Schulenberger löst das Rätsel um verlorenes Kriegerdenkmal
Vor dem Umzug aus Unter-Schulenberg legt Bürgermeister Richard Böhm einen Kranz am alten Kriegerdenkmal nieder. Später marschiert die Bergarbeiterkapelle voran in den neuen Ort. Foto: Ahrens-Archiv
Nach der Umsiedlung verschwand in Schulenberg eine Gedenktafel mit den Namen der Gefallenen aus dem Ort. Die Recherche eines Einwohners gab ihnen wieder einen Namen.
Schulenberg. 1954 war für Schulenberg ein Jahr der Trennung, des Aufbruchs und der Ungewissheit. Die Bürger von Unter-Schulenberg mussten dem geplanten Okerstausee weichen. Kurz vor der Umsiedlung versammelten sie sich zu einem feierlichen Abschied am damaligen Kriegerdenkmal. Der Gedenkstein sollte später höher gelegen im neuen Schulenberger Kurpark wieder aufgebaut werden. Doch wer heute vor dem Stein steht, sucht einen entscheidenden Bestandteil des früheren Denkmals vergeblich: die Namen der Gefallenen.
Karl-Heinz Buchmeier ist Autor der „Schulenberg Chronik“. Foto: Archiv/Kaspert
Ein neues Denkmal im Kurpark
Volle Taschen und Ordner von Aufnahmen aus dem und über den Ort habe er für seine Recherchen mit nach Schulenberg gebracht, sagt Buchmeier. Und darunter befanden sich auch Fotos von einem Kriegerdenkmal in Unter-Schulenberg.
Zu erkennen ist ein Gedenkstein mit einer gusseisernen Tafel, auf der die Namen der Gefallenen des Ersten Weltkriegs verzeichnet sind. Davor steht der damalige Bürgermeister Richard Böhm bei einer Ansprache zur bevorstehenden Umsiedlung. Die Ahrens-Bilder zeigen unter anderem die Kranzniederlegung am 29. August 1954 beim Abschied der Einwohner von Haus und Hof, kurz vor dem Aufbruch. „Wir versprechen, im neuen Ort auf dem Berg die alte Heimat und die Toten nie zu vergessen“, soll Böhm damals im Beisein der Bürger und Tausender Gäste gesagt haben.
Zwei Jahre später, am 13. August 1956, berichtete Ahrens in den „Öffentlichen Anzeigen“, das Denkmal habe in den neuen Anlagen des Kurparks einen schönen Platz gefunden. Der große Findling sei noch vor der Flutung aus dem Tal heraufgeholt worden. Mit einer Feierstunde sollte die neue Gedenkstätte eingeweiht werden. Auf der Tafel, die erneut die Vorderseite zieren würde, sollten auch die Namen der Gefallenen des Zweiten Weltkriegs ergänzt werden.

1954 marschieren die Schulenberger in ihre neue Heimat. Bürgermeister Richard Böhm (vorne links) führt die Bewegung an. Foto: Ahrens-Archiv
Tafel geht im neuen Ort verloren
Doch dazu kam es offenbar nicht. „Die eiserne Platte mit den Namen der Gefallenen des Ersten Weltkriegs ging später im neuen Ort Schulenberg verloren“, sagt Buchmeier. Ähnlich erging es auch der ovalen Platte am Gedenkstein an der Einfahrt nach Festenburg, die 1914 zum Gedenken an die Völkerschlacht bei Leipzig gestiftet worden war. Sehr wahrscheinlich hätten Schrotthändler die Metallteile mitgenommen, vermutet er.
Heute trägt der Stein im Kurpark lediglich eine schlichte Inschrift. „Neige dein Haupt in Ehrfurcht vor den Gefallenen“, steht darauf. „Das war für mich zu billig“, sagt Buchmeier. Wer waren die Schulenberger, die in den beiden Weltkriegen fielen? Wo kamen sie ums Leben? Wer galt als vermisst? Darüber gibt der Stein keine Auskunft mehr. Beim jährlichen Volkstrauertag neige man zwar stets sein Haupt, so Buchmeier. Doch die Adressaten dieser Geste blieben anonym.

Beim 60. Umsiedlungstag legen die Ratsdamen Shirly Beck und Karin Schwarz einen Kranz am Denkmal nieder. Foto: Privat
Auf der Suche nach den Namen
Für die Schulenberger Chronik begab er sich deshalb auf die Suche nach den verlorenen Namen der Gefallenen. Gemeinsam mit dem Schulenberger Eckard Owe versuchte er anhand von vergrößerten Fotoausschnitten, die Inschriften auf der ehemaligen Tafel zu entziffern. Sogar bei der Polizei fragte er nach, ob moderne Ermittlungstechnik dabei helfen könne. Alles erfolglos.
Auch die Namen der Gefallenen des Zweiten Weltkriegs ließen sich zunächst nicht rekonstruieren. Eine Nachfrage beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge blieb ebenfalls ohne Ergebnis.
Unveröffentlichtes Werk gibt Klarheit
Erst beim 60-jährigen Umsiedlungsfest erhielt Buchmeier einen entscheidenden Hinweis. Von Jürgen Scholz erfuhr er, dass dessen Vater, der frühere Bürgermeister Gerhard Scholz, Anfang der 1990er-Jahre eine Chronik erstellt hatte. Und darin hielt er ebenfalls die Namen der gefallenen Soldaten fest. Die Schrift wurde allerdings nie veröffentlicht, da Scholz 2005 unerwartet ums Leben kam.
„Aus heutiger Sicht meine ich, diese Daten der gefallenen Soldaten hätten schon vor über 60 Jahren der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden sollen“, sagt Buchmeier. Doch fast zehn Bürgermeister und eine Bürgermeisterin hätten es in diesem Zeitraum nicht geschafft, das für die Schulenberger zu leisten.
In gewisser Weise vollendete Buchmeier 2017 mit seiner „Schulenberg Chronik“ schließlich das, was Scholz begonnen hatte, und gab den gefallenen Soldaten der beiden Weltkriege ihre Namen zurück.
DIE GEFALLENEN SOLDATEN
Karl-Heinz Buchmeier nennt in seiner Schulenberger Chronik die Namen der in den beiden Weltkriegen gefallenen Soldaten aus Schulenberg. Während des Ersten Weltkriegs zwischen 1914 und 1918 fielen Adolf Böhm, Albert Fuchs, Gustav Herberle, Wilhelm Müller, Karl und Alwin Eicke, Hermann Bößmann, Adolf Ebeling und Willi Pabst.
Aus dem Zweiten Weltkrieg zwischen 1939 und 1945 kehrten nicht mehr heim: Willi Böhm, Willi Ebeling, Otto Ebeling, Ernst Körber, Helmut Böhm, Louis Ehrenberg, Helmut Heberle, Karl Jühne, August Kinder, Willi Eicke, Hans Euler, Willi Harnagel, Helmut Riesen, August Emil Hermann und Robert Ehrenberg.
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