Wie Iraner im Kreis Goslar den Krieg gegen das Mullah-Regime bewerten
Die Teilnehmerin einer Demonstration gegen das iranische Mullah-Regime zeigt nahe der Botschaft Israels vor iranischen Fahnen das Victory-Symbol. Foto: dpa
Mit Sorge um ihre Familien, aber voller Hoffnung, dass sich die Zustände in ihrer Heimat ändern, schauen Iraner, die in Goslar leben, derzeit auf den Nahen Osten.
Goslar. Viele Exil-Iraner in Deutschland haben die Tötung des Obersten Führers Ali Chamenei nach den Angriffen Israels und der USA am Samstag gefeiert und für die Freiheit ihres Landes demonstriert. Auch Iraner, die im Landkreis Goslar leben, hoffen auf ein Ende des Mullah-Regimes, zugleich sorgen sie sich um ihre Verwandten.
Roozbeh Jam (39) hat am Samstagfrüh noch mit seinen Eltern in Teheran telefonieren können. Um 7 Uhr rief er sie per Whatsapp an, der Angriff Israels und der USA auf die Islamische Republik lief gerade. „Ich wusste, das Regime würde das Internet abschalten“, sagt er. So hatte er aber noch kurz Kontakt zu seinem 63-jährigen Vater und seiner gleichaltrigen Mutter. Sein Vater habe angekündigt, dass er ein Glas Wein trinken werde, wenn die Angreifer die Residenz von Ayatollah Ali Chamenei treffen.
Roozbeh Jam hat an der Technischen Universität Clausthal studiert. Foto: Privat
In großer Sorge
Roozbeh Jam geht es so wie gegenwärtig vermutlich vielen seiner Landsleute. Er hofft und bangt. Ja, er sei in großer Sorge um seine Familie. Zugleich blicke er aber, wie seine Eltern, nicht nur mit Emotionen auf den Krieg in seinem Land, sondern aus einer „grundsätzlichen Perspektive“: Den Angriff betrachte er, „wie viele andere Iranerinnen und Iraner, als eine Art notwendige Operation für einen freien Iran“, sagt er und spricht von einem „chirurgischen Eingriff, der manchmal schmerzhaft, aber notwendig für die Heilung“ sei. Für sein Land wünsche er sich „Freiheit, Stabilität und Selbstbestimmung“.
Roozbeh Jam lebt seit 2017 in Deutschland. Er studierte an der Technischen Universität Clausthal, an der aktuell 184 Iraner eingeschrieben sind, Maschinenbau und besitzt auch die deutsche Staatsangehörigkeit. Neben den Doppelstaatlern mit iranischen Wurzeln leben im Landkreis Goslar außerdem 368 Iraner ohne weitere Staatsangehörigkeit.
Wie blickt Roozbeh Jam, der derzeit als Konstrukteur in Hessen arbeitet, auf die Lage in seinem Land? „Die Menschen haben um Hilfe von außen gebeten“, sagt er. Seit der islamischen Revolution, die 1979 zur Absetzung von Schah Mohammad Reza Pahlavi und dem Ende der Monarchie führte, hätten die Mullahs viele Menschen ermordet. Über die Zahl der Getöteten bei den Demonstrationen im Januar kursieren unterschiedliche Schätzungen. Roozbeh Jam nennt eine Zahl von 32.000. Die Menschen, sagt er, „haben die Nase voll von dem Regime“. Er betont: „Wir hoffen auf einen freien Iran, der in Zukunft friedliche und konstruktive Beziehungen zu allen Ländern der Welt pflegt, einschließlich der USA, Israels und Europas.“
„Eine Katastrophe“
Auch Amir Madani (46) kam 2017 nach Deutschland. Er lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Deutschland. Madani ist Ingenieur und arbeitet als Busfahrer in Wernigerode. Seine Frau hat Jura studiert und im Iran als Notarin gearbeitet, in Deutschland ist sie als Kassiererin in einem Supermarkt beschäftigt. Madani ist Christ, daher habe er „Nachteile und Probleme“ in seiner Heimat gehabt. Seit 2022 besitzt er neben der iranischen auch die deutsche Staatsangehörigkeit. Bei Madani dominiert angesichts der Ereignisse in Iran vor allem die Sorge um seine Angehörigen.
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Zu seinen Eltern in Teheran habe er zuletzt vor zwei Wochen Kontakt gehabt.
„Wir wissen nichts“, antwortet Madani auf die Frage, wie es seinen Eltern geht. Er sorge sich angesichts der „schwierigen Situation“. „Wir wissen nicht, ob sie noch leben.“ Auch zu seinem Bruder und der Schwiegermutter gebe es aktuell keinen Kontakt. „Eine Katastrophe“, sagt Amir Madani.
Wie viele seiner Landsleute erklärt er, dass große Teile der Bevölkerung sich vom Mullah-Regime abgewendet hätten: „Die Menschen wollen Freiheit, sie wollen normal leben, arbeiten, essen.“ Seit mehr als 40 Jahren aber würden die Ayatollahs regieren.
Alireza Ajdadi (36) hat ebenfalls keinen Kontakt zu seiner Familie. „Sehr, sehr traurig“ sei das. Wie Madani ist er Christ, er habe „viel Druck“ erfahren. Überhaupt beklagt er, dass das Regime den Menschen nicht erlaube, zu leben, wie sie wollen. Allein in den vergangenen Monaten hätten die Machthaber der Islamischen Republik viele Menschen getötet, „nur weil sie Freiheit wollten“.
Alireza Ajadi mit seinem Sohn Mayan, der in Goslar zur Welt kam. Foto: Privat
Ajdadi berichtet, viele Menschen in Iran würden den Namen von Mohammad Reza Pahlavi rufen, den ältesten und in den USA lebenden Sohn des ehemaligen Schahs. Sie würden ihn als „einzigen Retter des Irans sehen“. Auch er wünsche sich, dass Pahlavi „bald in den Iran zurückkehren kann, um wie sein Vater und sein Großvater dem Land zu dienen und positive und hilfreiche Veränderungen zu bewirken“. Er wünsche sich, dass der Iran „wieder seinen Platz findet in der Welt und das iranische Volk gemeinsam mit allen anderen Nationen in Frieden und Harmonie leben kann“.
Das Völkerrecht
Alireza Ajdadi, der 2015 mit seiner Frau nach Deutschland flüchtete, ist ein sehr erfolgreicher Sportler. Als Karatekämpfer der Budo-Sportschule Goslar holte er in der Gewichtsklasse bis 60 Kilogramm einen deutschen Meistertitel. Er war unter anderem Asienmeister und WM-Teilnehmer. Der 36-Jährige arbeitet als Karate- und Fitnesstrainer und Schwimmmeister im „Aquantic“ in Goslar. Ajdadi hat die deutsche und iranische Staatsbürgerschaft, sein Sohn Mayan wurde 2019 in Goslar geboren.
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Nicht alle Iraner in Deutschland trauen sich, offen zu reden. Eine Frau, die in Seesen lebt, meldete sich trotz Rückrufbitte nicht; den Kontakt zu ihr hatte der Verein „Leben in der Fremde“ vermittelt. Ein Iraner im Rentenalter, der 1976 nach Deutschland kam und in Goslar lebt, äußerte sich zwar, aber er will seinen Namen nicht in der Zeitung veröffentlicht sehen. Er befürchtet, seine Mutter in Teheran könnte auf eine Polizeiwache gerufen werden, wenn die Behörden davon erfahren, dass ihr Sohn sich kritisch über das Regime geäußert hat. Der Mann, der aktuell als freier Dozent arbeitet, antwortet sehr deutlich auf die Frage, wie er die Debatte darüber verfolgt, ob der Angriff Israels und der USA völkerrechtskonform ist.
„Wie kann man nach dem Völkerrecht fragen, wenn man sieht, was 47 Jahre lang passiert ist?“ Es habe keine andere Möglichkeit gegeben, sagt der Mann, der neben der iranischen die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt. Er erinnert an die vielen Getöteten und sagt, die iranische Republik habe viele Tausend Menschen „auf offener Straße umgebracht“. Wer etwas gegen die Regierung sage, werde zum Feind des Islam erklärt und müsse hingerichtet werden. So sei die Situation in Iran. Das Regime würde nur „diese Sprache verstehen“, das würden „die Europäer“ aber nicht erkennen.
Auf den Straßen getötet
Shahab Stein (35) lebt seit neun Jahren in Deutschland, hier hat er seine Frau geheiratet, sie stammt ebenfalls aus Iran. Beide haben mittlerweile die deutsche Staatsangehörigkeit. Stein promoviert an der TU Clausthal im Fach Maschinenbau. Er stammt aus Kurdistan aus der Stadt Kermansha. Auch die werde von den USA und Israel derzeit angegriffen, weil es dort viele öffentliche Einrichtungen gebe, auch militärische Anlagen.
Shahab Stein promoviert an der TU Clausthal. Foto: Privat
Er habe vor allem Angst, sagt Stein, dass auf das jetzige Regime wieder eine Diktatur folge. Daher sieht er die Rufe nach dem Schah-Sohn kritisch. Auf die Frage nach dem Völkerrecht antwortet er: „Wenn das Regime jetzt verschwindet und danach keine Diktatur kommt, dann war der Angriff richtig.“ Eines ist ihm noch wichtig zu erwähnen. Er habe viele Freunde in Teheran, die würden ihm berichten, dass nach den jüngsten Demonstrationen nicht 38.000 oder 40.000 Menschen auf den Straßen erschossen worden seien. „Das waren viel mehr.“
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