Zähl Pixel
GZ-Interview mit Buchautor Tim Pröse

GZ Plus IconDie Kinder des 20. Juli: Lehren aus dem Widerstand gegen Hitler

„Wir Kinder des 20. Juli“: Buchautor Tim Pröse liest am 25. September im Kulturmarktplatz.

„Wir Kinder des 20. Juli“: Buchautor Tim Pröse liest am 25. September im Kulturmarktplatz. Foto: Heyne

Die Väter ließen ihr Leben im Widerstand gegen Hitler. Autor Tim Pröse begleitet die Kinder des 20. Juli und beschreibt ihr Leben und Leiden. In einem GZ-Interview spricht er über Motivationen und Gefühlslagen. Am 25. September liest er in Goslar.

author
Von Frank Heine
Freitag, 20.09.2024, 04:00 Uhr

Goslar. Gegen das Vergessen: Die Töchter und Söhne des Widerstands gegen Hitler erzählen ihre Geschichte. Eigentlich sagt der Untertitel seines Buches schon alles, wenn Spiegel-Bestsellerautor Tim Pröse am Mittwoch, 25. September, nach Goslar kommt. Der frühere Focus-Journalist und Chefreporter der Münchner Abendzeitung stellt auf Einladung der Stadtbibliothek ab 19.30 Uhr im Raum Archacon im Kulturmarktplatz sein neues Werk „Wir Kinder des 20. Juli“ in einer szenischen Lesung vor. Einlass ist ab 19 Uhr. In einem GZ-Interview hat Pröse acht Jahrzehnte nach dem gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler mit GZ-Redakteur Frank Heine darüber gesprochen, wie es den Nachfahren jener mutigen Männer ergangen ist, welche unterschiedlichen Beurteilungen ihren Vätern im Laufe der Geschichte zuteil geworden sind und welches Vorbild für die Zukunft sie geben können.

Tim Pröse, Sie kommen nach Goslar und lesen im Kulturmarktplatz aus Ihrem Buch „Wir Kinder des 20. Juli“. Eine kleine gemeine Frage zum Einstieg: Wissen Sie, was Goslar mit dem Widerstand gegen Hitler zu tun hat?

Da hätte ich mich tatsächlich besser vorbereiten müssen, und ich freue mich, wenn Goslar eine Parallele hat, die ich entdecken möchte. Ich bin sehr gespannt. Bitte, helfen Sie mir, Herr Kollege!

Henning von Tresckow und sein Bruder Gerd sind als Alumnaten des Klosters Loccum ein paar Jahre am Goslarer Ratsgymnasium zur Schule gegangen.

Das ist ja hervorragend. Tresckow war das Herz und Hirn des deutschen Widerstands. Ich bewundere ihn, und das motiviert mich einmal mehr, bei Ihnen zu sein. Die Vorfreude auf diese Lesung wächst, auch, weil ihr Thema angesichts der politischen Ereignisse hochaktuell ist.

Sie zitieren Henning von Tresckow gegen Ende mit dem Satz: „Wer seinen Kinderglauben sich bewahrt, in einer reinen und unbefleckten Brust, und gegen das Gelächter einer Welt zu leben wagt, wie er als Kind geträumt bis auf den letzten Tag: Das ist ein Mann.“ Er hat sich nach dem Attentat an der Ostfront selbst erschossen. Was, meinen Sie, hat die Menschen angetrieben, die sich gegen die Nazis und ihren „Führer“ unter Lebensgefahr zur Wehr gesetzt haben?

Das deutet Tresckow mit seinen Worten an, dass sich diese unglaublich tapferen, mutigen Männer etwas Kindliches und ein reines Herz bewahrt hatten. So wie ein Kind ein Gerechtigkeitsempfinden hat. Und wenn man erwachsen ist, verändert sich das bei vielen von uns. Bei diesen Männern und Frauen aber ist das geblieben. Ein moralischer Kompass, der sauber arbeitet. Für die Freiheit und für die Menschen. Das hat mich sehr beeindruckt. Sie hören schon heraus. Das Kindheitsthema ist das Thema meines Buches geworden, das den Untertitel trägt: „Die Töchter und Söhne des Widerstands gegen Hitler erzählen ihre Geschichte“. Ich habe Kinder von Helden begleiten dürfen, die das Vermächtnis ihrer Väter weiterleben. Etwa Klaus von Dohnanyi, Wilhelm von Schwerin von Schwanenfeld, Helmuth Caspar Graf von Moltke oder Berthold von Stauffenberg.

Sie haben sie begleitet, mit Ihnen geredet, sie erlebt. Was spiegelt sich in Ihnen wieder vom Erbe der Väter?

Ich sehe es ganz symbolisch. In meinen Augen halten sie die Fackel ihrer Väter und Mütter in den Händen. Es ist eine Art Staffel-Übergabe. Sie haben ihre Väter verloren, mehr als 200 wurden in Berlin-Plötzensee aufgehängt. Sie mussten ohne den Vater ein Leben beginnen. Aber das Licht des Vaters, die Stärke, die Energie haben sie ein ganzes Leben lang für sich bewahren können. Und sie haben das als Ansporn genommen für ihre Leben, dieses Licht nicht erlöschen zu lassen. Sie haben sich bemüht, im Sinne des toten Vaters weiterzuleben.

Die Attentäter wurden in der jungen Bundesrepublik lange eben nicht als Helden, sondern eher als Verräter an Deutschland gesehen. Tresckows zum Beispiel wurden in der ersten RG-Chronik falsch geschrieben und pflichtschuldigst erwähnt. Welche Lebensphasen haben die Kinder durchgemacht? Oder anders: Gab es auch sich verändernde Sichtweisen der Kinder auf Ihre Eltern?

Die meisten mussten tatsächlich in den 50er-Jahren, als sie Schulkinder waren, mit dem Vorurteil leben, ein Verräterkind zu sein, weil der Vater angeblich ein Vaterlandsverräter war. Und sie haben sich dennoch nicht von einem geraden Weg abbringen lassen. Sie haben erlebt, wie die Mütter keine Witwenrente bekommen haben, sie haben die Ungerechtigkeit unseres Staates damals gespürt. Umso schöner ist es jetzt, zum 80. Jahrestag des Attentats zu erleben, dass unser Land diesen Männern und Frauen dankt. Und dass wir sie in Ehren halten. Dafür hat es sich gelohnt, ein ganzes Leben lang als Kind eines solchen Helden die Ehre des Vaters hochzuhalten. Durch die unterschiedlichen politischen Stimmungen, auch durch die politischen Zeiten hindurch. Und dass wir uns heute Gott sei Dank einig sind, dass wir wunderbare Vorbilder haben für unser Heute. Deswegen habe ich dieses Buch geschrieben, weil wir heute manchmal verzagen und verzweifeln an unserem Heute. So können wir uns erinnern, was diese Männer und Frauen an ähnlichen Herausforderungen schon einmal geschultert haben.

Himmlers Rache auch an den Kindern war jedenfalls furchtbar. Sie wurden den Familien weggenommen, in spezielle Heime gesteckt und ihrer Nachnamen beraubt. Friedrich-Wilhelm Hase hat das als Sohn eines Verschwörers bei einer Lesung in Goslar einmal sehr eindringlich beschrieben, wie brutal es im Borntal bei Bad Sachsa im Harz ablief. Bevor er in hohem Alter ein Buch schrieb, um seinen Eltern ein Denkmal zu setzen, hat er lange nicht über die Zeit reden können. Und auch aus Selbstschutz früh einiges vergessen und verdrängt. Welche Ähnlichkeiten gibt es zu Ihren Kindern des 20. Juli?

Das stimmt. Einige von ihnen waren erst einmal auch wütend auf den Vater. Sie haben ihn praktisch imaginär gefragt: „Papa, warum musstest du uns das antun? Hast du auch mal an uns gedacht? Du hast uns hier allein gelassen mit der Mama. Und wir mussten auf dich verzichten.“ Das haben einige ihr Leben lang so empfunden. Und das kann man ja gut verstehen. Und diejenigen, die ihre Zweifel hatten, haben sie in den letzten Jahren ablegen können, weil sie als ältere Menschen eingesehen haben, was der Vater für Deutschland tun musste. So wie bei Hase auch. Es ist doch ein Wahnsinn, dass dieser Ort, an den Kinder verschleppt wurden, so nahe an Goslar liegt, einer Stadt, die so herrlich heil und intakt geblieben ist. Dass direkt in ihrer Nachbarschaft ausgerechnet jener Ort liegt, an dem die Kinder aushalten mussten.

Welches Schicksal hat Sie am meisten mitgenommen, beeindruckt oder sogar Spuren hinterlassen?

Ich hatte tatsächlich das Glück, dass ich einen Mann wie Philipp von Boeselager, der ja einer der Helden des 20. Juli war – er hatte speziellen Sprengstoff besorgt – noch kurz vor seinem Tod erwischen durfte. Dass er überhaupt überlebt hatte – wie durch ein Wunder. Dass er eben nicht gefoltert und nicht hingerichtet wurde, war für mich eine journalistische Sensation. Ich habe mich sehr gefreut, ihm zu begegnen. Aber ich war natürlich auch sehr dankbar, für mein Buch „Die Kinder des 20. Juli“ einem Mann wie Berthold von Stauffenberg zu begegnen, der 90 Jahre alt ist. Und den ich gefragt habe, als ich in seinem Wohnzimmer saß und das Kreuz an der Wand sah: „Graf Stauffenberg, darf ich Sie das fragen: Als Christen glauben wir ja an ein Wiedersehen eines Tages. Ist das bei Ihnen auch so?“ Da hat er geantwortet: „Ja, ich werde meinen Vater bald wiedersehen. Eines nicht so fernen Tages. Ich weiß nicht, wie das sein wird, aber ich bin mir sicher, ich werde ihn wiedersehen.“ Das hat mich sehr bewegt.

Wie haben Sie das Vertrauen der Menschen gewonnen, die Nähe ja erst einmal zulassen mussten?

Das kennen Sie gut, lieber Kollege Heine. Ich war ja wie Sie Lokalreporter. Da geht man auf die Menschen zu. Und dann kommt es einfach auf eine gewisse menschliche Sorgfältigkeit an, dass Menschen sich einem wirklich öffnen. Das haben wir beide gelernt. Es ist wie im normalen Leben: Man benimmt sich, ist anständig, ist aufrichtig interessiert gegenüber seinen Gesprächspartnern. Und mit etwas Glück gelingt es, dass der Held eines Buches wirklich seine Seele öffnet. Dann wird es spannend, und dann geht man in die Tiefe. Das wird manchmal sehr traurig. Aber zugleich ist es das Erhebende und Schöne, dass man wirklich in den Menschen schauen darf. Und das ist mir bei den „Kindern des 20. Juli“ geglückt. Die haben alle ihr Herz geöffnet für dieses Buch.

Sie haben vorher schon in den Jahrhundertzeugen Botschaften der letzten Helden gegen Hitler beschrieben. Inwiefern ist die Beschäftigung mit diesem Thema eine Herzensangelegenheit?

Es stammt fast aus meiner Kindheit. Ich hatte neben meinem Winnetou-Poster und neben dem von Udo-Lindenberg ein Sophie-Scholl-Bild in meinem Kinderzimmer hängen. Als ich dann später anfing als Journalist in München, war es für mich klar, dass ich eine große Geschichte machen muss über Sophie Scholl, die in München ermordet wurde. Ich habe Kontakt zu der überlebenden Schwester von Sophie Scholl geknüpft und daraus wurde eine Freundschaft. Inge Scholl vertraute mir bis dahin unbekannte Erinnerungen an Sophie an. Davon erzähle ich bis heute an Schulen, wenn ich dort vortrage. Ich war in 250 Schulen im ganzen Land mit meiner Hommage an Sophie Scholl oder mit meiner Hommage an Oskar Schindler. Jetzt mit meinem Abend für Claus von Stauffenberg oder für die Kinder des 20. Juli. Das ist ein Lebensthema geworden. Ich bin auch immer auf der Suche gewesen, so lange es noch ging, nach so genannten Leuchtturm-Menschen, die ihr Licht damals ins Dunkel geschickt haben. Und die wir bis heute brauchen.

Was macht die Aufgabe so anders im Vergleich zu Biographien von Mario Adorf, Dieter Hallervorden und Jan Fedder? Der übrigens auch mal in Goslar gedreht hat.

Es sieht vermeintlich so aus, dass das ein großer Unterschied ist, ob man gewichtige Zeitzeugen oder ob man solche Schauspieler porträtiert. Das ist in dem Fall dieser drei Künstler-Biografien aber gar nicht so unterschiedlich, weil es drei Giganten waren und sind. Drei richtige Charakterköpfe, die vom Aussterben bedroht sind. Insofern hatten sie menschliche Ähnlichkeiten zu den Jahrhundertzeugen und auch den Kindern des 20. Juli, weil man bei diesen Künstlern ähnlich tief in die Seele schauen durfte. Was es mir einfach gemacht hat, ein gutes Buch darüber zu schreiben, weil sich jemand geöffnet hat.

Aber zurück zu den Kindern des 20. Juli: Was können die Menschen im Jahr 2024 in einer politisch zunehmend rauer werdenden Zeit von ihnen lernen?

In meinem Buch mahnen die Kinder des 20. Juli, dass wir uns den Feinden unserer heutigen Demokratie von den linken und rechten Seiten erwehren müssen. Dass unsere Demokratie nicht selbstverständlich ist und unsere Freiheit erst recht nicht – Stichwort: Ukraine-Krieg. Dass wir wachsam bleiben müssen gegen das, was unsere Freiheit, unsere Demokratie bedroht. Und wer könnte uns besser daran erinnern, als diese Zeugen eines Jahrhunderts, als die Zeugen des 20. Juli, deren Väter ihr Leben gegeben haben, für diese Werte, für die Freiheit? Ich finde, das sind höchst glaubwürdige Mahner im Gegensatz zu manchem, der in der Politik in der Theorie darüber spricht.

Und was darf das Goslarer Publikum am 25. September von Tim Pröse erwarten?

Sie können einen Mann erwarten, der sich unglaublich freut, nach Goslar zu kommen. Immer, wenn ich in Niedersachsen auf Lesereise bin, versuche ich abzubiegen, um einen Tag in Goslar zu sein und um die Idylle der Stadt zu genießen. Ich komme aus einer Bergmannstadt, aus Essen, und ich sitze auf Ihrem Marktplatz, höre dann diese Glück-auf-Melodie und fühle mich heimisch. Und ich genieße, dass alles bei Ihnen so unzerstört und friedvoll scheint. Da sind wir ja wieder beim Thema. Das genau wollten die Männer und Frauen der Kinder des 20. Juli. Sie wollten, dass Deutschland nicht ganz zerstört wird. Und wenn ich in Goslar bin, kann ich das mit eigenen Augen sehen, dass es so etwas in unserem Land tatsächlich gibt. Sie werden nicht enttäuscht werden. Ich werde versuchen, die Menschen in Goslar mit den Kindern des 20. Juli zu berühren. Es ist eine Lesung, bei der das Gefühl ganz vorne steht. Und ich glaube, das wird mir in dieser Stadt gelingen.

Karten für die Lesung gibt es unter (05321) 704493 sowie per Mail über stadtbibliothek@goslar.de, an der Ausleihtheke der Bibliothek oder an der Abendkasse für acht Euro (für Schüler ermäßigt sechs Euro).

Die Redaktion empfiehlt
Weitere Themen aus der Region