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Historischer Blick auf den Lost Place

GZ Plus IconGoslarer Königsberg-Sanatorium startet 1895 als weltweite Neuheit

Landschaft mit Weide, auf der Kühe grasen, im Hintergrund Wald und mehrere große Gebäude auf einem Hügel

Das Sanatorium auf dem Königsberg geht 1895 als weltweit erste Heilstätte für sozialversicherte Lungenkranke an den Start. Foto: Stadtarchiv Goslar

Am 2. Mai 1895 nimmt auf dem Königsberg die weltweit erste Heilstätte für sozialversicherte Lungenkranke ihren Betrieb auf. Eine Chronik über Aufstieg und Wandel.

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Von Hendrik Roß
Samstag, 28.02.2026, 04:00 Uhr

Goslar. Nachdem die GZ in den vergangenen Tagen über aktuelle Renaturierungs- und gescheiterte Tourismuspläne für das ehemalige Königsberg-Sanatorium berichtet hat, geht der Blick noch weiter in die Vergangenheit, genauer gesagt: auf den 2. Mai 1895.

Weltweit erste Heilstätte für Versicherte

Denn genau an diesem Tag nahm das Sanatorium auf dem Königsberg als weltweit erste Heilstätte für sozialversicherte Lungenkranke den Betrieb auf. Entstanden ist der Gebäudekomplex schon vier Jahre zuvor.

Großes historisches Fachwerkhaus mit mehreren Stockwerken und verziertem Balkon vor Nadelbäumen

Das Haupthaus des Sanatoriums um 1900. Foto: Stadtarchiv

Der Goslarer Spielkartenfabrikant Joseph Jäger hatte laut einer Chronik aus dem Jahr 1977, die im Stadtarchiv zu finden ist, „mit sicherem Blick die Lage erkannt“ und sich in exponierter Lage einen opulenten Alterswohnsitz errichtet: „ein Haus im Heimatstil mit überdachten großen Veranden, nach Osten und Südosten offen“, ist in der Chronik zu lesen. Dazu ein Stall für Pferde, Wagen und Kühe.

Jäger konnte seinen Lebensabend auf dem Königsberg aber nur kurze Zeit genießen: „Ein Gehirnschlag setzte dem arbeitsreichen Leben des trotz seiner 68 Jahre noch körperlich und geistig frischen Mannes ein jähes Ziel“, schrieb die GZ am 30. Juli 1894. Die Villa Jäger stand zum Verkauf.

Vom Alterswohnsitz zur Genesungsanstalt

Die Landesversicherungsanstalt Hannover erwarb das Grundstück für 60.000 Mark, wie die GZ am 28. Januar 1895 vermeldete.

Geplant sei dort die Einrichtung eines „Erholungsheims für invalide Arbeiter“, zunächst für 35 Personen. In damaligen Zeitungsberichten werden sehr deutliche Vorbehalte gegen eine Tuberkuloseheilanstalt in Goslar deutlich. So hätten die Verantwortlichen der Versicherung vor dem Kauf zusagen müssen, dass auf dem Königsberg keine Heilanstalt für Lungenkranke eingerichtet werde. Dieses Versprechen hielt offenkundig nicht lange.

Am 7. August 1895 veröffentlichte die GZ einen Appell an die „allgemeine Menschenliebe“ ihrer Leser. Die Rede ist dort von einer „systematischen Hetze“ gegen das Genesungshaus auf dem Königsberg. Es würden Gerüchte in die Welt gesetzt, es wimmele dort von „schwindsüchtigen Todeskandidaten“.

Weit entfernte Ansicht eines großen Gebäudekomplexes auf einem bewaldeten Hügel mit freiem Hang im Vordergrund

In exponierter Lage auf dem Königsberg über Goslar sollten lungenkranke Patienten Erholung finden. Foto: Stadtarchiv

Die Zeitung bemühte sich, deutlich zu machen, dass nur Patienten mit guten Heilungsaussichten in Goslar landeten, schwer Erkrankte würden umgehend in ihre Heimat zurückgeschickt. Insgesamt wurden im Premierenjahr 64 Lungenpatienten in Goslar behandelt, 1896 sind es schon doppelt so viele.

Werbung für frische Luft und moderne Technik

Die GZ ist in den Anfangsjahren sehr bemüht, die Vorzüge des Sanatoriums zu betonen. In einem Artikel vom 6. August 1896 liest sich das so: „Die betreffende Villa, welche ihrer nunmehrigen Bestimmung entsprechend umgebaut ist, eignet sich ganz vorzüglich zu einem solchen Genesungs- und Aufenthaltshause für der Ruhe und Erholung bedürftige Rekonvaleszenten.“

Luftaufnahme eines abgelegenen Bergdorfes mit mehreren Gebäuden, umgeben von Wald und Wiesen

Eine Luftaufnahme des Sanatorium-Areals aus dem Jahr 1937. Foto: Stadtarchiv

Ob „luftige Schlafzimmer“, eine „sehr schöne helle geräumige Küche“, eine „Dynamomaschine“, die Wasser pumpt und für elektrische Beleuchtung sorgt, bis hin zu „4 Stück schöne Harzkühe“, die die tägliche Milchversorgung sicherstellten, die GZ ist um kein lobendes Wort verlegen.

In einer Bilanz, die am 21. November 1896 in der Zeitung veröffentlicht wird, räumt der leitende Arzt Dr. Andrae ein, dass die Anfangspläne, keine Tuberkulosefälle auf dem Königsberg aufzunehmen, schnell verworfen wurden, weil sich keine anderen Patienten anmeldeten. Den Zeilen des Mediziners ist zu entnehmen, dass sehr wohl auch schwere Krankheitsfälle in Goslar landeten – sieben Menschen starben demnach 1895 in der Genesungsanstalt an Tuberkulose.

Ausbau und Alltag vor dem Ersten Weltkrieg

1910 konnte das Sanatorium bereits 60 Personen gleichzeitig aufnehmen. Damals entstanden auch die Nebengebäude und eine Liegehalle.

Im Ersten Weltkrieg wurden dort lungenkranke Soldaten gepflegt. In Sachen Strom- und Wasserversorgung war der Königsberg unabhängig von Goslar, die Post musste allerdings zu Fuß hinaufgebracht werden.

Schließung, Wiederbelebung und NS-Nutzung

1931 machten Schließungsgerüchte die Runde, weil die Landesversicherungsanstalt knapp bei Kasse war. Zum Ende des Jahres war es Gewissheit: Die Genesungsanstalt schloss ihre Tore. In der Nazi-Zeit wurden die Vorzüge der Königsberg-Einrichtung jedoch schnell wiederentdeckt, zunächst als Erholungsort für Mütter, „als eine Stätte der Kräftigung im Sinne des neuen Deutschlands“, schrieb die GZ im Juni 1934. Für Jugendliche wurden sechswöchige Sportkurse organisiert, um ihre „schwächlich gebauten Körper sportlich zu stählen“, heißt es in einem Zeitungsartikel im September 1935. Ab April 1938 wehte die Flagge der Hitlerjugend (HJ) über dem „Übungslager Königsberg“.

Lazarett, Modernisierung und Ende der Heilstätte

Im Zweiten Weltkrieg wieder Lazarett, wurde der Komplex 1948 gründlich renoviert und modernen Kur-Erfordernissen angepasst. In den 1950er Jahren wurde die unrentabel gewordene Viehhaltung am Königsberg aufgegeben.

Das Aus für die Lungenheilstätte kam 1971, nachdem die Zahl der Tuberkulose-Erkrankungen weltweit zurückgegangen war. Als Lungenarzt arbeitete auch der spätere Goslarer Oberbürgermeister Dr. Jürgen Paul am Königsberg.

Vom Pflegeheim zum Brand

Ende 1973 kaufte die Helferich-Stiftung aus Kassel den Komplex und baute ihn zum Pflege- und Rehabilitationsheim für mehrfach geschädigte Kinder und Jugendliche um. 1983/84 wurde für 600.000 DM die Strom- und Wasserversorgung erneuert, das Abwasser wurde an die Stadt Goslar angebunden.

1984 untersagte das Land den weiteren Betrieb, am 27. August verließen die letzten Kinder den Königsberg, nur zehn Tage später ließen unbekannte Brandstifter Taten sprechen.

Über die Versagung der behördlichen Genehmigung hielten sich die zuständigen Stellen stets bedeckt. Tatsache ist, dass 1982 die Staatsanwaltschaft gegen Stiftungsgründer Cornelius Helferich wegen Betrugs zum Nachteil des Landessozialamts ermittelte. Dieses sowie weitere Verfahren wurden später wegen dauernder Verhandlungsunfähigkeit des hochbetagten Helferich eingestellt. Der „Spiegel“ warf ihm und seiner Frau seinerzeit vor, „mit einer kunstvoll verschachtelten Firmengruppe von dem frommen Werk zu profitieren“.

Warum Heilstätten damals boomten

Andreas Jüttemann, der an der Berliner Charité zu den preußischen Lungenheilstätten promoviert hat, erläuterte vor einigen Jahren im Gespräch mit der GZ die Gründerzeit des Königsberg-Sanatoriums Ende des 19. Jahrhunderts. „Tuberkulose und Lungenkrankheiten waren damals weit verbreitet“, erklärte der Berliner. In Heilstätten, die außerhalb von Siedlungen lagen, konnten die Erkrankten in frischer Luft genesen und liefen nicht Gefahr, andere anzustecken. „Die erste Invalidenversicherung gab es 1890“, so der Mediziner. Es entwickelten sich Kuraufenthalte, bei denen die Patienten von ihrer Familie begleitet wurden. Zwischen Ruhrgebiet und Ostpreußen entstanden daher viele großzügig ausgebaute Heilstätten. In den 1970er Jahren allerdings waren Tuberkulose-Erkrankungen erfolgreich bekämpft, das System der Lungenheilstätten wurde zum Auslaufmodell. Für die großen Sanatorien blieb nur noch wenig Zeit und Geld übrig – auch auf dem Königsberg.

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