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Die Kunst von Katharina Fritsch

GZ Plus IconMit monumentalen Tierskulpturen zum Kaiserring

Die Arbeit „Rattenkönig“ aus dem Jahr 1993 mit drei Meter hohen Nagern fesselte einst die New Yorker; heute steht sie bei Basel in der Schweiz.

Die Arbeit „Rattenkönig“ aus dem Jahr 1993 mit drei Meter hohen Nagern fesselte einst die New Yorker; heute steht sie bei Basel in der Schweiz. Foto: EPA/Georgios Kefalas/picture alliance/dpa

Pechschwarze Riesenratten in New York, ein blauer Hahn in London, ein grüner Elefant auf der Biennale – und was erwartet Goslar? Mit Katharina Fritsch (68) eine Kaiserringträgerin, deren Kunst als „wirkmächtig“ gilt, monumental und ikonisch.

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Von Sabine Kempfer
Freitag, 10.01.2025, 18:56 Uhr

Goslar. Grüne Elefanten, blaue Hähne, orangefarbene Kraken und pechschwarze Ratten: Ganz schön tierisch, was da auf die Menschen zukommt, die sich immer wieder gern von Kunst begeistern lassen. Goslars neue Kaiserringträgerin Katharina Fritsch verspricht Monumentales, das man einfach nicht übersehen kann.

Apropos: So einfach, wie es scheint, ist es natürlich nie. Das macht es ja so spannend. Wenn die gebürtige Essenerin eine riesige royalblaue Hahn-Skulptur aus Polyester auf einen Sockel am Trafalgar-Square setzt, tritt dieser durchaus in Interaktion mit den anderen Feldherren, denen dort auf den übrigen Sockeln gehuldigt wird. Publikationen weisen auf die Doppeldeutigkeit in der englischen Sprache hin: Die Arbeit mit dem schlichten Titel „Hahn“ wird in „cock“ übersetzt, das aber heißt in Großbritannien nicht nur Hahn, sondern auch Schwanz. Ein nicht zu übersehener Hahn als Entgegnung auf sockelwürdiges, männliches Machtgehabe? Boris Johnson, ehemals Premierminister, enthielt sich bei der Enthüllung auf dem Trafalgar-Square 2013 lieber jeglicher Deutungsversuche. „Der deutsche Anti-Macho-Gockel auf‘m Sockel“, titelte damals der Spiegel.
Katharina Fritsch.

Katharina Fritsch. Foto: Janna Grak

Der Rattenkönig

In New York punktete die Deutsche 1993 mit einer riesigen Rattenskulptur, dem „Rattenkönig“, bestehend aus 16 fast drei Meter hohen schwarzen Ratten, im Kreis aufgestellt, die Schwänze zum Knoten verbunden. Deutungsmöglichkeiten? Viele. Überhaupt ist das mit diesen tierischen Skulpturen so eine Sache: putzig und vertraut? Oder in ihrer Größe grotesk und unheimlich? Beides, meint Dr. Bettina Ruhrberg, Direktorin des Mönchehaus-Museums für moderne Kunst in Goslar, das ab 11. Oktober die Kaiserringschau mit Werken von Katharina Fritsch zeigen wird.

Die Heiligenfigur „St. Katharina“ aus Polyester und Acrylfarbe steht vor blauem Efeu (170 x 50 x 40 Zentimeter, Siebdruck, Kunststoff).

Die Heiligenfigur „St. Katharina“ aus Polyester und Acrylfarbe steht vor blauem Efeu (170 x 50 x 40 Zentimeter, Siebdruck, Kunststoff). Foto: Ivo Faber, VG Bild-Kunst Bonn, (c) Katharina Fritsch

Die Werke der 1956 in Essen geborenen Bildhauerin, die unter anderem in Münster und Düsseldorf Kunst studierte, sind ambivalent; den Betrachter beschleicht ein kaum erklärbares, komisches Gefühl. Damit passt die 68-jährige Fritsch mit ihrem Lebenswerk, für das sie 2022 den Goldenen Löwen der Biennale von Venedig erhielt, in eine aktuelle Kunstdebatte, die sich dem Verhältnis von Mensch und (Haus-)Tier widmet und dieses kritisch hinterfragt.

Allerdings gibt es bei Fritsch weit mehr als nur tierische Motive, etwa Madonnenskulpturen im öffentlichen Raum oder in Warenregalen; Gehirne als Ausstellungsobjekte, Totenschädel, durch ihre Kleidung ausgewiesene Funktionsträger, und allerhand andere Objekte. Sie schuf einen Wald, dessen Bäume aus riesigen Flaschenbürsten bestehen, oder, zurückkehrend zum tierischen Motiv, ein weißes Baby inmitten eines großen Kreises schwarzer Pudel. Wieso Pudel? Und: Was war doch gleich des Pudels Kern? In Goethes „Faust“ war es Mephisto.

Katharina Fritschs Arbeit „Frau mit Hund“, 175 x 175 x 107 Zentimeter groß, stammt aus 2004 und besteht aus Polyester, Aluminium, Eisen und Acrylfarbe.

Katharina Fritschs Arbeit „Frau mit Hund“, 175 x 175 x 107 Zentimeter groß, stammt aus 2004 und besteht aus Polyester, Aluminium, Eisen und Acrylfarbe. Foto: Nic Tenwiggenhorn, VG Bild-Kunst Bonn, © Katharina Fritsch

Eine starke Aura

Die Goslarer dürfen sich auf eine Entdeckungsreise freuen, zu der jeder Kaiserringträger mit seiner Kunst einlädt. Warum die Wahl der Kaiserringjury für 2025 auf Katharina Fritsch fiel, wird in der Begründung der Jury ausgeführt, die auf die starke Aura ihrer Kunst hinweist. Darin heißt es: „Fritschs Werk basiert oft auf den traditionellen Rollen, die Skulpturen unter anderem als Ikonen, Statuen oder Fetische einnehmen. Diese Rollen werden durch Mittel wie Vergrößerung, Wiederholung und anti-naturalistische Mehrfarbigkeit untersucht und sowohl verstärkt als auch hinterfragt. Fritschs Arbeiten stehen häufig für sich allein, suchen jedoch stets den Dialog mit dem Publikum. Ihre figurative und damit leicht wiedererkennbare Bildsprache kann leicht den Blick darauf verstellen, wie durchdacht ihr konzeptueller Ansatz ist. Diese Ambivalenz ist Teil der Spannung, die ihre Werke ausmacht. Motive wie Männer und Madonnen, Mäuse und Hähne, Tische und Betten wirken so einfach, dass sie keine Rätsel aufgeben – und dennoch bleibt Katharina Fritschs Skulptur immer fremdartig und entrückt; ikonisch im wahrsten Sinne des Wortes.“

Oberbürgermeisterin Urte Schwerdtner gibt die Kaiserringträgerin 2025 bekannt

© Sowa 01:36 min
Das „Gehirn“, eine Skulptur aus den Jahren 1987/2009, ist ein Objekt aus Metall, Polyester, Acrylfarbe und Holz, 160 x 120 x 120 Zentimeter groß.

Das „Gehirn“, eine Skulptur aus den Jahren 1987/2009, ist ein Objekt aus Metall, Polyester, Acrylfarbe und Holz, 160 x 120 x 120 Zentimeter groß. Foto: Ivo Faber, VG Bild-Kunst Bonn © Katharina Fritsch

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