei. Der Goslarer Ratsherr Sebastian Wirth wäre als deren Landesvorsitzender jedenfalls geradezu prädestiniert für ein solches Unterfangen.
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Mit aller Kraft, kein Larifari
Die Partei? Wie lustig – wie wird man(n) denn da Chef? Auch nicht anders als woanders, meint Wirth. Entweder will man das selbst ganz unbedingt. Der knallharte Karrieremensch sozusagen. Oder man wird immer (wieder) von den anderen gefragt, gedrängt, auch für fähig gehalten und in dieser Spur nach vorn gepusht. So ähnlich sei es bei ihm gewesen. Wobei er sich nie anbiedern würde, sagt Wirth. Andererseits: Wenn er eine Aufgabe übernimmt, will er sie auch mit aller Kraft und nicht nur Larifari machen. Klingt fast preußisch, was der in Wittenberg geborene, dort und in Goslar aufgewachsene und mit einem Abitur der Hannoveraner Käthe-Kollwitz-Schule ausgestattete Wahl-Immenröder ausplaudert.
Exakt 5969 Die-Partei-Niedersachsen
Immerhin wurde er jetzt schon zum zweiten Mal in Folge gewählt und bildet zusammen mit Co-Chefin Leonie Müller die Doppel-Spitze von exakt 5969 Die-Partei-Mitgliedern in Niedersachsen – so der Stand von Freitag. Okay. Aber hat dieser Alles-100-Prozent-Macher nicht auch noch drei zwei, neun und zwölf Jahre alte Kinder mit seiner „wundervollen Frau“ Norma, mit der er Anfang Juli schon zehn Jahre lang verheiratet ist? Und spielt er nicht seit zwei, drei Jahren auch wieder Volleyball im Mixedteam beim 1. VC Goslar, seinem einzigen wirklichen Hobby? Doch, hat er. Und tut er. 100 Prozent Landesvorstand, 50 Prozent Familie und ein paar Prozent Pritschen und Baggern, das lässt sich schon so hochrechnen.
Grabenkämpfe in der Grundsatzfrage
Logisch: Spaß. Aber eben doch auch irgendwie ernst, was Wirth über Politik sagt und von sich preisgibt. Muss oder darf es immer Satire sein, wenn er für die Partei unterwegs ist? Oder darf und muss es eben auch mal richtig ernst zugehen? Schwierig sei das manchmal, räumt er ein, gerade eher in den ländlich geprägten Regionen. In Großstädten, wo der eine den anderen nicht kennt, kann man frecher, auch rücksichtsloser sein. Im Zweifel zieht ein Berliner in den Nachbarstadtteil. Im Dorf – und das ist im besten Wortsinne gemeint – hat auch ein Mensch mit Die-Partei-Parteibuch (s)ein Gesicht zu verlieren. Ja, in dieser Grundsatzfrage gebe es durchaus Grabenkämpfe in der Partei – ähnlich wie bei anderen Parteien in anderen Fragen.
Nicht wieder in den Goslar-Rat
Wirth kennt diese Parteien alle. Im Großen wohl eher aus den Medien. Im Kleinen aus direkter Anschauung. Aus jetzt fast viereinhalb Jahren im Goslarer Rat, in den er am 12. September 2021 gewählt wurde – aber quasi mit Verspätung. Dazu später. Und in den er am 13. September 2026 nicht wieder gewählt wird. Das weiß er jetzt schon, weil er nicht wieder kandidiert. „Das ist gut so. Und das ist befreiend“, sagt er. Fünf Jahre seien genug. Sich über Jahre und Jahrzehnte an Ämter und Aufgaben klammern? Nicht sein Ding. Zwischendurch tue es gut loszulassen. „Viel besser ist es, mit neuen Ideen und neuer Energie zurückzukommen.“
Gendern und Inklusion
Welche Ideen und Energien beflügeln den Ratsherren Wirth? Gleichberechtigung und Inklusion. „Neben Sabine Seifarth bin ich der einzige, der im Rat konsequent gendert“, glaubt Wirth und überlegt kurz. Großartig findet er deshalb Beispiele wie den Landkreis Rotenburg (Wümme), wo CDU-Landrat Marco Prietz in der Debatte um geschlechtergerechte Sprache Akzente setzte, das generische Femininum einsetzte und ab Oktober 2024 in internen Dienstvorschriften nur noch die weibliche Form verwenden ließ. Hätte glatt von der, seiner Partei sein können.
„Harlekine am Hofe“
„Wir sind die Harlekine am Hofe des Königs und das Sprachrohr vieler Minderheiten“, sagt Wirth lächelnd, aber ganz ernst. „Wir dürfen natürlich auch überzeichnen“, sagt er. Den schlagzeilenträchtigen Die-Partei-Slogan „Nazis töten“ findet er nach wie vor grandios. Es heiße ja „Nazis töten Punkt und nicht Nazis töten Ausrufezeichen“, gibt Wirth Deutsch-Nachhilfe all jenen, die sich an der Parole störten. Als Ordnungsämter und Polizei zuerst Die-Partei-Plakate abnahmen und später wieder anbringen mussten – „das hatte was“, sagt Wirth. Oder wie ein AfD-Politiker aus Salzgitter den neuen Goslarer Die-Partei-Kreisvorsitzenden Jan Oppermann wegen eines anderen Plakates angezeigt habe. „Behindert genug für Europa“ stand drauf. Der Rechtspopulist müsse wohl etwas in den falschen Hals bekommen haben. Oppermann sei nämlich selbst gehandicapt und einer von drei Sprechern im Aktionsbündnis für Integration „Goslar Geht Gemeinsam“. Seinen Nachfolger, dem er bei der Wahl unterlag, wünscht er übrigens alles Glück dieser Welt für seine Arbeit. Konkurrenzdenken? Neid? Keine Spur.
Am Tag des Grundgesetzes geboren
Noch ein bisschen Wirth-Politik? Er sei schon als Gymnasiast in Hannover megastolz auf sein Geburtsdatum gewesen: Am 23. Mai, dem Tag des Grundgesetzes, wird er 36 Jahre alt. Die CDU sieht er immer weiter auf dem Weg nach rechts. Die SPD schreibe ihr S immer kleiner. Wobei er im Rat besser mit vielen CDU-Leuten als mit Gose-Genossen klarkomme. Mit Fraktionschef Norbert Schecke etwa könne man richtig tiefgehende Gespräche führen. Und wie war das 2021 bei der Wahl, in der Jens Dunemann für Wirth verzichtete? „Ich bin ohne Mandat ins Bett gegangen und mit Mandat wieder aufgewacht“, erzählt Wirth. Der frühere Krankenpfleger und studierte Sozialarbeiter, der beim Allgemeinen Sozialdienst des Landkreises beschäftigt ist, bekam drei Angebote. Von den Linken. Mit denen habe er auch gesprochen. Von der FDP. „Ich kann sehr viel machen, aber das kriege ich in der Partei nirgends erklärt.“ Und von den Grünen. „Da hat es gefunkt.“ Es habe geheißen: „Mach, was du willst, nur gib uns vorher Bescheid.“ Fraktionszwang ist unbekannt – super.
Entrée in die Casa Wirth: So idyllisch-harzerisch werden Besucher eines Die-Partei-Ratsherren vor der Haustür empfangen. Foto: Heine
Sport, Familie, Kneipe
Super auch, wie sich der Sohn einer Volleyballerin nach einer schweren Verletzung zurück in seinen Sport gekämpft und wieder viel Spaß am Spielen hat. Wie er sich in Immenrode mit Familie organisiert. Und wie er in seiner urigen Keller-Kneipe andere durchaus vor Neid erblassen lassen kann. Der richtige Raum für eine Siegesfeier? Und – macht der Wirth bei der Landtagswahl im nächsten Jahr nun den Die-Partei-Spitzenkandidaten und fordert den Obergenossen Lies heraus? „Damit ein weißer alter Cis-Mann mit drei Kindern und Haus gegen einen anderen alten weißen Cis-Mann mit Kindern und Haus antritt?“, fragt Wirth zurück. Er wäre jedenfalls für deutlich mehr Diversität auf dem Chef-Posten in Hannover. Aber wenn die anderen aus seiner, der Partei (wieder) sagen: „Mach du es doch bitte!“?
Streit um Ämter
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Wer weiß, wie Wirth den Weil-Nachfolger im Wahlkampf satirisch an die Wand politisierte. Irgendwo sind neben Landesvorstand, Familie und Volleyball sicherlich noch ein paar Prozentpunkte rauszuquetschen...
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