Nazi oder nicht? Widersprüchliches Erbe eines Harzer Multi-Talents
Karl Reinecke-Altenau lebte von 1885 bis 1943. Foto: Heimatstube
Das Multi-Talent Karl Reinecke-Altenau hat das kulturelle Selbstbild des Oberharzes geprägt. Doch sein Erbe ist gerade mit Blick auf die NS-Zeit widersprüchlich.
Altenau. Anlässlich des 140. Geburtstags von Karl Reinecke-Altenau hat sich der Kunsthistoriker Dr. Kai Gurski in der Heimatzeitschrift „Unser Harz“ intensiv mit Leben und Werk des Künstlers, Schriftstellers und Heimatschützers befasst. In gekürzter Fassung und loser Abfolge veröffentlicht die GZ nun Gurskis Untersuchungen. Im ersten Teil geht es um das Lebenswerk Reinecke-Altenaus und die heutige Wahrnehmung seines Schaffens.
Umfangreiches Lebenswerk
Schon ein Blick auf das Gesamtwerk des Oberharzers Karl Reinecke-Altenau (1885–1943) verdeutlicht die außergewöhnliche Bandbreite seines Wirkens: Er war Lehrer, Maler, Grafiker, Illustrator, Schriftsteller, Redakteur, Heimatschützer, Volkstumspfleger, Vereinsgründer, Veranstaltungsorganisator, Werbe- sowie Produktgestalter und Karikaturist. Stets ging er mehreren Tätigkeiten gleichzeitig nach, und das ernsthaft, zielstrebig und planvoll. Angesichts dieser Fülle kann an dieser Stelle lediglich ein Überblick mit ausgewählten Schlaglichtern gegeben werden.

„Zwei Skiläufer im Wettkampf“ ist ein für Karl Reinecke typisches Gemälde. Foto: Heimatstube
Auch heute noch kommt es gelegentlich zu Neuentdeckungen, etwa in historischen Publikationen, auf Dachböden, Flohmärkten oder im Kunsthandel. Unklar bleibt, wie viele Werke durch die Ausbombung seiner Wohnung in Hannover-Linden 1943 verloren gingen.
Tief verankert in der Oberharzer Kultur
Reinecke-Altenaus Darstellungen von Harzer Landschaften und Volkstum prägen bis heute das Bild des Oberharzes. Auch im Nachdruck wurden sie noch mindestens ein halbes Jahrhundert lang in Zeitschriften, Schulbüchern oder Kalendern veröffentlicht.
Die wesentlichen Gestaltungsmerkmale der heute von den Barkämtern des Heimatbundes Oberharz getragenen Trachten gehen auf seine Entwürfe aus den frühen 1930er-Jahren zurück. Auch die Existenz des Heimatbundes selbst ist seiner Initiative zu verdanken. Seine Gedichte und Lieder sind weiterhin fester Bestandteil bei Brauchtumsveranstaltungen im Oberharz, darunter das Pfingsttreffen, das er einst ins Leben rief.
Eine Waldlichtung am Polsterberg, eine Straße sowie das Foyer des Kurgastzentrums in Altenau tragen seinen Namen. Zudem sind derzeit an drei Orten im Harz Werke Reinecke-Altenaus ausgestellt.
Werke im ganzen Bundesgebiet
Den größten Bestand seiner Arbeiten beherbergt die Heimatstube Altenau-Schulenberg, die dafür 2021 eigens einen Galerieraum eingerichtet hat. Darüber hinaus hat die Arbeitsgemeinschaft für Heimatkunde der Bergstadt Altenau-Schulenberg sein literarisches Werk nahezu vollständig erschlossen und 2018 und 2020 in zwei umfänglichen und kommentierten Publikationen neu aufgelegt.

Mitte 2025 gibt es einen besonderen Fund: Viele Jahrzehnte lagern 23 Druckstöcke der bekannten Holzschnitte des Altenauer Künstlers Karl Reinecke-Altenau unbeachtet auf einem Dachboden in der Rothenberger Straße. Nach der Entdeckung werden sie der Heimatstube übergeben. Foto: Heimatstube
Ein widersprüchliches Erbe
Vor dem Hintergrund seiner Lebenszeit im Wilhelminischen Kaiserreich, in der Weimarer Republik und in der nationalsozialistischen Diktatur erscheint Reinecke-Altenaus Werk vielschichtig, in Teilen schwierig und widersprüchlich. Schon zu Lebzeiten wurde sein Schaffen unterschiedlich bewertet. Ein Umstand, der sich auch in den Jahrzehnten nach seinem Tod fortsetzte.
Bezeichnungen wie „Maler-Dichter“, „Malerpoet“ oder „Heimatkünstler“, die in Reden und Publikationen verwendet wurden, vereinfachten und verklärten die historische Persönlichkeit. Tatsächlich lag ein Schwerpunkt seines Schaffens auf der Landschaft und Kultur des Oberharzes. Eine Bindung, die er bewusst durch das Hinzufügen seines Geburtsortes zu seinem Familiennamen betonte. Diese Namenswahl ist als ein klares Bekenntnis zur Heimatkunstbewegung des frühen 20. Jahrhunderts zu verstehen.

Das Gemälde „Vorfrühling“ von Karl Reinecke zeigt die Oberharzer Natur mit zerzausten Fichten und letzten Schneefeldern. Foto: Gurski
Gleichzeitig blendete er soziale Konflikte der provinziellen und städtischen Arbeiterschaft sowie die industrielle Prägung seines Harzer Heimatraumes weitgehend aus und idealisierte ihn als unberührte Natur.
Nähe und Distanz zum Nationalsozialismus
Die Übernahme völkischen Gedankengutes bildete eine weltanschauliche Schnittmenge zur Ideologie und Kulturpolitik der Nationalsozialisten. Ab den frühen 1930er-Jahren vereinnahmten sie schrittweise das Lebensumfeld des Oberharzer Künstlers. Auch er selbst ließ sich zeitweise bewusst für Wandbilder, Karikaturen und vermeintliche Volkstumspflegemaßnahmen gewinnen und propagandistisch instrumentalisieren.
Gleichzeitig erscheint die Verstrickung des Oberharzes in das NS-System ausgesprochen komplex und mehrfach gebrochen, insbesondere im Bereich von Kunst und Volkstumspflege. Nach internen Konflikten und persönlichen Enttäuschungen lassen sich in den frühen 1940er-Jahren auch weltanschauliche Gegenpositionen und NS-kritische Töne in Reinecke-Altenaus schriftlichen Äußerungen ausmachen.
Keine eindeutige Einordnung
Eine klare Festlegung als Mitläufer, Anhänger oder Kritiker des Regimes ist nicht möglich. Eine genaue Betrachtung aller Lebensphasen, der überlieferten Texte, seiner schriftstellerischen und künstlerischen Arbeiten fördert ein differenziertes und teils widersprüchlich erscheinendes Bild seiner Persönlichkeit zutage.
In dieser teils inhaltlich schwierigen Vielschichtigkeit seines Lebens und seines Werkes liegt die heutige Aktualität Reinecke-Altenaus. Viele Problematiken, mit denen er sich beschäftigte, sind bis heute nicht gelöst: Sei es der durch Modernisierung, Urbanisierung, Globalisierung und Kommerzialisierung bestimmte wirtschaftliche und gesellschaftliche Strukturwandel und der damit einhergehende permanente kulturelle Veränderungsprozess. Oder seien es gravierende ökologische Probleme, die Frage nach Heimat und kultureller Identität oder gar deren politische Instrumentalisierung durch bestimmte Interessengruppen.
Der zweite Teil der GZ-Serie beleuchtet Herkunft, Prägung und die frühen Lebensjahre von Karl Reinecke-Altenau.
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