Henning von Tresckow: Weltreisender und Karriere in Uniform
Die in Braunschweig geborene Erika Karola Olga von Falkenhayn, spätere Ehefrau Henning von Tresckows, ist die Tochter des ehemaligen preußischen Kriegsministers Erich von Falkenhayn. Dieses Foto aus Jerusalem zeigt das 13-jährige Mädchen im Mittelpunkt der Aufnahme mit seinem Vater und osmanischen Militärs wie Cemal Pascha sowie mit Konsul Heinrich Brod 1917 am Bahnhof von Jerusalem. Foto: American Colony Photographic Department – Library, https://www.loc.gov/resource/ppmsca.13709/?sp=107
GZ-Serie: Henning von Tresckow verlässt 1920 das Militär, studiert und reist um die Welt. Nach Geldproblemen zieht er die Uniform wieder an – und ist von Hitler angetan.
GZ-Serie zu den Tresckow-Brüdern
Zwei Goslarer Ratsgymnasiasten im Widerstand gegen Adolf Hitler
Studium, Arbeit als Börsenmakler und Weltreise
Tresckow merkt, dass das „Rüstzeug, das ihm die Schule mitgegeben hatte“, ihm nicht genügt, um eine eigene Meinung zu bilden. Er entschließt sich, ein Studium aufzunehmen, verlässt am 31. Oktober 1920 die Reichswehr und studiert erst an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität und 1921 an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel Rechtswissenschaften, hört dort auch Vorlesungen über Politik, Welthandel und Finanzwirtschaft. Im Januar 1923 ergreift er die Chance, im Potsdamer Bankhaus Wilhelm Kann zu arbeiten. Er lernt schnell und wird bald ein sehr erfolgreicher und vermögender Bankkaufmann. So kann er die Familienkasse entlasten und für die Schwester Marie-Agnes von Tresckow sorgen. 1924 lernt er den sechs Jahre älteren Oberleutnant Dr. phil. Kurt Hesse kennen. Hesse ist bereits ein erfolgreicher Militärschriftsteller. Als Tresckow erfährt, dass Hesse eine Weltreise plant, bittet er ihn, ihn mitzunehmen. Hesse ist beeindruckt von dem weltmännischen Benehmen des Dreiundzwanzigjährigen, von seiner Höflichkeit und von der Art und Weise, wie er über weltpolitische und weltwirtschaftliche Fragen urteilt. Vor Antritt der Reise besucht Hesse noch die Familie von Tresckow auf Gut Wartenberg. Die beiden preußischen Offiziere aus dem Infanterieregiment 9 Berlin, ein 29-jähriger promovierter Militärschriftsteller und ein 23-jähriger erfolgreicher Bankkaufmann, verlassen im Juli 1924 Berlin.GZ-Serie: Widerstand gegen Hitler (1)
Gerd und Henning von Tresckow sind Schüler am Goslarer Gymnasium
Auf der „Antonio Delfino“ nach Südamerika
Die Weltreise soll Hennings „Horizont erweitern und auch geschäftlich von Nutzen sein.“ Die Stationen sind London, Frankreich, Besuch der französischen Kriegsfelder, Schiffsreise mit der „Antonio Delfino“ nach Rio de Janeiro (Reise von Rio bis Blumenau), Uruguay, Argentinien und Chile. Hier erfährt Henning, dass das Gut Wartenberg in einer finanziellen Krise steckt. So tritt er die Rückreise über Peru, Panamakanal, Kuba, New Orleans, Washington und New York an. Dort besteigt er auf dem Hudson River die „München“. Am 8. September 1924 ist er wieder in Deutschland. Er kann den Besitz retten, ist aber kein vermögender Mann mehr und muss sich eine neue Aufgabe suchen. Der Beruf eines Bankkaufmanns befriedigt ihn nicht mehr. Für viele seiner Bekannten ist es unverständlich, dass er seine erfolgreiche kaufmännische Tätigkeit nicht fortsetzt, sondern „seine Gaben in den Dienst des Ganzen“ stellt und wieder Offizier wird.
Hochzeit in einer kleinen Dorfkirche
Bevor er den Dienst antritt, heiratet er am 18. Januar 1926 in der kleinen Dorfkirche in Bornstedt Erika Karola Olga von Falkenhayn, geboren am 25. September 1904 in Braunschweig, die Tochter des ehemaligen preußischen Kriegsministers Erich von Falkenhayn. Es gibt ein Foto aus Jerusalem, in dessen Mittelpunkt (!) Erika von Falkenhayn steht. Seine Frau hatte er bereits vor seiner Weltreise kennengelernt. Sie hatten sich am 8. Februar 1925 verlobt. Es entsteht eine glückliche Ehe. Das Ehepaar hat die vier Kinder Mark (geboren am 18. April 1927 in Potsdam), Rüdiger (17. Juni 1928 in Potsdam), Ruth Uta (19. Februar 1931) und Adelheid (20. September 1939 in Potsdam).
Henning von Tresckow liebt seine Familie. Sonntags geht die Familie von der Wohnung Am Kanal 7 in die Garnisonkirche in Potsdam. Hier werden auch die beiden Söhne am 11. April 1943 konfirmiert. Zur Konfirmation liegt eine Rede von Henning von Tresckow vor. In ihr verbindet er mit dem Begriff Freiheit sein Preußentum mit seinem Christsein. Erika von Tresckow weiß zu diesem Zeitpunkt bereits von den gescheiterten Attentaten und versteht, was er ihr offenbart.
Natürlich gehören zum Familienleben auch die Sommerurlaube in Wartenberg und die Kontakte zu seinem älteren Bruder Gerd. Vor seinem erneuten Diensteintritt in die Armee erleben wir den 25-jährigen Henning von Tresckow als einen konservativen, aber auch unangepassten jungen Menschen (ein Offizier durfte erst mit 27 Jahren heiraten), christlich eingestellt und sehr familienverbunden, wie es ihm in der Familie in Wartenberg vorgelebt und in der Schule unterstützt wurde. Vor und während der Weltreise hatte er gezeigt, dass er spontan und zielorientiert handeln kann.
Goslar-Auftritt: Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg (Mitte) spricht am 9. August 1923 vor der Kaiserpfalz – zwei Jahre später wird er Reichspräsident. Foto: Archiv Geyer
Schwierige Situation in der Weimarer Republik
Durch persönliche Vermittlung des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg kann er als Leutnant am 1. Februar 1926 und Zugführer der 1. Kompanie des Infanterie-Regiments 9 seinen Dienst antreten. Von nun an widmet der junge Ehemann seine Aufmerksamkeit seiner Karriere. Er wird am 1. Februar 1928 Oberleutnant und Adjutant des 1. Bataillons. Mit Sorge nimmt er die wirtschaftlich und politisch schwierige Situation in der Weimarer Republik wahr. Trotz seiner liberalen Grundeinstellung, die ihn von den meisten seiner Kameraden unterscheidet, wird er „von Hitler und dem Nationalsozialismus angezogen.“ Hitlers „nationalsoziales Konzept“ entsprach seinen Ansichten. „Nicht minder überzeugten Hitlers Wehrfreudigkeit und Aufrüstungswillen.“ So begrüßte er auch den Machtantritt Adolf Hitlers 1933. Am 21. März 1933 paradierte Tresckows Bataillon nicht nur vor Hitler und Hindenburg, sondern auch vor den Repräsentanten der konservativen Führungsschichten. Am 1. Mai 1934 wird Tresckow zum Hauptmann befördert, nachdem er schon im März die Zulassung zur Führungsakademie erhalten hat.GZ-Serie: Widerstand gegen Hitler (2)
Treschow-Brüder halten bis zum Tod Verbindung zur Goslarer Schule
„Hochbegabter Offizier und glühender Patriot“
Henning von Tresckow verhält sich ähnlich wie viele spätere entschiedene Widerständler, von denen einige sogar anfangs begeisterte Nationalsozialisten waren. Mit Militärhistoriker Manfred Messerschmidt spricht man von einer „Teilidentität der Ziele“. So waren die Offiziere zum Beispiel durch die „Wiederherstellung ihrer gesellschaftlichen Bedeutung“ und durch die „allgemeinen Aufwertung der Armee“ zufrieden gestellt. „Hitler … nannte Reichswehr und Partei die ‚zwei Säulen‘, auf denen das System ruhe.“ Über den Offizier Henning von Tresckow, dessen Wohnung in Potsdam bald zu einem gesellschaftlichen Mittelpunkt wird, äußert sich Feldmarschall Erich von Manstein: „Er war ein hochbegabter Offizier und ein glühender Patriot. Klugheit, Bildung, weltoffenes und weltmännisches Wesen verliehen ihm einen besonderen Charme. Seine elegante aristokratische Erscheinung fand eine vollkommene Ergänzung in seiner ebenso klugen wie schönen Frau.“
Die Nacht der langen Messer: Schlag gegen die SA
Nach dem 30. Juni 1934 ändert sich Tresckows Einstellung zu Hitler und seinen Gefolgsleuten grundsätzlich durch die rechtswidrige Ermordung Ernst Röhms, vieler SA-Führer und von vermeintlichen Gegnern des Regimes, darunter auch die Generäle Kurt von Schleicher und Ferdinand von Bredow. Seine Ablehnung des nationalsozialistischen Regimes ist auch seinen Kameraden in der Kriegsakademie bekannt, die er seit dem 1. Oktober 1934 besucht. Am 26. Oktober 1936 besteht er die Dolmetscherprüfung in Englisch.
Heinz Guderian kennt Goslar ebenfalls. Wie auch Erwin Rommel hat er eine Vergangenheit bei den Jägern. Foto: ullstein bild
Im Sommer 1936 macht er die Bekanntschaft mit Oberst Heinz Guderian. Die beiden Offiziere werden über fachliche Fragen gesprochen haben. Oder haben sie sich auch an Goslar erinnert? In der Kriegsakademie beklagt er als einer der am besten gebildeten Lehrgangsteilnehmer seine Wissenslücken. So sei er zum Beispiel außerstande, „Griechenlands Klassiker im Urtext zu lesen.“ Hätte er lieber in Goslar das Gymnasium besucht? Obwohl er inzwischen seine Abneigung gegen Hitler und die Nationalsozialisten nicht verbirgt und der Kirchenkampf ihn als überzeugten Christen empört, beendet er als Bester seines Jahrgangs die Ausbildung an der Kriegsakademie und wird am 28. September 1936 in die erste Abteilung des Generalstabs im Reichskriegsministerium versetzt. Die Familie zieht nun vom Potsdam nach Berlin.
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