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Kritik an Teil-Legalisierung

GZ Plus IconGoslarer Drogenberatung sorgt sich um junge Cannabis-Konsumenten

Getrocknete Cannabis-Blüten hat ein Mitarbeiter des „Cannabis Social Club Rhoihesse“ in ein Glas gefüllt. (Symbolfoto)

Getrocknete Cannabis-Blüten hat ein Mitarbeiter des „Cannabis Social Club Rhoihesse“ in ein Glas gefüllt. (Symbolfoto) Foto: picture alliance/dpa

Im Jahresbericht der Goslarer Drogenberatungsstelle ist ein kleiner Rückgang der Klienten zu erkennen. Vor allem macht sich die Einrichtung Sorgen, dass sie wegen der Teil-Legalisierung von Cannabis Konsumenten in der Frühphase nicht mehr erreicht.

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Von Petra Hartmann
Sonntag, 13.04.2025, 19:45 Uhr

Goslar. Die Goslarer Drogenberatungsstelle (Drobs) hat ihren Jahresbericht 2024 vorgelegt. Als negativ bewertet die Drobs die Teillegalisierung von Cannabis im April vergangenen Jahres. Eine Folge sei, dass man vor allem zu Jugendlichen in der Frühphase einer möglichen Sucht keinen oder nur wenig Kontakt bekomme.

Das neue Cannabis-Gesetz „markiert einen Wendepunkt in der deutschen Drogenpolitik“, heißt es im Bericht. Ziel der teilweisen Freigabe der Droge sei es gewesen, den Gesundheitsschutz zu verbessern, die Prävention im Kinder- und Jugendschutz zu stärken und die Drogenkriminalität zu reduzieren. „Die Realität sieht leider anders aus“, stellt die Drobs fest. Das Gesetz habe für „Verunsicherung auf allen Seiten und mehr statt weniger Arbeit bei der Polizei und anderen Behörden“ gesorgt. Eine Folge des Gesetzes: „Im Jahr 2024 haben 30 Personen weniger mit einer Cannabisabhängigkeit die Beratungsstelle aufgesucht. Wir konnten feststellen, dass dies die Altersgruppe von 15 bis 24 Jahren betraf. Es wurden weniger Personen vom Gericht mit Auflage zu uns geschickt. Es ist zu befürchten, dass der frühe Kontakt zu dieser Personengruppe verloren ist.“

Die Goslarer Beratungsstelle beklagt ferner, dass es Gelder für Präventionsprojekte wie den „Grünen Koffer“ lediglich auf Bundesebene gegeben habe. „Die Beratungsstellen vor Ort wurden nicht zusätzlich unterstützt. Die schädlichen Aspekte des Cannabis-Konsums seien weiterhin nicht zu unterschätzen. „Dies sollten Eltern wissen und ihren Kindern klar vermitteln. Eine Teillegalisierung bedeutet nicht, dass der Konsum von Cannabis weniger schädlich ist“, stellt die Drobs klar.

15 Besucher mehr als im Vorjahr

Insgesamt war die Zahl der Ratsuchenden in der Drobs leicht rückläufig. Im vergangenen Jahr besuchten 526 Personen die Beratungsstelle. Das sind 15 weniger als im Jahr 2023. Allerdings lag die Zahl in den vier Jahren davor jeweils nur leicht über 400 Personen. 436 Besucher (2023: 462) waren selbst Konsumenten und suchten Hilfe, 90 (79) waren Angehörige oder andere Personen aus dem sozialen Umfeld. Rund zwei Drittel, 67 Prozent, der Betreuten waren Männer, 33 Prozent Frauen.

Bei der überwiegenden Mehrheit stand eine Abhängigkeit von Opiaten im Vordergrund. Diese Gruppe machte 57,3 Prozent der Drobs-Klienten aus. Mit 24,6 Prozent liegt die Gruppe der Konsumenten von Cannabis an zweiter Stelle. 6,7 Prozent der Hilfesuchenden suchten Beratung wegen ihrer Probleme mit Stimulanzien, bei 3,5 Prozent ging es um Kokain-Konsum. Weitere Substanzen, zum Beispiel Alkohol, und anderes Suchtverhalten, wie Spielsucht oder exzessive Mediennutzung, spielten demgegenüber eine untergeordnete Rolle.

Niedriges Einstiegsalter

Im Bereich Cannabis ist das Alter der Klienten bei Betreuungsbeginn oft sehr gering. So betreute die Drobs vier Unter-14-Jährige, 18 Jugendliche im Bereich 15 bis 17 Jahre, 11 im Bereich 18 bis 19 Jahre. 24 Personen der Altersgruppe 20 bis 24 Jahre suchten die Drobs wegen Problemen mit Cannabis auf. Demgegenüber stehen nur jeweils zwei Personen in der Gruppe unter 14 und 15 bis 17, die wegen ihres Konsums von Opioiden die Drobs besuchten. Vier Erstbesucher im Alter von 18 bis 19 Jahren und 12 Erstbesucher im Alter von 20 bis 24 Jahren kamen wegen ihrer Probleme mit Opioiden in die Beratungsstelle. Kokain-Konsumenten unter 20 Jahre hat die Drobs nicht verzeichnet. Bei Stimulanzien waren die jüngsten Klienten 15 bis 17 Jahre alt.

Insgesamt stellen die Deutschen bei den Besuchern die größte Gruppe. Bei den Opioiden sind 222 Klienten Deutsche, 22 EU-Ausländer, sechs stammen aus anderen Ländern. Bei Cannabinoiden waren es 98 Deutsche, 4 EU-Bürger und fünf Personen aus anderen Ländern.

Die Drobs hat auch erfasst, welchen Schulabschluss die Konsumenten der jeweiligen Drogen besitzen. Personen mit Hauptschulabschluss waren sowohl bei Opiaten (140) als auch bei Cannabis (37) am häufigsten vertreten. Einen Realschulabschluss hatten 63 Konsumenten von Opioiden und 23 von Cannabinoiden. Besorgniserregend: 31 der Menschen, die wegen ihres Cannabis-Konsums Kontakt zur Drogenberatungsstelle suchten, waren noch in der Schulausbildung.

Ein Großteil der Hilfesuchenden ist arbeitslos. 172 Drobs-Klienten, die Opioide konsumieren, erhalten Bürgergeld. Bei den Menschen mit Cannabis-Problemen sind es 32. 30 Personen aus dieser Gruppe waren am Tag des Betreuungsbeginns noch Schüler.

Erweiterte Öffnungszeiten

Als sehr positiv bewertet die Drobs die erweiterten Öffnungszeiten ihres „Café Spiegel“. Hier können Betroffene sich für einige Zeit aufhalten, erhalten etwas zum Essen, können sich waschen und duschen, es gibt die Möglichkeit, Spritzen zu tauschen oder soziale Kontakte zu pflegen. Die Öffnungszeiten des Cafés sind abgestimmt auf die Öffnungszeiten der Substitutionspraxis, in der aktuell rund 200 Patienten Ersatz für ihre Drogen erhalten. Ebenfalls zufrieden ist die Drobs mit der Verteilung der Besucher: „Wider alle Erwartungen kommt es nicht zu einer Pulk-Bildung auf dem Parkplatz an der Hildesheimer Straße“, heißt es im Jahresbericht. Das liege zum einen an den längeren Vergabezeiten der Substitutionspraxis, zum anderen an der guten Akzeptanz des Café Spiegel.

Gut angenommen sei auch eine Aktion der Aidshilfe im Café. Besucher konnten sich dort an neun Terminen mit einem Schnelltest auf HIV, Syphilis und Hepatitis C überprüfen und entsprechend beraten lassen.

Als besondere Projekte werden bei der Drobs zwei kreative Aktionen in Erinnerung bleiben. Bei der ersten konnten Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis 16 Jahren eigene T-Shirts batiken und am Tag darauf eine Party auf einem Ponyhof feiern. Das zweite Projekt war ein Malkurs für Erwachsene unter dem Motto: „Kehr dein Inneres nach außen“. Drei Stunden intensives Malen und nicht minder intensive Erfahrungen, bei denen auch viele Tränen vergossen wurden. Denn die Teilnehmer setzten sich dabei mit ihrer Suchterkrankung auseinander. Am zweiten Tag lag der Fokus auf Charakterporträts und Fotografie. „Man merkt, dass die Menschen, die zu uns kommen, erst einmal ein sehr negatives Bild von sich haben. Und dann sind sie ganz erstaunt über die tollen und coolen Ergebnisse und merken: Ich bin ja doch ein toller Mensch“, fasste Anna Pielken-Rieger, die Leiterin der Drobs, die Erfahrungen mit dem Projekt zusammen.

Es war ein Projekt, das viele berührte, und die Erinnerung hallt noch lange nach. Vor allem die Erinnerung an eine Teilnehmerin, die nur zehn Tage nach dem Kurs an einer Überdosis starb. Ihr Porträt steht nun im Café Spiegel als Erinnerung und Mahnmal.

Übersicht über die Diagnosen der Besucher in der Drogenberatungsstelle.

Übersicht über die Diagnosen der Besucher in der Drogenberatungsstelle. Foto: Bode

Getrocknete Cannabis-Blüten hat ein Mitarbeiter des „Cannabis Social Club Rhoihesse“ in ein Glas gefüllt. (Symbolfoto)

Getrocknete Cannabis-Blüten hat ein Mitarbeiter des „Cannabis Social Club Rhoihesse“ in ein Glas gefüllt. (Symbolfoto) Foto: picture alliance/dpa

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