Die Goslarer Kaiserworth: Vom Gildehaus zum Hotel
Der "Blecker" an der Kaiserworth streckt den Passanten die Zunge heraus. Foto: Piegsa
Die Goslarer Kaiserworth – Gildehaus, Hotel und Touristenattraktion: Das Gebäude, das in den rund 530 Jahren seines Bestehens mehrfach umgebaut wurde, zeugt vom Reichtum seiner Besitzer und der Kunstfertigkeit der Handwerker.
Goslar. Die Worth, Gildehaus der Goslarer Fernhandelskaufleute und Tuchhändler: Eines von Goslars eindrucksvollsten Bauten steht direkt am Markt und will seit jeher seinem Nachbarn, dem Rathaus, Konkurrenz machen: Das 1494 errichtete Gildehaus der Fern- und Großkaufleute, die häufig auch in irreführender Übersetzung des Wortes „wandsnider“ als „Gewandschneider“ bezeichnet werden.
Dieses Haus, die „Wort“, später „Worth“ und seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts „Kaiserworth“ genannt, gehört „unstreitig zu den hervorragendsten Zierden der altertümlichen Stadt“, wie die Goslarsche Zeitung am 22.06.1870 schrieb. Und immer wieder wurde das Haus in seinen 530 Jahren umgebaut, sodass wir momentan nur bruchstückhaft dessen Baugeschichte rekonstruieren können.
1290 schlossen sich die zuvor lediglich gewerblich organisierten Verbände nach langjährigem zähem Ringen zu Zünften zusammen, die die wirtschaftlichen Interessen der Mitglieder gemeinsam vertraten und rechtlich den Zunftzwang ausüben konnten. Die Abgrenzung zwischen Zünften, in denen sich die Handwerker organisierten und Gilden, die von Kaufleuten gebildet wurden, ist fließend. Die wichtigste und wohlhabendste Gilde war die der Fernhandelskaufleute, in der sich Tuchhändler zusammengeschlossen hatten. Diese Gilde, nach dem Standort ihres Gildehauses auch Worthgilde genannt, war die wichtigste der fünf ratsfähigen Gilden: Sie stellte jeweils sechs Ratsherren, die anderen je zwei. Erwirtschaftetes Kapital legten sie in Grundstücken an, so an der Südseite des Marktplatzes und an der heutigen Worthstraße, wo auch ihr erstes Gildehaus stand.
Das Hotel Kaiserworth 1892. Foto: Privat
Gildehäuser waren Gesellschafts- und Verwaltungsgebäude der städtischen Handwerkerzünfte und der Kaufmannsgilden seit dem späten Mittelalter. Besonders aufwändig waren die Gilde- oder Zunfthäuser der reichen Tuchhändler. Die Häuser umfassten einen großen Saal für Versammlungen und Festlichkeiten, Verwaltungsräume und teilweise auch Lager- und Schauräume. Hier fanden die regelmäßigen Besprechungen der Gilde statt, aber auch „Schmausereien und Zechgelage“, gewöhnlich mehrere Tage und häufig mit Tanz.
Das spätgotische Gildehaus der Worthgilde
In Goslar errichteten die Fernhandelskaufleute 1494, wohl auf Kellern von Vorgängerbauten, ihr repräsentatives spätgotisches Gildehaus, die Worth, wobei dieser Begriff eine geographische Bezeichnung für Grundstück ist. Der Verkauf der Tuche wurde auf dieses Verkaufshaus und dessen Arkaden im Erdgeschoss beschränkt. Hier befanden sich für die einzelnen Gildemitglieder die Verkaufsstände oder Buden.
Blick in die Worth-Halle, etwa 1885. Foto: Stadtarchiv
Über den sechs Arkaden des Gildehauses wird sich, ähnlich der Däle im Rathaus, ein großer Saal befunden haben. An dessen Giebelseiten waren laut Griep zwei große Kamine. Hinter den Arkaden, vielleicht auch in den Kellerräumen und über dem Saal, sind Lager für Tuchwaren zu vermuten. Die mit Kreuzgewölben überspannte „Worthhalle“, zuletzt als Restaurant genutzt, war früher eine zweitorige Durchfahrt zum Hof. Im Seitengebäude entlang der Worthstraße befand sich die Gildestube und die damit verbundene Wirtschaft. 1815 wurde dieses Nebengebäude abgebrochen.
Die Schaufassade des Gildehauses
Die Hausfassade zum Marktplatz ist symmetrisch aufgebaut. Über der Arkadenzone befindet sich in der Mittelachse ein Schmuckerker in Form eines halben Achtecks, der aus der barocken Umbauphase von 1684 stammen soll. Er ruht auf einer kelchförmigen Konsole, ragt als verschieferter Turmaufsatz über die Traufe hinaus und läuft heute in einer mit Schiefer gedeckten geschweiften Haube aus. Ihre Spitze wird von einem vergoldeten Adler gekrönt. Die Stadtansicht „Goslaria“ von Christian Schmidt von 1732 zeigt die Vorgängergestalt des Turms: „Der Mittelerker besaß bis 1780 eine hohe Turmspitze, die beim Brand 1780 von den zur Löschhilfe herbeigerufenen Oberharzer Bergleuten herabgestürzt“ wurde, so Griep.
Beidseits des Erkers befinden sich je zwei zweiteilige Fenster, möglicherweise ursprünglich Kreuzstockfenster, die, so Griep, wohl 1882 vergrößert wurden. „Der glatte Putzüberzug hat zwar alle Spuren verwischt, aus denen man die Form und Lage der alten Fenster erkennen könnte; aber die überaus reiche und zierliche Gestalt des alten Erkers über dem mittleren Hallenpfeiler und die ausschweifende Phantasie, welche sich in der Bildung der Konsolen unter den Baldachinen und über den schmalen Figurennischen ausspricht, ist ein sicheres Zeichen dafür, dass an Stelle der jetzt so öden Mauerflächen und Fenster und des unschönen Erkeraufsatzes einstmals eine üppige Spätgothik der Schauseite des vornehmsten Gildenhauses ihr eigenartiges Gepräge verliehen hat.“ bedauert von Behr im 1901 erschienenen Buch „Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover“.
Konsolen-Figuren: Abundandia, Dukatenscheißer, Herakles und die Kaiser. Foto: Piegsa
Die Fenster sind voneinander durch Nischen, gefüllt mit Kaiserfiguren, abgesetzt. Der Fassadenschmuck zeugt vom Reichtum der Besitzer und damit auch der Stadt Goslar, insbesondere die Figuren der „Abundantia“, der Göttin des Überflusses, und das unter ihr hockende „Dukatenmännchen“.
Bauliche Veränderungen finden nicht nur Zustimmung
Nicht bei allen stieß das Aussehen nach Stadtbrand und späteren Umbauten auf Gegenliebe, wie dem Goslarer Wochenblatt No. 50 von 1870 zu entnehmen ist. Bei seiner Harzreise hatte Heinrich Heine sich schon 1826 über die Standbilder der Kaiser, in seinen Augen gebratene Universitätspedelle, lustig gemacht. Sie stammen aus dem 17. Jahrhundert und scheinen ursprünglich einen anderen Bestimmungsort gehabt zu haben.
Lebensfreude: Ein Tanzpaar an der Fassade der Kaiserworth. Foto: Piegsa
Neben dem Äußeren wurde insbesondere das Innere der Worth im 19. Jahrhundert völlig umgebaut, wie von Behr bei der Denkmalinventarisierung bedauernd feststellt. Auch von dem reichen alten Inventar sei nichts mehr vorhanden; „es wurde, nachdem die Wort 1809 von der französischen Verwaltung zusammen mit den anderen Gildehäusern als Staatseigenthum eingezogen war, zu Gunsten der Amortisationskasse versteigert, darunter zehn werthvolle Kaiserbilder.“ Heute, 2025, ist festzustellen, dass in der Zwischenzeit das Haus entsprechend den wachsenden Ansprüchen an ein Hotel, weiter verändert wurde, vergrößert, modernisiert und mit Bädern, neuen Fenstern und Aufzug ausgestattet.
Kaiser aus Holz, Dukatenscheißer aus Stein
Zählen die Kaiserfiguren nicht zum Ursprungsbau, so macht auch die leere westliche Nische auf einen Verlust aufmerksam: Hier soll laut von Behr noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts „eine Figur der Liebe, dargestellt als Mutter mit einem Kinde auf dem Arme und einem anderen, das zu ihren Füssen spielt“ gestanden haben. Diese Figur der Caritas und die Figuren von Abundandia und Herkules auf der Ostseite deuten darauf hin, dass in den Nischen einst die Tugenden dargestellt waren. Aus welchem Grund auch immer: die „Erstbewohner“ der Nischen wurden später durch hölzerne Kaiserfiguren ersetzt. Und auch diese Kaiserfiguren sind heute, obwohl bereits mehrfach „verarztet“, leider nicht mehr vollständig.
Gleichwohl: Die Fassade der Worth ist imponierend. Die gotischen Baldachine über und die Konsolen unter den Nischen, reich geschmückt mit Fialen und Krabben, finden als Steinmetzarbeiten in Goslar nicht ihresgleichen. Welcher Einheimische, welcher Tourist hat wahrgenommen, dass die Gestalt eines buckligen Mannes den Erker trägt, wer den Schwertkampf zweier Männer, den Blecker mit ausgestreckter Zunge zur Abschreckung des Bösen? Wer bemerkte den Drachen, der einen Mann umschlingt, die zwei Figuren, die das Wappenschild der Worthgilde halten, die beiden Hunde in gotischem Rankenwerk? Und wer freute sich über die Darstellung von Adam und Eva oder das tanzende Paar?
Adam und Eva. Foto: Piegsa
Herkules und Abundandia an der Ostseite ziehen die Blicke eher auf sich. Er als Vorbild für tugendhaftes Verhalten und vorbildliches Kriegertum, sie als Personifikation des Überflusses, dargestellt als schöne Frau, die in der einen Hand ein Füllhorn, in der anderen Getreideähren hält und mit Blumen bekränzt ist. Und als ob dieser Ausdruck von Reichtum und Wohlstand der Gilde noch nicht eindrucksvoll genug ist, sitzt unter der Göttin des Überflusses ein Geld- oder Dukatenscheißer, seit dem Spätmittelalter als unerschöpfliche Geldquelle ein Begriff in der europäischen Sagenliteratur. Die älteste bekannte plastische Darstellung dieses wundersamen Geldproduzenten im deutschsprachigen Raum befindet sich an der Goslarer Kaiserworth. Als Traum vom leicht erworbenen Wohlstand wurde er, neben der Butterhanne, zum volkstümlichen Wahrzeichen der Stadt.
Das Gildehaus wird zum Hotel Kaiserworth
1831/32 beschlossen die Rechtsnachfolger der Gilde, die Worth durch Um- und Anbauten zu einer Gastwirtschaft herzurichten. Aus Marketinggründen wurde für das entstehende Hotel der Name „Kaiserworth“ eingeführt.
1869 wurde das Haus privatisiert; Heinrich Bode und Wilhelm Otto sind einige der späteren Eigentümer.Tochter Annemarie und Ehemann Johannes Mühlenkamp übernahmen das Hotel in den 1960er Jahren, modernisierten es und fanden bei der „Ergrabung“ des 1969 eröffneten Dukatenkellers eine mittelalterliche Zisterne und Kellermauern verschiedener Vorgängerbebauungen.
Es folgten Beteiligungen, Konkurs und 1987 Neustart unter Karin und Heinrich Oberhuber. Sie schicken 1988 die Kaiserfiguren vier lange Jahre in Kur. Ende 1990 wird das Diamantenquader, etwa aus dem Jahr 1640, entdeckt und 1992 das Haus mit Quadern und Ranken neu gestrichen.
2013 verfügt das Hotel über 20 Einzel- und 41 Doppelzimmer, vier Suiten, insgesamt 120 Betten, Tagungs- und Veranstaltungsräume. Anschließende Beteiligungen und letztendlich der Verkauf führen zum Niedergang des Hauses. Weihnachten 2024 dann die erlösende Nachricht: Nach mehr als zweijährigem Leerstand übernimmt die Tessner-Stiftung das historische Gebäude und wird es nach denkmalgerechter Sanierung als Hotel in die Zukunft des Welterbes führen.

Schwerttanz – zwei Konsolenfiguren an der Kaiserworth. Foto: Piegsa