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Neue Ausstellung

GZ Plus IconPerücken, Pomp und Pulverdampf im Goslarer Zinnfigurenmuseum

Miniaturmodell eines prunkvollen Saals mit zahlreichen Figuren in historischen Kostümen auf einem Schachbrettmusterboden vor einer Wand mit großen Fenstern und Verzierungen

Der Maskenball in einem Schloss schwelgt in farbenfrohen Gewändern. Gekonnt ergänzen ein gemustertes Parkett und die Kombination aus Säulen mit Gold und großen Fenstern die Flachfiguren, um eine typische Gesamtszenerie aus dem Barock zu zeigen. Foto: Kaspert

Prunk, Wissenschaft und harte Realität: Die Ausstellung „Perücken, Pomp und Pulverdampf“ entführt im Zinnfigurenmuseum ins aufwühlende Barockzeitalter.

Von Jörg Kaspert Montag, 05.01.2026, 13:00 Uhr
Goslar. Was als 30-jähriger Krieg von 1618 bis 1648 tobt, wird zum Einstieg in diese Ausstellung als „europäische Katastrophe“ bezeichnet. Unter dem Titel „Perücken, Pomp und Pulverdampf“ geht es im Goslarer Zinnfigurenmuseum zum Glück nicht nur um Schlachten und Feldherrn, sondern auch um ganz andere Seiten des 17. Jahrhunderts.
Historische Miniaturszene mit mehreren Figuren, Pferden, Hunden, zwei Zelten und zwei herbstlich belaubten Bäumen vor felsigem Hintergrund

Die Jagd mit Hunden und zu Pferde gehört zu den Vergnügungen. Die Felsen dazu haben die Praktikanten des Museums selbst gebaut. Foto: Kaspert

„Im Barock erlebten Wissenschaft und Technik einen enormen Aufschwung, der die Moderne einläutete“, erzählt Kurator Roland Simon aus Norderstedt. „In der Medizin ergaben sich wichtige Erkenntnisse über den Blutkreislauf. Herausragende Persönlichkeiten leisteten bedeutende Beiträge zur Mathematik, Physik und Astronomie.“
Figuren in farbenfrohen historischen Kostümen auf einer Bühne mit Waldkulisse, darunter ein Harlekin, eine Dame im großen Kleid und ein Musiker mit Gitarre

Die Commedia del Arte aus Italien bringt feste Charaktere hervor, die in ganz Europa auftreten. Foto: Kaspert

Otto von Guericke demonstrierte den Menschen, welche Kraft in den Naturgesetzen steckt. Seine „Magdeburger Halbkugeln“ konnten auch von mehreren Pferdegespannen nicht mehr getrennt werden – weil er die Hälften mit einer Pumpe in ein Vakuum versetzt hatte.
Der äußere Luftdruck ist dann stärker als viele Pferdestärken zusammen. Da dieses Experiment als öffentliche Schauveranstaltung lief, ist Guericke der Vorläufer von heutigen TV-Sendungen, die Naturwissenschaften allgemein verständlich unters Volk bringen.

Populäres Volkstheater

Kein Volk kommt ohne Belustigungen aus – die farbenprächtige Commedia del Arte eroberte von Italien aus öffentliche Plätze in ganz Europa. Dieses Volkstheater entwarf feste Charaktere, die Slapstick, Akrobatik und Satire aufführten und hohe Anforderungen an die maskierten und kostümierten Schauspieler stellten. Dafür stand ihre Darstellungskunst erstmals im Vordergrund und nicht der Text eines Autors.
Historische Szene mit zwei Pferden, die einen Schlitten mit mehreren Personen ziehen, eine davon zeigt mit ausgestrecktem Arm nach vorne

Winterliche Schlittenfahrt in dicken Pelzen. Foto: Kaspert

Schon damals ging es um einen Mix aus vorgegebener Handlung und Improvisation – ebenfalls ein Genre, das noch heute im TV läuft. In Mode kamen auch orientalisch gekleidete Märchenerzähler, wie sie noch 200 Jahre später zum Beispiel im Kunstmärchen Kalif Storch von Wilhelm Hauff in ferne Länder entführen – ebenfalls bis heute nicht wegzudenken aus den Spielplänen von Kindertheatern. Simon erläutert: „Im Barock verschmolzen Kunst und Kultur zu einem Gesamtkunstwerk, das von Prachtentfaltung, Dynamik und starken Emotionen geprägt war. Überladene Formen und reiche Ausstattung sollten Macht und Glanz der barocken Herrschaft widerspiegeln.“

Kein Märchenland

Der Kurator hat eigene Exponate sowie von 12 Leihgebern zusammengetragen. Sie füllen zehn Vitrinen sehr farbenprächtig. Hinzu kommen Originalgegenstände aus der Zeit, die das benachbarte Goslarer Museum zur Verfügung stellt. Sie stammen mit Kämmen aus Horn, Schmuck und Fächer aus der Damenwelt.
Mehrere Miniaturfiguren in historischer Kleidung umgeben eine kleine, gelbe Sänfte auf einem sandigen Untergrund

Zeittypisch abgehoben: Mobilität mit der Sänfte. Foto: Kaspert

Dieser Zusatz macht deutlich, dass diese so verführerisch zusammengereimte Ausstellung mit den drei P im Titel keines Wegs ins Reich der Fantasie führt, sondern in eine extrem zweigeteilte Realität des 17. Jahrhunderts. „Die Schere ging sehr, sehr weit auseinander. Die Kontraste waren riesig“, sagt Marc Krüger, Leiter des Zinnfigurenmuseums seit diesem Sommer. Eingefädelt hat die pittoreske Farbenpracht noch seine Vorgängerin Lea Knupper. Sie betreut inzwischen das Kloster Walkenried.

Welche Berühmtheiten sind dabei?

Berühmte barocke Persönlichkeiten in Zinn gegossen sind: Kardinal Richelieu, Gustav-Adolf von Schweden, Gottfried Leibniz, Philosoph und Mathematiker, Albrecht von Wallenstein, Dr. Eisenbarth.
Mehrere kleine, farbige Figuren in historischen Kostümen stehen auf einem sandigen Weg vor einem grünen Wald

Ein kleinwüchsiger Spaßmacher hat es in der höfischen Gesellschaft zu Wohlstand gebracht. Foto: Kaspert

August der Starke von Sachsen begründete durch seine eifrige Kunst- und Bauleidenschaft den Ruf Dresdens als prunkvolle barocke Metropole, auch als Elb-Florenz gewürdigt. Die Szene „August der Starke begibt sich zur Jagd“ spielt mit der höfisch geschraubten Sprache.

Die Ausstellung läuft im Zinnfigurenmuseum bis April 2027, geöffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr.

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